Wird Wikileaks den Journalismus dauerhaft verändern?

Jan 04 2010 Published by under konferenz, medienkritik, zensur

Nun wurde Ende 2009 eine Debatte um Leistungsschutzrechte für Verlage losgetreten, Paid-Content beim Hamburger Abendblatt sowie Berliner Morgenpost partiell eingeführt und Publikumsbeschimpfungen a la „Webkommunisten“ getätigt.

Zum Leistungsschutzrecht wollte man eigentlich schon einen Gesetzesentwurf vorlegen. Schließlich hatte die neue Regierung dies in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt und Angela Merkel hatte extra die Verleger zu einer Beteiligung daran aufgerufen. Die Verlage hatten im Laufe des letzten Jahres oft genug dafür Werbung in eigener Sache gemacht. Man berief sich auf die Notwendigkeit einer freien Presse für die Demokratie und unterstrich damit die eigene Systemrelevanz. Inwiefern gerade die großen Volksparteien selbst auf eine geneigte Berichterstattung auf Grund der Mediennutzung ihrer eigenen Wählerschaft angewiesen sind, sei einfach mal dahin gestellt.

Dass Paid-Content funktioniert, hat sich seit dem durchschlagenden von World of Warcraft gezeigt. Ob im Bereich Journalismus hinreichend einzigartige Inhalte bereitgestellt werden können, für die Nutzer zahlungswillig sind, wird sich künftig zeigen.

Auch wenn Matthias Döpfner, Hubert Burda & Co. in gewisser Form auf das Internet schimpfen, so könnte gerade von dort Hilfe nahen. So kündigte Wikileaks auf dem 26c3 (mp4 706 mb) an, selbst das eigene Publikationsverfahren etwas zu verändern und künftig mehr Medien in den Publikationsprozess einzubinden.

Bei Wikileaks handelt es sich um die Plattform für Whistleblower, die nach eigenem Bekunden unzensierbar ist und schon für einigen Wirbel sorgten. The National formuliert es so:

„Wikileaks has probably produced more scoops in its short life than the Washington Post has in the past 30 years“ The National

Auf der seit 2006 existierenden Plattform wurden breits über 1,2 Millionen Dokumente veröffentlicht, unter denen sich etwa folgende fanden:

by andygee1

Da sich Wikileaks hauptsächlich auf das Prüfen der Echtheit der zugespielten Dokumente, das Schützen der Quellen und die unzensierbare Publikation konzentriert, wurde die Vermarktung der eigentlichen Inhalte vernachlässigt. Somit sind viele bisher veröffentlichte Dokumente zwar öffentlich zugängig, aber noch nicht öffentlich diskutiert worden. Auf dem 26c3 kündigten Daniel Schmitt und Julian Assange an, man wolle künftig Medien mehr mit einbeziehen. Konkret steht die Idee im Raum, einzelnen Medien exklusiv Zugang zu den Dokumenten zu gewähren und nach einer bestimmten Frist die Dokumente wie zuvor zu veröffentlichen.

Dadurch hätte das jeweilige Medium einen zeitlichen Vorsprung und wäre mitunter in der Lage mehrfach darüber zu berichten. Nicht selten handelt es sich um Dokumente mit dem Umfang von mehreren Hundertseite, die journalistisch Aufbereitet und mit weiteren Informationen angereichert werden wollen. Je nach Brisanz des Themas wäre das Verkaufen von Online-Dossiers zusätzlich zu einem Erscheinen in Print vorstellbar. Allerdings müsste man dann evaluieren, ob die Werbeeinnahmen nicht unterm Strich größer sind. Schließlich hat man damit ja die Möglichkeit auf seiner Onlineplattform eine Diskussion zum Thema loszutreten und somit die Verweildauer der Leser zu erhöhen.

Den Verlagen kommt diese Entscheidung insofern zugute, da investigativer Journalismus verhältnismäßig teuer ist. Einerseits benötigt man viel Zeit für Recherche und das Pflegen eines Informantennetzwerks. Andererseits ist die Publikation der Story unter Umständen mit einem Prozessrisiko behaftet, welches der Verleger mit Unterstützung seiner Rechtsabteilung abschätzen muss. Wikileaks nimmt dem jeweiligen Medium ein Teil der Kosten und das Risiko der Publikation ab.

Auch ist es in Zeiten der Vorratsdatenspeicherung und ausufernder Überwachung für Verlage schwieriger geworden, ihren Quellen Anonymität zu gewährleisten. Von einzelnen freien Journalisten ganz zu schweigen. So setzt nur noch der Feuilletonchef, Jens Jessen, eins drauf, indem er gar eine Auflösung der Anonymität zur Wiederherstellung der Waffengleichheit fordert.

Selbst wenn Wikileaks sich entscheiden sollte einen Unkostenbeitrag für die bereitgestellten Dokumente zu verlangen, so dürfte sich das neue Publikationsverfahren für alle drei Parteien lohnen. Denn das Medium kann exklusiv berichten, Wikileaks wird finanziell unterstützt und die Öffentlichkeit bekommt die Informationen aufbereitet.

Zum Thema: Interview mit Julian Assange

by BYTE RIDER

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