Warum nicht beschneiden?

Jul 27 2012 Published by under meine realität, politikerverdrossenheit

Als Volker Beck, der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, kürzlich in einer Parlamentsrede dargelegt hat, warum er für eine Beschneidung aus religiösen Gründen ist, war ich verwundert. Er zog für eine rechtliche Abwägung die Artikel 2 (Unversehrtheit), 4 (Religionsfreiheit), und 6 (Elternrecht) des Grundgesetzes heran und kam zum Schluss, dass die Unversehrtheit des Kindes hinter religiösen Belangen zurückstehen soll. Nur der Gleichheitsgrundsatz, der ebenfalls im Grundgesetz verankert ist, fand keinen Platz in seinen Überlegungen. Dafür habe ich ihn auf Twitter argumentativ angegriffen. Rückendeckung bekam Volker Beck von Dino Renvert und Jan Engels – von Referenten der Grünen.

Die Beschneidung ist wie jeder andere operative Eingriff erst mal eine Körperverletzung – so weit, so unstrittig. Im Falle der Einwilligung durch den Betroffenen ist der Mediziner rechtlich auf der sicheren Seite. Bei minderjährigen übernehmen Eltern die Entscheidungsgewalt, die im Wohl des Kindes seine Grenzen findet.

Die von Deutschland ratifizierte UN-Kinderrechtskonvention stellt in Artikel 24 (3) klar:

„Die Vertragsstaaten treffen alle wirksamen und geeigneten Maßnahmen, um überlieferte Bräuche, die für die Gesundheit der Kinder schädlich sind, abzuschaffen.“

Mit der Beschneidung wird ein nicht unwesentlicher Teil der erogenen Zone des Gliedes entfernt. Abgesehen von mit dem Eingriff verbundenen Risiken, ist eine dauerhafte Auswirkung auf die Sexualität des Beschnittenen nicht von der Hand zu weisen. An dieser Stelle möchte ich auch nicht bewerten, ob es sich dabei um einen sexuellen Vorteil oder den Versuch von sexueller Kontrolle handelt.

Aber muss man überhaupt von einer sexuellen Motivation des Ritus ausgehen, um von „sexueller Gewalt“ sprechen zu können? Daran stoßen sich Dino Renvert und Jan Engels, obgleich Mediziner und Juristen diese Worte in einem offenen Brief verwenden. Ist es nicht hinreichend diese Wortwahl mit der tatsächlichen Auswirkung auf die Sexualität zu begründen? Bin ich deswegen nicht ganz dicht?

Volker Beck hätte mir wohl erklären können, warum die Beschneidung von Jungs nichts mit „sexuelle[m] Lustempfinden“ zu tun hat. Da ich ihm nicht gegenüber saß, warte ich noch ungeduldig auf seine Antwort.

Wenn man Körperverletzung aus religiösen Gründen befürwortet, muss man sich die Frage nach den Grenzen gefallen lassen – gerade im Hinblick auf den Gleichheitsgrundsatz. Dino Renvert ist zwar der Ansicht, die Beschneidung weiblicher Genitalien habe nichts mit Religion zu tun, doch offenbar sehen das auch das Deutsche Rote Kreuz, Amnesty International und sogar die CDU/CSU-Bundestagsfraktion anders. Dabei ist es unerheblich, ob diese „rituelle“ Handlung aus einer „falschen“ Auslegung des eigenen Glaubens resultiert.

„Religionsgemeinschaften müssen selbst entscheiden. […] Gerade in der Frage der religiösen Erziehung können Aussenstehende per se nur unqualifizierte Werturteile fällen. Allein innerhalb einer Religionsgemeinschaft können die Regeln des eigenen Glaubens festgelegt und hinterfragt werden.“, meint Jan Engels.

An diesem Punkt bin ich mit ihm einer Meinung! Nur folgere ich eben daraus die Ablehnung der Schaffung einer Tatbestandsausnahme für Körperverletzung, die religiös begründet wird und sich zudem nur auf ein Geschlecht bezieht. Wer der Ansicht ist, mir ginge es um die Einschränkung der Religionsfreiheit bestimmter, in der Debatte genannter, Religionen wie dem Judentum oder dem Islam, der irrt schlicht. Ich mache mir einfach Gedanken über die Bedeutung der vom Gesetzgeber angestreben Ausnahmeregelung für andere, die sich ebenfalls auf Religionsfreiheit berufen können.

Das Grundgesetz benennt nicht dezidiert Weltreligionen, sondern ist bewusst so offen und unscharf gehalten, damit es einer multikulturellen Gesellschaft mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen und eben Weltanschauungen gerecht werden kann. Daraus resultiert gleichfalls die Schwierigkeit, die eine vom Gesetzgeber geschaffene Ausnahme mit sich bringen würde. Warum sollte eine andere Glaubensgemeinschaft keine religiös begründete Körperverletzung praktizieren dürfen, wenn es im Grundgesetz nach Artikel 3 (3) heißt:

„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Christian Heller aka plomlompom hielt auf des SIGINT2012 einen Vortrag mit dem Titel „Pray to the Omega Point. Dieser wurde wie folgt angekündigt.

„Many techno-futuristic ideas of recent decades and years look a bit (or a lot) like religious concepts: the often postulated emergence of a global internet consciousness may sound rather esoteric; immortality by „mind upload“ seems to recreate the promise of the soul’s immortality; the prophecies of rapid world-shattering technological disruption labeled „Singularitarianism“ (as promoted by authors such as Ray Kurzweil) have been called „the Rapture for nerds“.”

Warum sollte nun ein Singularier, der im Ablegen der Fleischtaschen und in der Resimulation den Übergang zum „ewigen Leben“ sieht, auf eine möglichst frühe Datenerfassung seines Kindes verzichten wollen? Warum sollte er sich nicht auf Religionsfreiheit berufen können, wenn eine Körperverletzung für die Implantation von Sensoren zur Erfassung der Hirnaktivität erforderlich wäre? Es wäre ja gerade zum transzendenten Wohle des Kindes, wenn die Daten, die zur ganzheitliche Resimulation nötig sind, möglichst von Geburt an erfasst würden. Und bei einem Schmetterling würde auch niemand von Körperverletzung sprechen, wenn man ihm den quälenden Kampf aus dem Kokon heraus erleichtern würde.

Selbst wenn niemand gegen die Einschränkung der Tatbestandsausnahme, auf das Entfernen der Vorhaut des männlichen Glieds und die damit verbundene Bevorzugung bestimmter Glaubensgemeinschaften, juristisch vorgehen würde, wäre der Gleichheitsgrundsatz noch in einem anderen Zusammenhang relevant. Warum sollte ein beschnittener Junge nicht juristisch gegen die Beschneidung vorgehen, wenn offensichtlich nur sein Geschlecht die Körperverletzung hinnehmen muss und er damit Aufgrund seines Geschlechts vom Gesetz benachteiligt wird.

Solange Dino Renvert, Jan Engels und Volker Beck den Gleichheitsgrundsatz ignorieren, kann ich ihre sichtlich bemühten Versuche der Erklärung des eigenen Standpunkts kaum ernstnehmen. Schon gar nicht wenn man versucht mit Unterstellung, es ginge mir um einen „Kampf gegen Vorhautraub“, mich in eine fremdenfeindliche Ecke zu stellen. Tatsächlich halte ich die Religionsfreiheit für ein hohes Gut. Nur halte ich sie für ein schlechtes Argument, um andere Grundrechte einzuschränken. Aber mal sehen, vielleicht fällt den Grünen ja ein, das Grundgesetz um Artikel 3 zu beschneiden, für ihre Abwägung war er ja ohnehin schon so überflüssig wie für manchen eine Vorhaut.

7 responses so far

  • lucas sagt:

    Kürzlich sagte mir ein recht libidostarker Bekannter, ihm sei aufgefallen, dass auf den Millionen Pornoseiten im Netz vielleicht vier oder fünf beschnittene männliche Darsteller zeigen. Er fragte mich, ob die wohl alle bessere Menschen seien und gab sich viel Mühe, bei seiner Frage ernst zu bleiben. Ist es der Anfang von Volksverhetzung, die Frage interessant zu finden?

  • winni sagt:

    Allein innerhalb einer Religionsgemeinschaft können die Regeln des eigenen Glaubens festgelegt und hinterfragt werden.“, meint Jan Engels.

    Das heißt, ich darf unsinnige Regeln nur dann hinterfragen, wenn ich dazugehöre und darf mir als Außenstehender keine Meinung bilden? Wieso?

  • admin sagt:

    @winni natürlich kann man als Außenstehender die Regeln einer Religionsgemeinschaft hinterfragen, nur ist das für die Auslegung der Religion und die damit verbundenen Regeln der Glaubensgemeinschaft nicht zwingend relevant.

  • Andol sagt:

    Ich denke man sollte jedem die Wahl lassen und ein solches Ritual auch nicht als Voraussetzung für den Eintritt in eine Religionsgemeinschaft verwenden. Ich hab erst vor einiger Zeit einen sehr interessanten Artikel auf http://harri-wettstein.de/
    zu diesem Thema gelesen.

  • admin sagt:

    Nur wer soll die Wahl haben? Das Kind oder die Eltern?

  • Daniel sagt:

    Guter Artikel, der auf etwas „juristischere“ Weise vieles ausdrückt, was ich hier geschrieben habe: http://freizeichen.net/node/69

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