Seit gestern läuft die Petition gegen Internetsperren auf dem Petitionsserver des Deutschen Bundestags. Beachtlicherweise haben sich nach weniger als 36 Stunden mehr als die Hälfte der nötigen Mitzeichner zusammengefunden, um vom Petitionsausschuss des Bundestags diskutiert zu werden. Ein stichprobenartiger Blick in die Scharr der Mitzeichner zeigt auch ein paar ungültige Stimmen. Was sich die Leute davon versprechen ist mir ein Rätsel, aber sei es drum, daran wird die Petition hoffentlich nicht scheitern.
Andere Beobachtungen gilt es kritischer zu hinterfragen. Das prinzipiell an der Usability des Petitionsservers und dessen Stabilität respektive der Sicherheit und Verfügbarkeit ein dringender Bedarf an Verbesserung besteht, darauf möchte ich gar nicht näher eingehen. Alvar Freude hatte diesbezüglich schon sehr ausführlich dargelegt woran der Petitionsserver krankt.
Feature Request
Um eine Petition, die man selbst unterstützt, bekannter zu machen, wäre es schön, wenn man einen Badge auf seiner eigenen Webseite einbinden könnte, der die aktuelle Zahl der Mitzeichner angibt und direkt auf die Petition verweist. Dies halte ich für ein sinnvolles und leicht zu implementierendes Feature.
Diskussion und Moderation
Wenn man sich das Forum ansieht, stellt sich die Frage, ob es nach den Richtlinien zwingend nötigt ist die in Beiträgen verwendeten Links durch einen Moderator zu löschen. Dort ist unter 3. folgendes zu lesen:
„Eine öffentliche Petition einschließlich ihrer Begründung wird nicht zugelassen, wenn sie
…
i) Links auf andere Web-Seiten enthält;“ Richtlinie des Petitionsservers
Nach meiner Auffassung enthält die Petition einschließlich ihrer Begründung keinen Link. Für eine nachhaltige und konstruktive Diskussion in einem Forum halte ich Verweise auf Quellen auch in Form von Links für zwingend nötig. Selbst wenn der Link bloß in Textform im Beitrag enthalten ist. In der jetzigen Form sehen sich die Nutzer genötigt ganze Artikel in das Forum zu kopieren, was aus urheberrechtlicher Sicht problematisch sein kann, oder man fordert andere Nutzer auf nach bestimmten Wortkombinationen mit Suchmaschinen zu suchen. Die letzte Variante die mir in Auge stach war diese:
„Guckt mal xxx auf tinyurl“ (hab es später nicht mehr gefunden u.U. gelöscht)
Das manche Diskussionsteilnehmer ausfallende Formulierungen verwenden kann und sollte man als Moderator nicht tolerieren, doch sollte man sich überlegen wie man anderen Nutzern seine disziplinarischen Maßnahmen nachvollziehbar vermittelt. Ob man tatsächlich das gesamte Posting löschen muss oder Beiträge ohne Hinweis in einen anderen Thread verschiebt, halte ich für fragwürdig. Wahrscheinlich ist man auf einen derartigen Ansturm personell auch noch gar nicht vorbereitet und Staatsdiener übernehmen die Aufgabe der Moderation neben ihren schon bestehenden Tätigkeiten (Das ist eine Vermutung, daher wäre ich dankbar wenn mir jemand nähere Informationen zu kommen lassen könnte). Erfahrene Communitymanager sollten mit solchen Herausforderungen umgehen können.
Letztendlich soll das Forum doch dazu dienen Informationen, die mit der Petition in Zusammenhang stehen zu sammeln. Da sind Verweise auf extern Quellen (Studien, Gutachten, Artikel, etc.) auch für die Sachbearbeiter, die versuchen die Flut an Information auszuwerten, eine Chance, die bei früheren Petitionen nicht genutzt werden konnte.
Social Media und Politik
Der wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat mittlerweile über Twitter berichte, insofern ist wohl eine gewisse Relevanz gegeben. Verbunden mit Online-Petitionen sehe ich allerdings die Gefahr, dass der Petitionsausschuss in naher Zukunft mit einer Vielzahl von Petitionen überflutet wird. Die Kombination aus schneller Verbreitung über Twitter und niedriger Eintrittsschwelle bei der Mitzeichnung führt meines Erachtens dazu. Bei aktuell etwa 62.000 Twitterer in Deutschland und stetig wachsender Mitgliederzahlen wird dieser Trend nur verschärft. Das Socialnetworks wie Facebook, die Funktionalität von Twitter adaptieren und integrieren, unterstützen dieses Phänomen ebenfalls.
In der Schweiz wird bereits aufgrund von Social Media über die Änderung des Initiativ- und Referendumsrecht nachgedacht. Nun kann man, wie in der Schweiz, eine quantitative Anpassung dahingehend fordern, doch wäre es meiner Meinung nach sinnvoller über eine qualitative Anhebung der Eintrittsschwelle nach zu denken. Ob eine geforderte Begründung eines Mitzeichners Teile der Gesellschaft an diesem demokratischen Prozess ausschließt wäre zu prüfen (was macht man mit copypasta?). Wahrscheinlich gibt es dafür noch andere Lösungen, sie sollen in etwa so aufwändig sein wie einen Brief zum Postkasten zubringen (so war es ja vorher), damit der Mitzeichner gezwungen ist ein kleinwenig über sein Handeln nachzudenken.
[update 06.05.09]: Das Statment eines Moderators im Forum des Petitiosservers liest sich wie ein Kapitulationserklärung und bestättigt irgendwie meine Vermutung der Überforderung.
by cbmd
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Ich verstehe zwar den Denkansatz in deiner Befürchtung – allein, die angedachten Lösungen werden es nicht bringen. So wie man sich jetzt Mustertexte gegen Abmahnungen etc. pp. aus dem Web laden kann, gibt es eben dann noch ein PDF oder RTF mit einem Petitionstext zum Download. Die “Hemmschwelle” läge dann nur noch in der Briefmarke für 55 Cent – wäre also mehr materieller als ideeller Natur.
Nein: Ich finde schon, dass ePetitionen ein zeitgemäßes Angebot sind. das Nachdenken über Inhalt dieser und die Konsequenz der Unterzeichnung kann und sollte dem Nutzer nicht abgenommen werden – ebenso, wie bei Online-Shopping oder der Wortmeldung in Portalen oder Blogs.
Man kann und muss den mündigen Bürger nicht in jeder Situation vor sich selbst schützen…