Eine Preisbildung bei Null ist kein Strukturfehler des Markts

Sehr geehrter Herr Keese,

erst mal ein frohes Neues Jahr. Ich hoffe Sie konnten die besinnlichen Tage im Kreise Ihrer Liebsten verbringen. Ansonsten wollte ich erwähnt haben, dass mir Ihr Interview zum Leistungsschutzrecht bei promedia nicht entgangen ist und ich daher erneut eine offene Mail an Sie richte.

„Dieses sogenannte Ausschließlichkeitsrecht ist ordnungs- und wirtschaftspolitisch die liberalste Variante, die das Urhebergesetz kennt. Was heißt das? Wer ein Recht nutzen möchte, fragt vor der Nutzung den Eigentümer und bekommt von ihm eine Genehmigung, für die er bezahlt. Das funktioniert nicht viel anders als beim Automieten oder beim Milchkauf. Der Kunde muss auch dort nicht kaufen, er kann sich frei entscheiden. Wenn er sich aber zum Kauf entscheidet, gibt er dem Eigentümer Geld und kann die Ware nutzen.“ Christoph Keese

Nun hatte sich Mathias Döpfner bereits in Widersprüchen verstrickt, bei der Frage, inwiefern ein „geistiges Eigentum“ liberal sein kann. Ob es tatsächlich die liberalste Variante des Urheberrechts sein sollte oder dies schlicht ein rhetorischer Trick ist, um bei liberalen Lesern Sympathiepunkte zu erheischen, vermag ich nicht zu beurteilen. Ansonsten – auch wenn Sie später im Interview einräumen, Vergleiche würden hinken – ist der Sachverhalt nicht so einfach, wie Sie ihn darstellen. Im Gegensatz zu immateriellen Gütern sind physische Güter nur an einem Ort zur gleichen Zeit. Könnte ein Kunde im vorbeigehen die Milch oder das Auto kopieren, dann wäre die Situation schon eher vergleichbar. In Wirklichkeit geht es aber um die Schaffung eines neuen Eigentumsrechts, hierbei waren die Verlage bisher noch nicht einmal in der Lage, dessen Abgrenzung zu skizzieren.

„Über die Anziehungskraft des Preises Null im Internet liegt inzwischen ja eine umfangreiche Literatur vor, der man eine gewisse revolutionär-anarchische Kraft nicht absprechen kann. Hier bricht sich etwas Bahn, was in den Gründungsjahren der Computerindustrie und des Internets angelegt worden ist. Silicon Valley liegt in der Nähe von Haight-Ashbury, und das ist kein Zufall. Computer und kalifornische Kommune entstanden zur selben Zeit. Jedoch lehrt die allgemeine Lebenserfahrung, dass Freibier nicht für immer fließen kann, ohne dass die Brauerei pleite geht.“ Christoph Keese

Ah, „revolutionär-anarchische“ ist das Neue „spätideologisch-verirrt-webkommunistisch“. Aber Spaß bei Seite – Sie, als studierter Ökonom, sollten doch wissen, dass eine Preisbildung weder etwas Kommunistisches noch etwas Anarchistisches an sich hat, sondern den liberalen Gesetzen des Marktes folgt, so sie nicht durch ein Monopolrecht, welches das Leistungsschutzrecht zweifelsohne ist, ausgehebelt wird. Wäre Bier kopierbar, würde Freibier für immer fließen und Brauereien obsolet – es sei denn, sie wären in der Lage sich neu zu erfinden. Etwa in dem sie Dienstleistungen rund ums Bier anbieten würden. Dabei hat gerade die IT-Branche gelernt Produkte mit einem faktischen Marktpreis von Null in ihre Geschäftsmodelle zu integrieren. Viele große IT-Unternehmen haben ein veritables Interesse an der Förderung kostenloser Produkte, und wenn man damit einen Konkurrenten ärgern möchte. Microsoft war sicher nicht begeistert, als OpenOffice, als freie und kostenlose Alternative, auftauchte und jetzt versucht Microsoft mit einem ähnlichen Ansatz durch eine Kooperation mit OpenStreetMap die Vorherrschaft von Google im Bereich der Kartendienste in Frage zu stellen. Scheint als wären Hippies kreativ und geschäftstüchtig genug, um mit der Herausforderung, Produktpreis gleich Null, umgehen zu können.

Auch wenn die neue ARD Intendantin, Monika Piel, scheinbar auf die Verlage zugeht, in dem sie anbietet, die Apps der Öffentlich-Rechtlichen kostenpflichtig zu machen, wenn es die Verleger schaffen, ALLE ihre Apps kostenpflichtig zu machen, so beschreibt dies nur das Gefangenendilemma der Verlage.

Und was wäre, wenn mit einem Mal der Preis für Werbung auf Null sinkt?

„Presse kann nur frei sein, wenn Verlag und Redaktion im direkten wirtschaftlichen Austausch mit ihren Kunden und Lesern stehen. Geht das nur mit dem Leistungsschutzrecht? Nein, aber ohne wird es immer schwerer. Wenn alles, was wir schöpfen, digital wird und mit einem Mausklick zu kopieren ist, dann fehlt es ohne Leistungsschutzrecht an dem Zaun, ohne den Wirtschaften unmöglich ist. Der Zaun, die Mauer und das Schloss sind in der Wirtschaft das, was in der Zellbiologie die Membran ist. Ohne Membran kein Potentialgefälle, und ohne Gefälle steht der Entropie nichts mehr im Wege – das Leben erlöscht. Das Leistungsschutzrecht ist ein Teil der Membran, ohne die Verlage in der digitalen Welt nicht leben können. Ohne Membran, ohne Zaun gibt es nichts mehr zu verkaufen, weil sich jeder alles einfach nimmt. Und wenn es nichts mehr zu verkaufen gibt, wird aufgehört zu produzieren1.“ Christoph Keese

Wir werden alle sterben!

Sie haben mich überzeugt, wir brauchen unbedingt ein Leistungsschutzrecht, es geht ja um Leben und Tod. Aber mal im Ernst – die von Ihnen gewählten Worte bestätigen den immer wieder kritisierten Versuch einer Besitzstandwahrung, der durch die biologischen Ausführungen nur noch gesteigert wird. Ebenso ist herauszulesen, wie Pressefreiheit auf Verlagsinhalte reduziert wird. Wäre die Publikative allein auf Verlagsinhalte beschränkt, so wäre sie nicht annähernd so vielfältig und reichhaltig wie sie tatsächlich ist.

„Jedem steht es frei, die Leistung anzunehmen oder nicht. Wer sie freiwillig annimmt, empfindet den Preis nicht als „Belastung“ – es ist ja keine Steuer oder Zwangsabgabe.“ Christoph Keese

Weder Hans-Joachim Fuhrmann noch Christoph Fiedler waren bisher im Stande zu erklären, ob Google, so zwanglos wie von Ihnen beschrieben, für sich diese Leistung ablehnen kann? Als ich Sie auf die Möglichkeit der Deindizierung durch Google ansprach, brachten Sie selbst das Kartellrecht ins Spiel und mir ist dadurch noch immer schleierhaft wie „freiwillig“ Google sich eben entscheiden kann.

„Alle wesentlichen Werkmittler haben ein solches Recht, zum Beispiel Tonträgerhersteller, Filmproduzenten, Konzertveranstalter oder Datenbankhersteller. Nur Presseverlagen steht das Recht bisher nicht zu.“ Christoph Keese

Es gibt Juristen, die der Meinung sind, Verleger würde sehr wohl schon ein Leistungsschutzrecht gewährt und zwar das der Datenbankhersteller. Doch soweit mir bekannt ist, stellen die Verleger lieber das Leistungsschutzrecht von anderen in Frage, als selbst zu prüfen, ob der bestehende Rechtsrahmen nicht ausreicht. Oder geht es den Verlegern nur um das ‚Haben‘ des Rechts? Damit sie ‚meins‘ sagen können?

Ungeachtet meiner Kritik, zu der ich mir gleichfalls eine Stellungnahme wünsche, habe ich eine Frage:

Angenommen es gäbe ein Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Sollte ein Ereignis eine oder mehrere juristische oder natürliche Personen als Verursacher haben, sollten nicht diese dann ebenfalls für ihre Leistung entlohnt werden? Schließlich fallen Politiker und Prominente einer gewerbsmäßigen Ausbeutung durch Journalisten und Verlage anheim.

P.S.: Wenn sogar Abgeordnete des Deutschen Bundestags meinen Vertrauensbeweis Ihnen gegenüber als „ich habe mich wohl verarschen lassen“ werten, dann darf ich mich doch von Ihnen hingehalten fühlen oder?

Bitte beachten Sie, dass dieser Text in meinem Blog www.presseschauer.de veröffentlicht wurde und ich mir vorbehalte Ihre Antwort ebenfalls zu veröffentlichen. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, bitte ich Sie dem ausdrücklich zu widersprechen.

Mit freundlichen Grüßen


Daniel Schultz

[Update 18:45] Hier noch der dazu passende Vortrag von Eckhard Höffner:

  1. Als ob! []

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