In eigener Sache: Verlegerinteressen

Sehr geehrter Herr Burda,

schön, dass Sie mal wieder die Zeit gefunden haben, sich in diversen Interviews zur Situation der Verlage zu äußern. Dabei entsteht zunehmend der Eindruck, die FAZ geriere sich als willfährige Sperrspitze der Verlegerinteressen. Und daher trifft ihr Vorwurf gegenüber Google gleichfalls auf die Verlage zu.

„Ich glaube nicht, dass Search bei Google fair ist. Denn Google legt ja die Kriterien der Suche nicht offen.“ Hubert Burda

Ich glaube nicht, dass die Berichterstattung bei den Verlagen fair ist. Die Verlage legen die Kriterien ihrer Themenauswahl ja auch nicht offen. Themenauswahl, und wie über Themen berichtet wird, wirft die Frage auf, ob die Verlage überhaupt ein Interesse an ausgewogener Berichterstattung haben?

Zwar geben die Verlage immer vor für die Meinungsbildung in der Demokratie unerlässlich zu sein, doch ausgerechnet beim Leistungsschutzrecht wird über Verlagspublikationen die Verlegermeinung indoktriniert. Wer sich zu diesem Thema eine differenzierte Meinung bilden möchte, ist auf Informationen aus Blogs, den Öffentlich-Rechtlichen oder dem Ausland angewiesen, da ein Diskurs in den Medien deutscher Verleger praktisch nicht stattfindet.

Bemerkenswert ist allerdings ihre Äußerung zur wirtschaftlichen Seite, da für das Leistungsschutzrecht immer wieder ein Marktversagen als Begründung herangezogen wurde.

„Man spürt allgemein in unserer Branche, dass die Ergebnisse Ende des Jahres und auch der Forecast fürs kommende Jahr langsam auf das Niveau der Jahre vor der Krise, also 2006 oder 2007, zurückkehren werden. Es wurde viel gearbeitet in den Verlagen, auch auf der Kostenseite. Und wir sehen an der ganzen Diskussion über Bezahlinhalte und Gratiskultur im Netz, dass wir ein sehr tragfähiges Geschäftsmodell haben. Wir haben stabile Vertriebserlöse und ein Anzeigengeschäft, das zum Teil zurückgekommen ist.“ Hubert Burda

Nun hebt Mathias Döpfner in seiner Widersprüchlichkeit auch hervor, wie wichtig die Entwicklung von Paid-Content-Modellen ist, um dabei Gratisinhalte „abstruse Fantasien von spätideologisch verirrten Web-Kommunisten” zu stigmatisieren. Und das, ungeachtet der Tatsache, dass werbefinanzierte Inhalte für den Verbraucher definitiv Kosten verursachen. Dabei bewirken Paid-Content-Modelle das Gegenteil, was Mathias Döpfner vorgibt als Verleger verhindern zu wollen – die Fragmentierung der Gesellschaft.

„Wenn sie alle einen anderen Blog gelesen haben, werden Sie nichts mehr haben, worüber sie sich unterhalten können“ Mathias Döpfner

So führen Paywalls doch erst zu einer Zersplitterung der Gesellschaft in kleine und kleinste Öffentlichkeitsfragmente, da nicht jeder alle Verlagsangebote bezahlen kann oder möchte. Daher muss im Zusammenhang mit einem Leistungsschutzrecht die integrative Wirkung von Suchmaschinen und Aggregatoren sowie deren Bedeutung für eine freie Presse berücksichtigt werden.

„Wir haben das CPC-Modell für Google-Anzeigen akzeptiert, weil wir uns auf ihre Währung eingelassen haben. Und dann kamen noch die Werbekunden, die sagten: Endlich haben wir ein Modell, wo wir die Response auf eine Kampagne genau messen können.“ Hubert Burda

Letztendlich haben die Werbekunden das CPC-Modell1 akzeptiert, da es für sie in verschiedener Hinsicht eine Verbesserung darstellt. Google und Facebook kennen die Zielgruppen der Werbetreibenden besser als die Verlage, daher können diese spezifischer angesprochen werden und das minimiert Kosten für Streuverluste. Im Übrigen sollten Sie sich überlegen, ob Werbung, die nicht die Zielgruppe trifft, tatsächlich Begierde weckt oder eher belästigend wirkt?

Nun drehen die Verlage selbst an der an der Kostenschraube und das ist aus unternehmerischer Sicht nachvollziehbar. Doch verdeutlicht der Stellenabbau in den Redaktionen, dass es sich beim Hervorheben der Wichtigkeit freier Presse, die gerne mit der Verlegertätigkeit gleichgesetzt wird, um ein Scheinargument handelt. Verlage sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen und so verhalten sie sich auch. Natürlich hat ein Abwandern von Journalisten hin zu PR-Agenturen, Verbänden und PR-Abteilungen von Unternehmen finanzielle Vorteile für Verlage als Wirtschaftsunternehmen. Die noch verbleibenden Journalisten sehen sich aber einer wachenden Zahl von PR-Spezialisten gegenüber, die die Abläufe in den Redaktionen kennen und so passgenaue Kommunikation für ihre Kunden platzieren können. Daraus resultiert zwangsläufig ein Verlust von Glaubwürdigkeit und Vertrauen in Presseerzeugnisse, da einseitige Inhalte2 , wie etwa beim Leistungsschutzrecht, vorprogrammiert sind.

Wenn Sie ihr Geschäftsmodell für so tragfähig halten, warum rufen Sie dann nach dem Staat, statt wenigsten zu versuchen, ein ihnen schon zustehendes Leistungsschutzrecht durchzusetzen?

Bitte beachten Sie, dass dieser Text in meinem Blog www.presseschauer.de veröffentlicht wurde und ich mir vorbehalte Ihre Antwort ebenfalls zu veröffentlichen. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, bitte ich Sie dem ausdrücklich zu widersprechen.

Mit freundlichen Grüßen


Daniel Schultz

  1. Cost per Click []
  2. Mir scheinen Interview und Kommentare besonders beliebt, da man im Zweifel immer noch behaupten kann, es würde nicht die Position der Redaktion wiederspiegeln. Doch letztlich hat man es in der Hand, wem man eine Plattform gibt… []

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GYUi

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