Leistungsschutzrecht für Mathematiker?

Sehr geehrter Herr Döpfner,

da ihre Forderungen nach einem Leistungsschutzrecht für Presseverleger sich nach wie vor in Lobbyismus manifestieren und ihre Experimente mit Paid-Content in vollem Gange sind, kann ich wohl die fortbestehende Gültigkeit ihrer Aussage zur vermeintlichen Kostenloskultur im Internet annehmen. Damit befinden sie sich gedanklich in der Nähe der IIPA, die das Nutzen von Open-Source Software anprangert.

“Rather than fostering a system that will allow users to benefit from the best solution available in the market, irrespective of the development model, it encourages a mindset that does not give due consideration to the value to intellectual creations.” IIPA

Aus einem betriebswirtschaftlichen Standpunkt heraus verfolgt man als Verkäufer das Ziel der Gewinnmaximierung und als Käufer das Ziel der Kostenminimierung. Geregelt wird der Preis bekanntermaßen durch den Markt, so nicht der Staat Monopolrechte in Form von Patenten, Urheber- oder Leistungsschutzrechten gewährt. Die Idee darin besteht Anreize durch direkte Monetarisierungsmöglichkeiten bei Kreativen zu schaffen, um Kreativleistung zu fördern.

Dem gegenüber stehen eine Menge Menschen, die in verschiedenster Form kreativ sind und deren primäres Anliegen nicht das Geld verdienen ist. Es mag identitätsstiftend, das Streben nach Anerkennung, die Obsession für ein ausgefallenes Thema, das Gefühl an etwas richtig Großem mitzuwirken oder ein bisschen von alldem sein, aber letztlich kennt nur jeder selbst die Motivation für seine Hobbies.

Anstatt in ihrer Freizeit passiv vor dem Fernseher zu sitzen oder einfach nur Zeitung zu lesen, wird das aktuelle Tagesgeschehen dokumentiert und kommentiert. Andere machen Fotos, wieder andere arbeiten an OpenStreetMap und manch einer programmiert an einem bekannten Open-Source Projekt. Früher waren Menschen mit ausgefallenen Hobbies allein, aber heute können sie sich finden, viele sein und Berge versetzen.

Vor 10 Jahren hätte man wohl eher geglaubt, das Internet würde wieder verschwinden, als dass der altgediegene Brockhaus als Auslaufmodell eingestuft worden wäre. Doch auf einmal war der Brockhaus nicht mehr konkurrenzfähig. Die Inhaltliche Qualität der Wikipedia kann sich mit den großen Lexika vielleicht nicht immer messen, dafür ist sie aktueller, umfangreicher, detailreicher, praktischer und kostenlos. Als Konsument macht man nun eine einfache Kostennutzenrechnung und entscheidet sich, trotz der qualitativen Defizite, gegen ein gedrucktes Lexikon.

Sie können beruhigt oder unberuhigt darüber sein – diese Entwicklung macht auch nicht vor Dingen [sic!] halt. Herrscharen von Designern, Baustlern und Hackern, Profis wie Amateure, laden gerade Baupläne für Kunst- und Gebrauchsgegenstände auf thingiverse.com hoch und runter, verbessern 3D-Drucker und 3D-Scanner, und tauschen sich über ihre Fortschritte aus. Anschließend erfreuen sie sich, dem Ziel, einem Replikator wie auf der Enterprise, einen Schritt näher gekommen zu sein. Da viele sich der Urheberrechtsproblematik gewahr sind, werden bewusst Lizenzen wie Creative Commons zur Veröffentlichung der selbst kreierten Objekte genutzt. Damit können andere die Objekte nach ihren Bedürfnissen anpassen und das Derivat wieder anderen zur Verfügung stellen. Gleichzeitig entsteht ein Bedarf an Werkzeug, Raum, Rohstoff und Knowhow, der vom findigen Dienstleister in sogenannten Fab Labs befriedigt wird. Diese schießen derzeit global wie Pilze aus dem Boden.

Gleichwohl muss man sich die Frage stellen, welcher ernsthaft denkende Mensch bereit ist, Geld für ein Produkt auszugeben, für das es ein kostenloses Äquivalent gibt, das den individuellen Ansprüchen genügt? Dennoch – selbst wenn die Baupläne für Maschinen kostenfrei genutzt werden können, sind die wenigsten imstande alle nötigen Produktionsschritte selbst durchführen zu können. Hier entsteht ein Bedarf für spezialisierte Dienstleister wie etwa LasernLasern. Ebenso halte ich den Wunsch nach individuellen Produkten als auch den Wunsch nach Komfort für Faktoren, die über die Zahlungsbereitschaft der Menschen entscheiden. Somit werden nicht mehr funktionsfähige Geschäftsmodelle durch neue ersetzt. Zweifelsohne sind große Unternehmen, die den Großteil ihres Geldes mit nur einem Geschäftsmodell erwirtschaften, auf dieses fixiert und optimiert. Daraus folgt zwangsläufig eine Forderung nach der Erhaltung des Status Quo, um nicht durch die Veränderung zu Grunde zu gehen.

Leider entsteht bei den Verlagen der Eindruck, sie wären nicht bereit für eine Veränderung und damit bewogen mit allen erdenklichen Mitteln den eigenen Stand zu sichern. In der Debatte wird immer wieder die Wichtigkeit journalistischer Leistung für die Demokratie hervorgehoben, quasi als systemrelevant erachtet.

Nun muss man bei genauer Betrachtung scharf zwischen Journalismus und Verlagen trennen. Verlage sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen und dadurch den Eigentümern verpflichtet. Demzufolge ist die Boulevardisierung der Medienlandschaft betriebswirtschaftlich nur konsequent. Auch der Umgang der Verlage mit freien Journalisten zeigt, wie wertvoll den Verlagen journalistische Inhalte sind. Offensichtlich hätten sie diese am liebsten kostenlos. Bei Journalisten mit Festanstellung steigt der Druck und die Wahrscheinlichkeit den Arbeitsplatz zu verlieren.

Da Menschen mit den Fähigkeiten von Journalisten gesucht sind, landen viele, nach dem Verlust des Arbeitsplatzes, in der PR-Branche. Die dünner besetzen Redaktionen sind dann natürlich dankbar für die kostenlose Unterstützung, die dann dem Leser als Qualitätsjournalismus verkauft wird. Witziger weise tauschen PR-Unternehmen die kostenlose Platzierung und Verbreitung ihrer Inhalte gegen einen Anspruch auf Autorschaft bzw. urheberrechtliche Ansprüche. Ihnen ist sogar möglichst daran gelegen, nicht damit in Zusammenhang gebracht zu werden, da man das Vertrauen in das jeweilige Medium auch für künftige Aktionen nutzen möchte.

Ob man sich von der Idee eines durch Unternehmer gelenkten Journalismus verabschieden und andere Wege beschreiten muss?

Mir scheint, unter Bemühung der Pressefreiheit, gar ein Existenzrecht für Verlage hergeleitet zu werden. Doch empfinde ich dies ähnlich absurd, als würden Hersteller von Sicherheitsschlössern aus der Unverletzlichkeit der Wohnung eine Existenzberechtigung ableiten. Bloß hat sich im Bereich Sicherheit, die Transparenz der Abläufe als Wettbewerbsvorteil erwiesen. Im Übrigen sind die mathematischen Verfahren hinter Kryptographie auch kostenlos.

Vielleicht sollte man mal über die Berufsgruppe der Mathematiker nachdenken, die praktisch schon immer von ihrer Dienstleistung gelebt haben, da Werke in Form von Beweisen und Formeln nach dem Gesetz nicht schützbar bzw. lizensierbar sind. Da sie allerdings über Fähigkeiten verfügen, die rar und begehrt sind, sind sie finanziell gut gestellt und gesellschaftlich anerkannt.

Es sollte ihnen zu denken geben, dass ausgerechnet die von ihnen als „spätideologisch verwirrten Web-Kommunisten“ ihnen das Nichtverstehen von Marktwirtschaft vorhalten.

Bitte beachten Sie, dass dieser Text in meinem Blog www.presseschauer.de veröffentlicht wurde und ich mir vorbehalte Ihre Antwort ebenfalls zu veröffentlichen. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, bitte ich Sie dem ausdrücklich zu widersprechen.

P.S.: Wenn Springer „Zensur“ schreit…

Mit freundlichen Grüßen


Daniel Schultz

9 responses so far

  • mju sagt:

    Im Übrigen sind die mathematischen Verfahren hinter Kryptographie auch kostenlos.

    Das stimmt so nicht. RSA war lange patentiert, das Patent ist im Jahr 2000 ausgelaufen. Es wird inzwischen sehr darauf geachtet, dass die Algorithmen in den internationalen Standards frei von Patenten sind, z.B. bei AES. Weil es inzwischen genügend frei einsetzbare Verfahren gibt, verlieren alle mit Patenten belasteten Verfahren an Bedeutung, z.B. wird IDEA praktisch nicht mehr verwendet.

  • admin sagt:

    Die mathematischen Verfahren die bei RSA eingesetzt werden, wie z.B. die Eulersche Funktion, der chinesische Restsatz und Kettenbrüche, waren meines Erachtens nicht geschützt.

    Im Prinzip wurde bei RSA die Kombination dieser Verfahren geschützt.

    Daher war es gleichfalls möglich kostenfreie alternativen zu RSA zu entwickeln.

    Apropos internationale Standard: bleibt zu hoffen, dass der Video Codec H.264 in HTML5 zum Einsatz kommt.

  • mju sagt:

    Die mathematischen Verfahren die bei RSA eingesetzt werden, wie z.B. die Eulersche Funktion, der chinesische Restsatz und Kettenbrüche, waren meines Erachtens nicht geschützt.

    Das schon, die sind ja auch schon weit über hundert Jahre alt. Aber auch mathematische Verfahren wurden geheimgehalten und somit „geschützt“, z.B. die Lösungsformeln für kubische Gleichungen. Und das war im 16. Jahrhundert. Ich will nur sagen, dass die freie Verfügbarkeit der Mathematik nicht selbstverständlich so selbstverständlich ist, wie sie heute erscheint, sondern, wenn man so will, eine „Errungenschaft der Neuzeit“ ist. Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es für alle besser ist, wenn das Wissen frei verbreitet wird.

    Im Prinzip wurde bei RSA die Kombination dieser Verfahren geschützt.

    Daher war es gleichfalls möglich kostenfreie alternativen zu RSA zu entwickeln.

    Das revolutionäre an RSA war, dass es überhaupt ein mathematisches Verfahren gab, mit dem man Nachrichten ohne „geteiltes Geheimnis“ verschlüsselt austauschen konnte. Und ein sicheres asymmetrisches Verfahren wie RSA zu entwickeln ist alles andere als einfach.

    Und um sogenannte Softwarepatente, zu denen RSA sicher zählt, gibt es im Moment heftige Debatten.

    Um das Argument etwas auszuweiten: Die Mathematiker, die etwas bleibendes schaffen, leben in der Regel nicht von ihrer Dienstleistung, sondern werden vom Staat über die Universitäten finanziert. (Auch früher lebten sie z.B. von der Unterstützung von Mäzenen, wie z.B. Euler.) Hätten Gauß und Euler mit ihrer Arbeit Geld verdienen müssen, würden uns wohl heute eine Reihe wichtiger Erkenntnisse fehlen.

    Diejenigen Mathematiker, die diese vorher erarbeiteten Erkenntnisse anwenden, sind begehrt.

    Ich weiß nicht, was das für den Journalismus bedeutet: Guter Journalismus muss frei von wirtschaftlichen Druck sein? Wir brauchen eine gewisse staatliche Finanzierung von Journalismus? (Haben wir: ÖR Rundfunk.) Das Beanspruchen von Leistungsschutzrechten schadet am Ende der Allgemeinheit?

    Übrigens läuft im wissenschaftlichen Bereich gerade eine ähnliche Debatte unter dem Stichwort „Open Access“, in der es darum geht, dass Verlage sich als Verbreiter von wissenschaftlichen Erkenntnissen für unersetzbar halten und ihre „Rechte“ geschützt haben wollen. Auch dort ist seit der Verbreitung des Internets einiges ins Rutschen gekommen und Verleger kämpfen energisch im ihre Profite. Die Debatte läuft schon länger und sieht sehr analog zur Debatte der Zeitungsverleger aus. (Hab ich doch noch den Bezug zum Thema geschafft…)

    Apropos internationale Standard: bleibt zu hoffen, dass der Video Codec H.264 in HTML5 zum Einsatz kommt.

    Da bin ich mir noch nicht so sicher, ob das uneingeschränkt gut ist, ich würde Videos auch gerne mit dem Firefox abspielen können.

  • admin sagt:

    Vielen Dank für den ausführlichen Beitrag!

    Ja, wir sollten für die Erkenntnis, dass von frei flotierendem Wissen letztendlich alle profitieren dankbar sind. Daher ist der Umgang mit Patenten ja gerade so schwierig. Einerseits sind die Errungenschaften der Erfinder in vernünftiger Form zu honorieren. Und andererseits Entwicklung durch zu starke Schutzrechte zu verhindern. Stichwort: Blockadepatente oder Patenttrolle.

    Meinem Wissen nach werden die Professoren an staatlichen Universitäten verbeamtet und damit in den Staatsdienst gestellt. Und auch wissenschaftliche Mitarbeiter werden aus der öffentlichen Hand bezahlt. Daher empfinde ich ihre Forschung als Dienstleistung zum Wohle der Allgemeinheit.

    Die Diskussion um Roland Reuß ist mir bekannt und ich bin dem wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages sehr dankbar für seine Einschätzung zum Thema Open Access.

  • mju sagt:

    Meinem Wissen nach werden die Professoren an staatlichen Universitäten verbeamtet und damit in den Staatsdienst gestellt. Und auch wissenschaftliche Mitarbeiter werden aus der öffentlichen Hand bezahlt. Daher empfinde ich ihre Forschung als Dienstleistung zum Wohle der Allgemeinheit.

    Völlig richtig.

    Die Diskussion um Roland Reuß ist mir bekannt und ich bin dem wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages sehr dankbar für seine Einschätzung zum Thema Open Access.

    Das ist die Seite der Verlage. Die Seite der Wissenschaftler findet sich zum Beispiel in der Berliner Erklärung von 2003.

    Ich gehe davon aus, dass die Rolle der (kommerziellen) wissenschaftlichen Zeitschriftenverlage auf mittlere bis lange Sicht auf ein Minimum zusammenschrumpft. Viele kommerzielle wissenschaftlichen Journale werden sterben, unwiderruflich, weil kein Wissenschaftler mehr für sie arbeiten wird. Es hat schon angefangen. Und die Verlage versuchen jetzt zu retten, was zu retten ist und nutzen dabei die Naivität einiger Wissenschaftler aus, die sich für diese Dinge nicht interessieren. Aber das ist eine andere Diskussion.

  • […] auf Internetanschlüsse das Dilemma aus dem Wesen des Netzes und dem Schutz… 2 Tweets der presseschauer » Leistungsschutzrecht für Mathematiker? Der Presseschauer befasst sich mit aktuellen Themen und Themen die ihm persnlich relevant […]

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  • […] und die Pressefreiheit in Gefahr sind, sondern nur die wirtschaftlichen Interessen der Verlage, erläutert Daniel Schultz im Blog »der […]

  • […] einiger Zeit hatte ich bereits eine offene Mail zum Leistungsschutzrecht an Sie gerichtet, die Sie leider bis heute nicht beantwortet haben. Da Sie sich erneut für ein […]

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