Warum wir Anonymität brauchen?

Mai 13 2009 Published by under medienkritik, meine realität, zensur

Irgendwann in der Grundschule war er da – der Kummerkasten. Ich weiß nicht mehr genau wann, aber es wird wohl in der 2ten oder 3ten Klasse gewesen sein. Das Konzept ist einfach und wirkungsvoll, wenn es richtig eingesetzt wird.

In der Wikipedia ist der Begriff des Kummerkastens folgendermaßen beschrieben:

„Der abstrahierende Begriff Kummerkasten bezeichnet jede Form von Behältnis, das für einen oder mehrere Individuen als Aufbewahrungsort für seelisch belastende Gedanken und Gefühle gilt. Dabei kann es sich auch um einen Kasten im wörtlichen Sinne handeln, in den üblicherweise Schriftgut oder symbolträchtige Gegenstände geladen werden.“ Wikipedia

Aus einem postmodernen literarischen Ansatz heraus ist die Identität der Autoren für bestimmte Inhalte unerheblich. Der Inhalt selbst tritt in den Vordergrund und eine Autorschaft kann nur mehr schwer nachvollzogen werden. Genau so etwas passiert zum Bespiel bei der Erstellung der Wikipedia zum Wohle Aller.

Anonymität

Im gesamten Wikipediaartikel wird das Wort „anonym“ nur an einer Stelle genannt.

„Der Begriff Kummerkasten hat sich auch in Firmen und anderen Organisationen etabliert. Dabei handelt es sich um Briefkästen, in denen Mitarbeiter oder Mitglieder anonym ihre zu Papier gebrachten Sorgen oder Beschwerden weitergeben können. Diese Arten von Kummerkästen gibt es infolge des Internets auch in elektronischen Formen wie Mailboxen.“ Wikipedia

Meines Erachtens ist Anonymität ein zentraler Punkt bei der Betrachtung und Nutzung von Kummerkästen. Die Anonymität gewährleisten, dass der Schreiber für kritische Inhalte keine Repressionen fürchten muss, soweit die Anonymität nicht aufgelöst werden kann. Somit muss den Nutzern von Kummerkästen vermittelt werden, wie sie ihre Anonymität bewahren und trotzdem die Inhalte transportiert bekommen.

Denunzianten

Die Anonymität birgt die Gefahr des Denunziantentums. Sobald kritische Inhalte, die obendrein nicht der Wahrheit entsprechen müssen, mit Personen in Verbindung gebracht werden sollen, muss der Nutzer in einer Abwägung das Wohl der Allgemeinheit im Auge haben, bevor er dem Kummerkasten die Nachricht anvertraut. Er selbst möchte ja auch nicht durch jemand anderen diskreditiert werden. Der gesunde Menschenverstand sollte daher jeden davon abhalten, andere zum eigenen Vorteil zu denunzieren.

Auswertung des Kummerkastens

Aufgrund der oben aufgeführten Schwierigkeiten und der Unfähigkeit der Menschen zu jedem Zeitpunkt die nötigen Anforderungen zu erfüllen, ist dies in der Bewertung der Information des Kummerkastens zu berücksichtigen. Man wird in dem Kummerkasten allen erdenklichen Scheußlichkeiten finden, die der menschliche Geist hervorbringen kann. Um die Menschen in ihrer Gesamtheit zu verstehen ist es wichtig, die menschlichen Abgründe zu kennen und darauf als Gesellschaft zu reagieren. Man kann natürlich für alles Mögliche ein Verbot fordern, doch kann man den Menschen nicht das Denken verbieten, geschweige denn kontrollieren (aus einem ethischen Standpunkt heraus – technisch? Mal sehen). Somit muss die Gesellschaft mit den dunklen Ecken der Realität umgehen lernen und Maßnahmen entwickeln, die derartige Problem an der Wurzel angreift und nicht nur versuchen Symptome zu kaschieren.

Weil es uns alle betrifft

Wenn wir schon als Kinder den richtigen Umgang mit dem Kummerkasten lernen und als Gesellschaft bereit sind zu Handeln, statt die Augen vor Problemen zu verschließen, werden wir alle davon profitieren. Ich halte ein recht auf Anonymität für unsere demokratische Gesellschaft als zwingend erforderlich. Wer Anonymität gerade im Internet auflösen möchte beginnt sowohl damit die freiheitlich demokratische Grundordnung zu gefährden, er nimmt auch der Gesellschaft die Möglichkeit bestehende Probleme überhaupt wahrzunehmen. Ebenso müsste er konsequenterweise nicht nur im digitalen die Anonymität aufheben, sondern Kummerkästen, Flugblätter oder sonstige Medien, die geeignet sind Informationen in anonymer Form zu verbreiten, verbieten. Er müsste zwangsläufig Papier und Bleistift verbieten, da selbige zur Ausübung von Straftaten in anonymer Form ebenso gut geeignet sind.

Dieses Plädoyer ist nicht als Freibrief für Straftaten unter dem Deckmantel der Anonymität zu verstehen!

by Sklathill

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