Leistungsschutzrecht, das tote Pferd

Mai 17 2011 Published by under der presseschauer fragt nach, Rechteverwerter

Werter Herr Keese,

vielen Dank für die schnelle und ausführliche Antwort zu meiner offenen Mail von letzter Woche. Hierzu noch einige Anmerkungen meinerseits.

„Im deutschen Zeitungsgeschäft musste unser Haus einen Rückgang bei Umsatz und Gewinnmarge verzeichnen. Das verschweigen Sie, obwohl es deutlich in unserer Pressemitteilung steht. Warum reichen Sie diese Information nicht an Ihre Leser weiter?“ Christoph Keese

Das werte ich mal als 1a Publikumsbeschimpfung, da diese Darstellung suggeriert, Leser meines Blogs wären uninformiert oder wenigstens nicht in der Lage einem Link zu folgen, aus dem sich alles Weitere ergibt.

„Zu einer simplen Botschaft nach Muster „Konzern heuchelt“ würde eine solche Überschrift allerdings kaum taugen. Sie müssten dann der komplexen Wirklichkeit auf den Grund gehen. Wollen Sie sich dieser Mühe nicht unterziehen? Die Wirklichkeit verändert doch am meisten, wer sie am besten beschreibt.“ Christoph Keese

Wie Sie selbst schreiben, spielt Journalismus ökonomisch für die Axel Springer AG eine untergeordnete Rolle, denn „der erfreulich hohe Umsatz stammt nur zu einem sehr geringen Teil von unseren journalistischen Webseiten“. Sie wissen genau, dass ich den ökonomischen Aspekt des Leistungsschutzrechts für Presseverleger aus unterschiedlichen Gründen kritisiert habe. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hält es nicht für die goldene Kuh – ich halte es für ein totes Pferd.

Die fehlende institutionalisierte Presse wird zu einer unüberschaubaren Zahl von Akteuren, die ein Leistungsschutzrecht für Presseverleger für sich in Anspruch nehmen könnten, führen. Das macht die Verteilung der Einnahmen der Verwertungsgesellschaft, so sie die Verwaltungskosten überhaupt übersteigen, nicht einfacher. Ebenso können sich Juristen dann freuen, es wird viel Klärungsbedarf – wer wann wo wessen Rechte verletzt – geben.

Des Weiteren dürfte die Deindizierung Leistungsschutzrecht behafteter Inhalte durch Suchmaschinen empfindliche Reichweiteverluste zur Folge haben. Ja, das Kartellrecht hatten Sie in diesem Zusammenhang schon angesprochen, daher bin ich im Gegensatz zu Christoph Fiedler und Wolfgang Fuhrmann der Ansicht, es handelt sich beim Leistungsschutzrecht um eine Zwangsabgabe. Doch was, wenn das Bundeskartellamt entscheidet: Google muss zwar indizieren, aber die Verlage dürfen dafür keine Lizenzgebühren erheben?

Schließlich wäre noch der Verlagsleistungsblocker – der Leistungsschutzschutz – zu erwähnen, das einzige sinnvolle Geschäftsmodell, das mir im Zusammenhang mit dem Leistungsschutzrecht für Presseverleger untergekommen ist. Damit würden Unternehmen in die Lage versetzt, ihren Mitarbeitern Zugang zum Internet am Arbeitsplatz zu gewähren, ohne ein finanzielles Risiko wegen etwaiger Unterlizensierung einzugehen.

Sie sehen die ökonomischen Risiken, die die Axel Springer AG ihren Aktionären gegenüber zu verantworten hat. Wann gedenken Sie denn mit dem Leistungsschutzrecht die Gewinnschwelle zu erreichen?

Kurz noch zum Interview:

„Wir haben ein zur Veröffentlichung bestimmtes Streitgespräch geführt, kein Interview“ Christoph Keese

Mussten sie deshalb den Blogpost Ein mysteriöses Interview löschen? Weil es sonst nicht in ihre Argumentationslinie passt? (Update 19.05.2011: Christoph Keese hat den Artikel offenbar wiederhergestellt.) Ja, ich kann mich noch daran erinnern, als Sie mir eröffneten, selbst Fragen an mich vorbereitet zu haben und deshalb ein Streitgespräch führen zu wollen. Mir kam es im Wesentlichen darauf an, meine Fragen stellen zu können. Genau das konnte ich und damit habe ich praktisch ein Interview geführt. Es wäre also ohne weiteres möglich das von mir geführte Interview zu extrahieren und gesondert zu verwerten.

Falls wir uns auf eine gemeinsame Urheberschaft einigen könnten, stellt sich die Frage, ob noch etwas dagegen sprechen würde, mir die Tonaufnahme zukommen zu lassen. Ihr Büro war mir gegenüber der Ansicht, das wäre nicht möglich. Daraus resultiert übrigens ihre Interpretation des „Verdacht[s], Keese halte das Gespräch absichtlich unter Verschluss, um den angeblichen Punktsieg seines Widerparts zu verbergen.“

Bitte beachten Sie, dass dieser Text in meinem Blog www.presseschauer.de veröffentlicht wurde und ich mir vorbehalte Ihre Antwort ebenfalls zu veröffentlichen. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, bitte ich Sie dem ausdrücklich zu widersprechen.

Mit freundlichen Grüßen

Daniel Schultz

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