Warum Sascha Lobo den moralischen Schwarzen Peter verdient hat?

Sep 06 2010 Published by under meine realität, Rechteverwerter

Am Wochenende habe ich mich mit Art. 14 GG und dem „geistigem Eigentum“ auseinandergesetzt. Dabei war ich zu der Überzeugung gekommen, dass der Gesetzgeber zwar prinzipiell ein „geistiges Eigentum“ über das einfache Recht ausgestalten kann, er dazu aber nicht verpflichtet ist. Obwohl es im Streitgespräch zwischen Sascha Lobo und Marcel Weiss anlässlich der all2gethernow um den neutralen übergeordneten Begriff des Immaterialgüterrechts ging, fiel fast zwangläufig der umstrittene Kampfbegriff „geistiges Eigentum“.

Während Sascha auf die Moralkarte setzte und versuchte durch rhetorische Finesse Marcel zu einem unmoralischen Statement zu bewegen, zog sich Marcel auf eine ökonomische, aus seiner Sicht wertfreie, Betrachtung zurück. Bei der Frage, ob Musiker das Recht haben sollten, durch den Verkauf von Musik (sic! Nicht der Tonträger), die Butter auf ihr Brot zu bekommen oder dafür alternative Erlösströme(Verkauf knapper Güter) bemühen sollten, redeten sie einfach aneinander vorbei.

Auf der moralischen Ebene stand eine Arschlochmentalität durch Filesharing der nüchternen Frage nach der Gewährung von Monopolrechten gegenüber. Dabei vertrat Marcel die Auffassung, dass durch Monopolrechte der Gesellschaft Nachteile entstünden, wohingegen Sascha illegales Filesharing als pubertären bis spätpubertären Egoismus verstand. Nach Sascha solle es einem Künstler freistehen, ob er Filesharing bewusst zulasse oder seine Musik verkaufen und davon leben wolle.

Doch warum sollte ein Monopolrecht negative Auswirkungen haben?

Als Beispiel kam aus dem Publikum von Marcel (update:21:39 Uhr – danke für den Hinweis) eine Anekdote zu Franz Kafka, der seine Werke nach seinem Ableben verbrannt wissen wollte. Doch wurden diese nicht verbrannt und blieben damit der Nachwelt erhalten. Eigentlich wurde damit sein Urheberrecht verletzt, weil ihm das ausschließliche Verbreitungsrecht zustand. Gleichfalls wurde dann Kafka als Ausnahme angesehen, bei dem eine derartig Rechtsverletzung zu tolerieren wäre. Doch das ist bei der Beantwortung einer prinzipiellen Frage ähnlich zielführend wie die Beschränkung der Privatkopie auf Mixtapes – eben gar nicht.

Diesbezüglich könnte man Franz Kafka eine egoistische Arschlochmentalität unterstellen und auf einmal läge der moralische Schwarze Peter bei Sascha. Und genau das mache ich hiermit.

Die Generierbarkeit von urheberrechtlich geschützten, weil die Schöpfungshöhe erreichenden, Werken möchte ich hier zwar erwähnen, allerdings nicht weiter ausführen.

Eigentum verpflichtet!

Wenn man gebrauchte mp3s, im Sinne eines „geistigen Eigentums“, nicht weiterverkaufen kann, auch wenn sie gelöscht würden, dann ist dies unlogisch und zwangsläufig eine Enteignung des Käufers dieses „geistigen Eigentums“. Entsprechend setzt die Verwertungsindustrie zunehmend auf die Gewährung von Nutzungsrechten, die durch technische Maßnahmen auch leichter wieder entzogen werden können. Das lässt sich derzeit etwa bei Herstellern von Computerspielen oder bei der Einführung von HD+ beobachten.

Der ökonomische Wert einer Wertschätzung wird durch ein Monopolrecht einem freien Markt entzogen. Zwar mag man einwerfen, der Preis finde sich schon, da ein Urheber ja von etwas leben wolle und somit keine Mondpreise festlegen könne. Dabei trifft man aber die Annahme, der Schaffende wäre auf den Erlös seiner Werke angewiesen. Entsprechend kann die sich selbstverwirklichende Millionärsgattin tatsächlich Mondpreise für ihre Toskana Aquarelle verlangen, ungeachtet der „künstlerischen“ Leistung. Was eben die ursprüngliche Annahme widerlegen dürfte.

Dennoch gebe ich zu, dass das Urheberrecht nicht gerade das Monopolrecht ist, bei dem ein solcher Zusammenhang schnell offensichtlich ist. Es sein denn, es handelt sich um Metall auf Metall. Deshalb möchte ich kurz das Patentrecht streifen.

Zwar wird dieses Monopolrecht nicht automatisch und nicht bis zu 70 Jahre nach dem Tod des Autors gewährt, doch die Implikationen sind erheblich tiefgreifender. Große Unternehmen, die teilweise mehrere zehntausend Patente halten, können nicht jedes Patent in ein Produkt verwandeln, gleichfalls werden strategische Patente gehalten um den Markteintritt von Konkurrenten in diesem Bereich zu unterbinden. Dadurch werden zur Profitmaximierung gewährte Monopolrechte missbraucht und der Allgemeinheit Technologie vorenthalten. Theoretisch kann es etwa zu der Situation kommen, dass zwei Pharmaunternehmen durch das Halten strategischer Patente sich gegenseitig an der Entwicklung eines lebenswichtigen Medikamentes hindern. Wenn diese Unternehmen keine wirtschaftliche Einigung erzielen, muss im ungünstigen Fall das Ablaufen der Patente abgewartet werden.

by alessandraelle

Warum es ohne Immaterialgüterrechte und mit Filesharing geht

Ersteres ist historisch belegt, auch wenn die Musikindustrie des 20 Jahrhunderts die Mäzenkultur in gewisser Weise industrialisiert und ökonomisiert hat. Der Musiker wurde so zum Investitionsobjekt und die Selektion des Portfolios zu einer wirtschaftlichen Entscheidung. Die derzeitige Casting-Maschinerie ist nur eine Fortführung dieses Gedanken, der Profitmaximierung durch Massentauglichkeit zur Konsequenz hat. Vielleicht sollte man besser den Begriff Tonträgerindustrie verwenden, da das Geschäftsmodell den Verkauf eines Produktes des Tonträgers (und nicht der Musik) vorsah. Bekanntlich war die Herstellung, Verbreitung und das entsprechende Marketing für einen Musiker, der sich meist lieber einfach mit seiner Musik auseinandersetzen möchte, nicht bezahlbar.

Mit der Digitalisierung verschwand ein Teil der Kosten und eröffnen nun dem Musiker neue Möglichkeiten, wie Marcel auch immer wieder bemerkt. Auf einmal ist es Menschen, die sich zum Musiker berufen fühlen, möglich ohne Plattenvertrag, ein Publikum zu finden und von Fans finanziert zu werden. Wer sich als Künstler dennoch ausschließlich auf seine Musik konzentrieren möchte, kann sich weiterhin vermarkten lassen, doch sind die Kosten dafür geringer und die Verhandlungsposition des Künstlers besser. Und hier stehen wir erst am Anfang – Macht der Gewohnheit. Wenn ich CDs kaufe wird sich schon jemand drum kümmern, dass meine Lieblingsband ein neues Album produzieren und auf Tournee gehen kann – huch, ich kaufe ja gar keine CDs mehr und eigentlich will ich auch nicht das meine Lieblingsband gerade mal 5% vom verkauften Album erhält. Und schon sind wir bei den knappen Gütern von Marcel.

Das knappeste Gut, welches ein Künstler, ein Erfinder oder ein Autor hat, ist die eigene Lebenszeit, gefolgt von seiner Gesundheit. Deshalb wissen die Fans von Tim Pritlove genau, wenn sie es ihm nicht ermöglichen, ein vernünftiges Auskommen zu haben, ihm Geld für Equipment oder eine BahnCard 100 zu kommen lassen, dann gibt es einfach keine oder weniger neuen Podcasts. Weil Tim dann anders für Butter auf sein Brot sorgen muss.

Und so verändert sich das Mäzentum durch die Digitalisierung erneut.

Update 21:51 Uhr:

Zusammenfassung auf Netzpolitik.org

Update 22:40 Uhr:

Fazit von Marcel Weiss

by jurvetson

6 responses so far

  • Marcel Weiss sagt:

    Danke für den Text.
    Kurzer Hinweis: Das Kafka-Beispiel kam von mir.

  • […] Die Gegenthese liegt also zumindest in einer Rechtsgueterabwaegung zwischen dem Interesse der Gesellschaft an kulturellen Werken und dem (postulierten) Verfuegungsrecht des Kuenstlers ueber seine Werke begruendet. Fuer den Fall, dass der Kuenstler tatsaechlich ein Eigentum an seinen Werken besitzt, leitet Daniel Schultz diese Abwaegung auch aus Artikel 14 GG (“Eigentum verpflichtet”) h… […]

  • Jemi sagt:

    Monopole werden nur wirklich zum Problem wenn es um die Verteilung Von knappen Guetern oder die Bereitstellung Von Grundbeduerfnissen geht. Die einseitige Marktmacht fuehrt zu Ineffizienzen. Sicherlich gibt es durch die Einzigartigkeit eines Kunstwerkes eine gewisse monopolartigkeit der Situation, wenn mann dem Urheber exclusive Rechte zugesteht. Von einem wahren Monopol wuerde ich jedoch nicht sprechen, da es fuer die Konsumenten einen wahren Ueberfluss an Alternativen gibt.

    Auf Anbieterseite (knappes Gut = Zeit des Kuenstlers) kann man auch nicht wirklich Von einem Monopolproblem sprechen, da der Schaffende genug Alternativen hat, um Brot und Butter zu verdienen. Die Monopolmetapher hinkt gewaltig.

    Betrachtet man einen Kuenstler oder Schriftsteller als langfristig aufzubauende, emotional belegte ‚Marke‘, dann damn hat das Egosimusargument, wenn auf einzelne Individuen bezogen, genauso viele Loecher. Jemand, der privat ein Musikstueck kopiert, oder eine Textpassage kopiert (mit entsprechender Quellenangabe natuerlich), der hilft dem Schaffenden langfristig beim Aufbau seiner Marke fuer sich selbst, Und fuer seine Inhalte. No harm done, really.

    Richtiger

  • Jemi sagt:

    Continued… Richtiger Schaden entsteht, wenn der Schaffende die Kontrolle ueber seine Werke an Zentral kontrollierte Mechanismen der Verbreitung Verliert. (think Verlage, Plattenfirmen, Radio, TV, filesharing Seiten.) Eine Allianz auf Zeit mit solchen Medien ist fuer den Kuenstler beim Aufbau seiner Marke Von Vorteil. Langfristig ist es immer interessanter direkt zu Vermarkten. Das durch die neuen Medien ermoeglichte direkte Maezaenentum durch den Konsumenten wird uns eine aufregenede, kreative Zukunft bescheren. Kopieren fuer den persoehnlichen Gebrauch und ohne finanzielle Vorteilsnahme ermoeglicht virales Branding, und unterstuetzt den Schaffenden im immer staerker werdenden Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der- Und langfristige, emotionale Bindung mit dem Konsumenten.

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