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„Veggie Day“, „Pflicht-Homoehe“ oder warum ich mir intelligente Socialbots wünsche?

Jan 06 2017 Published by under meine realität

Der aufkeimende Wahlkampf 2017 wird von einer Debatte über Fake-News und Socialbots flankiert. Beides ist böse und es muss sofort etwas dagegen unternommen werden. Dabei reicht es häufig, die in der eigenen Timeline vorbei mäandernden Halbwahrheiten, bewussten und unbewussten, aber entstellenden, Verkürzungen zu hinterfragen. Allein es ist mühsam und lästig.

Wer kennt es nicht? Irgendwer in der eigenen Timeline springt über ein medial aufbereitetes Stöckchen, dass sich zur Skandalisierung eignet, aber mit Halb- bzw. Unwahrheiten operiert und lediglich die Stimmung der Rezipienten in eine bestimmte Richtung lenken soll.

Vor Jahren schwappte mir ein Link zu einer Petition in die Timeline. Die KraftNAV möge geändert werden, damit der Interkonnektor NorGer diskriminierungsfrei Strom aus norwegischen Pumpspeicherkraftwerken einspeisen könne. Dies passierte just nach Fukushima und wurde entsprechend hysterisch verbreitet, da dies auch von einer tendenziösen Berichterstattung des SWR scheinbar untermauert wurde. Tatsächlich war die Einspeisung bereits auf EU-Ebene geregelt und die Diskussion darüber überflüssig. Sie zeigt aber, wie emotionale Betroffenheit der Diskussionsteilnehmer die sachliche Reflektion erschwert.

Ähnliches kann man zu allen möglichen Themen und in sozialen Netzwerken immer wieder beobachten. Jüngste Beispiele aus meiner Timeline:

„Vom Westen finanzierte Weißhelme retten gleiches Mädchen an drei verschiedenen Orten“

Jens Scholz setzte dem Verbreiteter dieser Geschichte dankenswerterweise verbal etwas entgegen, woraufhin ein Link zu Mimikama, die diese „Sensation“ inhaltlich schon wiederlegt hatten, von einem anderen Diskussionsteilnehmer folgte.

„Die deutsche Tagesordnung mit Mütterrente, Mindestrente, Rente mit 63, Betreuungsgeld, der komischen Maut – die aber nicht kommen wird -, bald noch mit der Pflicht-Homoehe – wenn sie dann eingeführt wird. Die deutsche Tagesordnung genügt meiner Erwartung an deutsche Verantwortung in keiner Form“ so Günther Oettinger.

Allein er hat die „Pflicht-Homoehe“ selbst auf die Tagesordnung gesetzt und bekommt jetzt dafür Gegenwind.

Bundesumweltamt fordert höhere Steuern auf Fleisch und Milchprodukte. Kommentar aus meiner Timeline dazu: „Wir brauchen keinen Gouvernantenstaat mit Veggieday.“

Worin besteht das Problem in der Forderung der Grünen, dass öffentlichen Kantinen mit gutem Beispiel vorangehen und Angebote von vegetarischen und veganen Gerichten zum Standard werden?

Das Unternehmen, für das ich derzeit tätig bin, ist zwar keine öffentliche Einrichtung, aber dort gibt es in der Kantine jeden Tag ein bis zwei vegetarische – häufig auch vegane – Alternativen. Da das Angebot von vielen Mitarbeitern gerne angenommen wird, wurde es sogar ausgeweitet. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass andere auf Schweinebraten und Currywurst verzichten müssen.

Die Forderung der Grünen ist weder ein generelles Verbot von Fleischkonsum noch hat sie irgendetwas mit einem Gouvernantenstaat zutun, den der Kommentator hier herbei phantasiert und der eher der Linie der BLÖD-Propaganda entspricht als einer sachlichen und journalistischen Auseinandersetzung mit dem Thema.

Genau in diesem Zusammenhang wünsche ich mir intelligente Socialbots, die dem ganzen Schmarrn, der so verzapft wird, etwas entgegen halten – übrigens gerne auch von Parteien. Entscheidend ist für mich dabei, dass die Bots auf inhaltlich geprüfte Aussagen, Parteitagsbeschlüsse, Zitate etc. verweisen. Damit meine ich nicht, was BLÖD bis FAZ teilweise als Journalismus verkaufen möchten, aber lediglich die Stimmung im eigenen Interesse drehen soll, wie zum Beispiel die Diskussion um das Leistungsschutzrecht gezeigt hat. Solange es diese Socialbots aber noch nicht gibt, bleibt das Thema ein mühsames und lästiges Geschäft.

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