Dialogfähigkeit und Dialogbereitschaft in der Politik

Seit etwa 2 Jahren schreibe ich immer mal wieder Politiker, Parteien und Fraktionen an, um politische Positionen zu unterschiedlichen Themen zu erfahren. Dazu versende ich E-Mails mit der Bitte um eine zitierfähige Antwort und veröffentliche die Texte in meinem Blog. Wenn dann keine Antwort kommt, hake ich schon mal telefonisch nach, um mich nach dem Verbleib der Antwort zu erkundigen. Aufgetreten bin ich in der Kommunikation stets als interessierter Bürger, was zu gewissen Schwierigkeiten geführt hat – dazu aber später mehr.

Bevor ich selbst angefangen habe mich direkt an die Politik zu wenden bzw. ich angefangen habe das Internet für politische Kommunikation aktiv zu nutzen, beschränkte sich diese auf mein direktes Umfeld. Nun hatte ich dabei immer das Gefühl, mit den Falschen zu reden, da diese einerseits meine Position schon kannten und andererseits von ihrer Position heraus nichts verändern konnten. Politische Talkshows zu verfolgen und sich darüber im Kreise der Familie, Freunde und Arbeitskollegen über die Ansichten von Politikern aufzuregen, ist unbefriedigend, da der entsprechende Politiker noch nicht einmal mitbekommt, dass man sich über ihn aufregt.

Glücklicherweise ist die Eintrittsschwelle für politische Kommunikation mittlerweile sehr gering. Dank Suchmaschinen sind Kontaktdaten in wenigen Minuten herauszufinden und gleichzeitig potenziert sich Dank Social Media der Kreis, der über diese Kommunikation informiert ist und daran anknüpfen kann. Wenn die eigene politische Kommunikation, dann auch noch öffentlich dokumentiert ist, fühlen sich mit unter wild Fremde dazu animiert, sich ebenfalls an die Politik zu wenden.

Zum Beispiel fiel bei einigen Gesprächen mit Abgeordnetenbüros im Zusammenhang mit dem Zugangserschwerungsgesetz immer wieder ein Satz, der auf diesen Sachverhalt schließen lässt:

„Von Ihnen rufen heute schon den ganzen Tag Leute an!“

Obwohl ich als Einzelperson angerufen hatte und ich mich auch selbst nicht als Teil eines organisierten Protestes gesehen habe, so wurde ich scheinbar als „organisiert“ wahrgenommen. Selbst würde ich es als viralen Protest beschreiben, ein Phänomen welches sich durch das Fehlen einer hierarchischen Organisationsstruktur auszeichnet. Stattdessen rollen permanent Resonanzwellen durch eine lockere netzartige Struktur, die Reaktionen des einzelnen bedingen. Sei es in Form einer E-Mail, eines Telefonats oder über einen anderen Kommunikationskanal.

„An welche E-Mailadresse haben Sie die Anfrage denn geschickt, ich finde sie hier nirgends?“

Wenn man auf die Webseite eines Abgeordneten oder einer Partei nach den Kontaktmöglichkeiten sieht und eine E-Mailadresse quasi direkt neben einer Telefonnummer steht, so erwartet man, dass derjenige, der dort ans Telefon geht, auch auf das E-Mailpostfach umgehend zugreifen kann. Alles andere wirkt unprofessionell; lässt einen die Hände in Gedanken vors Gesicht schlagen und denken: „OMG, wie sollen uns die Politiker vernünftig regieren, wenn deren Mitarbeiter noch nicht mal die Kommunikation auf der Reihe haben?“ Das gipfelt dann in der Frage:

„Können Sie die E-Mail bitte nochmal schicken?“

Für den Mitarbeiter scheint die Bitte eine feine Sache zu sein, weil dann vielleicht ein unangenehm und lästig empfundenes Gespräch umgehend beendet ist. Wenn allerdings nach ein paar Wochen, dieselbe Bitte wieder auftaucht, ist es einfach nur peinlich.

„Wir bekommen hier so viele Anfragen!“

Das mag schon sein – allerdings glaube ich nicht, dass es in den nächsten Jahren damit besser wird. Im Gegenteil, mit einem Auftreten von Politikern und Parteien in sozialen Netzwerken wird eine Dialogbereitschaft suggeriert, die vielfach nicht erfüllt werden kann und dann, meines Erachtens, dem Politiker bzw. der Partei eher schadet. Daher sollten gerade die Presseabteilungen der Parteien bzw. Fraktionen sich besser jetzt überlegen, wie sie mit den vielen Anfragen umgehen wollen. Die von mir beschriebene politische Kommunikation und Partizipation, aus Sicht des Bürgers, steht eben noch ganz am Anfang. Und wenn nicht auf Anfragen von Einzelnen geantwortet wird, aber gleichzeitig auf großflächigen Plakaten für Vertrauen und Glaubwürdigkeit der Partei geworben wird, so muss man sich nicht über eine steigende Politiker- und Parteienverdrossenheit wundern. Gleichfalls sollte man sich davor hüten, diese als Politikverdrossenheit zu missinterpretierten.

„Sind Sie denn Journalist?“

Da Journalismus keine geschützte Berufsbezeichnung sondern eher eine Tätigkeitsbeschreibung ist, empfinde ich diese Frage, gegen über jemandem, der Fragen an Parteien im Internet veröffentlicht, als lächerlich. Bei den Grünen sah das der Mitarbeiter der Presseabteilung anders und meinte er wäre, auf Grund eines fehlenden Presseausweises, nicht für mich zuständig. Dass Google nicht nach einem Presseausweis fragt und ich auf eine veröffentlichbare Stellungnahme der Partei bestand, spielte dabei keine Rolle. Bei der CDU/CSU Fraktion überlegt man derzeit (sic!), wie man überhaupt mit Bloggern umgehen soll, da diese ja keine Presse wären, aber gleichzeitig für alle einsehbar publizieren. Zumindest erklärte man mir das bei meinem letzten Telefonat mit der Fraktion so. Natürlich kann man jetzt argumentieren, ich wäre nicht so relevant wie ein Redakteur einer Tageszeitung, da meine Reichweite zu gering ist. Dabei verdrängt man allerdings die Resonanzfähigkeit von Inhalten, die auch von jemand wenig bekannten erzeugt werden können, und die potentielle Verbreitungsgeschwindigkeit durch Social Media. So fanden sich auch bei mir auf einmal Verweise auf meine Texte bei Carta, Bildblog oder Netzpolitik und ließ die Zugriffszahlen in Höhe schnellen, einfach weil der Inhalt relevant war.

Fazit

Auch wenn die Politik Dialogbereitschaft signalisiert, ist es mit einer Dialogfähigkeit noch nicht sehr weit gediegen. Man scheint weitgehend strukturell noch nicht mit netzartigen Organisationsformen zu Recht zukommen und fokussiert sich weiterhin auf eine Kommunikation über Massenmedien. Die wenigen Politiker, die sich heute schon von einer hierarchischen Kommunikation abgewendet haben, geraten in Konflikt mit den Kommunikationsprozessen der eigenen Partei, da dort scheinbar noch das Credo – „One Face to the customer“ – das Handeln bestimmt. Die Parteien, die in der Lage sind sich am schnellsten an eine netzwerkartige Struktur anpassen können und eine Dialogbereitschaft ernst meinen, werden in den nächsten Jahren am meisten vom Internet als Kommunikationsplattform profitieren.

by catspyjamasnz

2 responses so far

  • Rapha sagt:

    Danke lieber Presseschauer! – Ich bin einer von denen, die hin und wieder durch dich angestoßen werden in Kontakt zu den Politikern zu treten. Leider muss ich zugeben, dass es mir in der Regel zu doof ist nochmals nachzuhaken und begnüge mich dann halt mit „keine Antwort“ ;-(

    Super, dass du das dran bleibst und die Politiker damit auf die bevorstehende Kommunikationswelle vorbereitest. Die Demokratie der Zukunft muss auf den Beinen der Basis stehen, unnötige Zwischenschichten müssen abgeschafft werden. Das Netz wird hier eine wichtige die Rolle spielen.

  • […] @presseschauer über die Kommunikations(un)fähigkeit/willigkeit der Politiker #Basisdemokratie Ähnliche Beiträge:Frage an die Politik […]

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yubFb

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