Spieglein, Spieglein…irgendwas mit Vertrauen im Land

Mai 28 2013 Published by under medienkritik, meine realität

Sven Becker hatte eine Geschichte über Carmen, eine Sexworkerin, geschrieben. Sie empfand den Text als tendenziös und hat in ihrem Blog dazu eine Gegendarstellung angefertigt, die ich gestern gelesen und auch verbreitet hatte. Nun gibt es von Becker eine Gegendarstellung zur Gegendarstellung und da mich DER SPIEGEL explizit darauf hingewiesen hatte, möchte ich dazu auch noch ein paar Worte verlieren.

Carmen beginnt ihren Text mit einer Email, die wohl aus der Phase der Interviewanbahnung herrührt.

„Ich begreife das als Chance, Argumente anstelle von Vorurteilen in die öffentliche Debatte über Prostitution einzubringen und Einblicke in einen Beruf zu ermöglichen, der den meisten Menschen verborgen bleibt.

Was ich nicht liefern möchte, ist eine Geschichte über mich und mein Privatleben. Ich bin nicht bereit, mich zur Projektionsfläche jedweder Klischees zu machen. Ich werde keine Fragen zu meiner Person beantworten, die Aspekte jenseits meiner prostitutiven/politischen Tätigkeit betreffen. Wenn sie sich darauf einlassen können, bin ich gerne bereit, mich mit ihnen an einem Freitag in PBerg oder Mitte auf einen Kaffee zu treffen.“

Carmen schreibt weiter, Becker habe sich mit diesen „Bedingungen“ einverstanden erklärt. Zugegeben, es wäre, um es mit Ole Reißmann zusagen, in der Tat noch schöner Journalisten vorzuschreiben, wie sie gefälligst zu berichten haben. Nun erwidert Becker in seiner Darstellung folgendes:

„Natürlich geht es in dem Text auch um unser Gespräch im Café und einige Hinweise auf ihr Leben jenseits der Prostitution. Alle biographischen Details stammen von ihrer Website, ich habe sehr genau darauf geachtet, dass ihre Privatsphäre gewahrt bleibt. Ich hatte Carmen den groben Verlauf des Textes vor Erscheinen schriftlich geschildert. Ihr muss also klar gewesen sein, dass es ein Text über sie wird.“

Für mich liest sich das so, als habe Becker Carmen gegenüber nicht mit offenen Karten gespielt. Als habe er sie mehr porträtiert als Carmen erwartet hatte – mehr als Carmen gar versucht hatte sich zusichern zu lassen. Dadurch ergibt sich für mich eine Situation, die als Vertrauensmissbrauch interpretiert werden kann. Wenn Journalisten ihr Vertrauen so aufs Spiel setzen, entziehen sie sich damit nicht ihre eigene Arbeitsgrundlage?

Warum also sollte sich unter solchen Voraussetzungen eine Sexworkerin wie Carmen einem Journalisten wie Becker bzw. dem SPIEGEL künftig anvertrauen?

One response so far

  • Das trifft es auf den Punkt. Danke! Natürlich will ich Journalisten nicht vorschreiben, was sie zu schreiben haben. Ich bin ein großer Freund der Pressefreiheit und würde jederzeit für sie kämpfen, wenn ich sie in Gefahr sähe. Aber wenn Sven Becker von Anfang an offen gesagt hätte, dass er mich auf ein Interview treffen will, um ein Portrait über mich zu machen, dann hätte ich dem Interview von vorn herein nicht zugestimmt. Ich habe schon einige Anfragen von Autoren und Journalisten erhalten, die mich portraitieren wollten und sie immer abgesagt, weil ich kein Interesse daran habe und meine Zeit auch nicht mit sowas Banalem wie Portraits verplempern möchte. Stattdessen sagte er, der Text müsse aber auch ein bisschen was zu meiner Person enthalten…

    Ach, ist auch egal, ich hatte ja nun die Gelegenheit, die Argumente, die ich gerne in diesem Artikel lesen gewollt hätte, so in meinem eigenen Blog anzubringen, dass sie tatsächlich auch Leserschaft finden. Insofern hab ich doch was gewonnen und bin froh darüber.

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