Fair Edit

Sehr geehrte Chefredakteure,

da ich die Berichterstattung ihres Hauses als nicht objektiv empfand, hatte ich mich mit einer Beschwerde an den Deutschen Presserat gewandt. Dieser ist der Ansicht, eine Nicht-Berichterstattung wäre im Ermessen der Redaktion und ein Eingreifen des Presserats würde mit der Pressefreiheit kollidieren. Für mich ist die Entscheidung des Deutschen Presserats durch aus nachvollziehbar. Allerdings müssen sich Verlage dann gefallen lassen, dass Forderungen, die sie an Suchmaschinenbetreiber wie Google richten, in analoger Form an sie gerichtet werden.

Christoph Keese fordert in diesem Zusammenhang einen Einblick in den Selektions- und Indizierungsprozess von Suchmaschinenbetreibern – er bezeichnet das als Fair Search. Übertragen auf Verlagsmedien würde diese Forderung einem Einblick in die komplette Nachrichtenlage (sämtliche bei den Redaktionen eingehende Nachrichten), den Entstehungsprozess des Inhalts bis hin zur Redaktionssitzung bedeuten. Ich würde das als Fair Edit bezeichnen.

Aus meiner Sicht erfüllen Verlage die Aufgabe einer verlässlichen Komplexitätsreduktion, die mit Recht Entlohnung finden sollte. Es ist in Zeiten der Veränderung aber nicht die Aufgabe des Gesetzgebers nicht mehrtragfähige Geschäftsmodelle per Gesetz zu sichern. Bezogen auf die Komplexitätsreduktion sind Verquickungen mit Wirtschaft und Politik einer objektiven Berichterstattung abträglich und mit Vertrauensverlust verbunden. Google bietet zwar keinen vollständigen Einblick in den Entscheidungsprozess der Indizierung, aber scheinbar vertraut ein Großteil der Menschen auf die Qualität der Suchergebnisse. Würden sie dort nicht finden, wonach sie suchen, so würden sie schnell zu Bing oder einer anderen Suchmaschine wechseln und Vertrauen in Google verlieren. Der Aufwand dafür ist minimal, eben einen Klick entfernt und gleichfalls kostenlos. Wer Google allerdings vorwirft Werbung in eigener Sache zu machen, sollte sich dabei überlegen, ob er damit die eigene Bigotterie offenbart.

Wenn man sich den Pressekodex ansieht, gibt es einen guten Grund eine Transparenz den Verlagen gegenüber zu fordern. So ist derzeit nicht ersichtlich, ob es sich bei einer Nicht-Berichterstattung um bewusstes und legitimes Berichterstatten handelt oder ob schlicht fehlende journalistische Sorgfaltspflicht zur Nicht-Berichterstattung geführt hat.

Wären sie bereit, sämtliche Arbeitsschritte ihres Hauses zu dokumentieren und öffentlich zugängig zu machen, um in analoger Form Transparenz bei der Erstellung der Inhalte, wie Christoph Keese es mit Fair Search von Google fordert, zu gewährleisten?

Es lohnt sich ein Wenig über diese Frage nachzudenken, da seitens der Verlage immer wieder betont wird, wie wichtig eine freie und vor allem unabhängige Berichterstattung für die Demokratie ist. Dieses Argument fällt sowohl im Zusammenhang mit einem Leistungsschutzrecht für Verlage als auch in der Diskussion um den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, obgleich die tatsächliche Unabhängigkeit der Berichterstattung nachzuprüfen nicht möglich ist.

Die Chefredakteure von morgenpost.de, welt.de, bild.de, spiegel.de, taz.de, merkur-online.de und faz.net wurden per Mail auf diesen Text hingewiesen.

Bitte beachten Sie, dass dieser Text in meinem Blog www.presseschauer.de veröffentlicht wurde und ich mir vorbehalte Ihre Antwort ebenfalls zu veröffentlichen. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, bitte ich Sie dem ausdrücklich zu widersprechen.

Mit freundlichen Grüßen

Daniel Schultz

www.presseschauer.de

by dullhunk

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xSuv

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