Anonymität – sollte man Medien unterschiedlich behandeln?

Sehr geehrter Herr Jessen,

mit höchstem Interesse habe ich Ihren Beitrag zur Anonymität im Netz verfolgt. Da ich mich selbst vor kurzem eben mit diesem Thema befasst habe, ergreife ich nun die Chance, an den Diskurs anzuknüpfen.

Warum nennen Sie nicht den Namen des werten Kollegen, der den hervorragenden Artikel über die Geistesaristokratie geschrieben hat, nachdem Sie die Auflösung der Anonymität im Netz fordern? Gero von Randow würde sich sicher über ein persönliches Lob in der Öffentlichkeit freuen.

Sie stellen in Ihrem Beitrag die notorischen Urheberrechtsverletzungen in den Raum ohne näher zu spezifizieren, ob es sich dabei um die Taten von Konsumenten oder Weiterverwertern handelt. Zur ersten Kategorie hätte ich eine persönliche Frage an Sie: Haben sie je, eine Schallplatte, Kassette oder CD für sich, Freunde oder Bekannte vervielfältigt oder Musik aus dem Radio, Filme aus dem Fernsehen in irgendeiner Form auf ein Speichermedium gebannt?

Falls Sie diese Frage für sich verneinen können, dann stellen Sie in der Gesellschaft eher eine Ausnahme dar, zumal die Privatkopie den Menschen in Deutschland zusteht. Sicher, die Möglichkeiten verlustfreier Kopien und die Leichtigkeit deren Erstellung haben sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Aber soll man deswegen jetzt die Leute kriminalisieren, nur weil die Technik Fortschritte gemacht hat? In den USA sind mittlerweile Rechtsprofessoren dabei, in einer solchen Verwendung Fairuse zu erkennen, auch wenn das Material aus dem Internet kommt. Dass sich die Geschäftsmodelle der Musikindustrie, aber auch aller anderen Contentverwerter, ändern müssen versteht sich von selbst.

Kommen wir nun zu den Weiterverwerten, die wiederum unterschiedlich agieren. Dabei sind zwei unterschiedliche Richtungen erkennbar. Einerseits gibt es Menschen, die, wie Sie in Ihrem Video, Gedanken anderer aufgreifen und weiterentwickeln, zitieren und Neues hervorbringen. Darin besteht für die Gesellschaft ein immenser Wert und das Zitatrecht, sollte auf Grund sich verändernder Kommunikationsformen nicht auf Text begrenzt sein. Man sollte natürlich dabei, wie es das Zitatrecht erfordert, auch erwähnen, woher man seine Idee hat. Wer war jetzt der geschätzte Kollege noch gleich, dessen Idee Sie da aufgreifen? Andererseits gibt es Tatsächlich Leute, die sich mit Federn anderer zu schmücken versuchen und daraus einen persönlichen Profit generieren wollen. Dies ist für mich die einzige der betrachteten Gruppen, der man ein Fehlverhalten vorwerfen kann.

Kommen wir nun zur Anonymität. Sie wollen also Kummerkästen verbieten? Was hat das jetzt mit dem Internet zutun? Na ja, der Kummerkasten ist wie das Internet ein Medium, das prinzipiell die Möglichkeit zur Anonymität bietet. Ob der einzelne diese Anonymität tatsächlich für sich erhalten kann, hängt schlicht vom Umgang mit dem Medium ab. Ob der Erhalt einer Anonymität in irgendeiner Form wünschenswert ist habe ich hier ausführlicher dargelegt.

Wenn man sich Wikileaks betrachtet, muss man sich bei den von Ihnen ins Feld geführten Gesichtspunkten fragen, in wieweit nicht erst durch die Anonymität der Whistleblower eine Waffengleichheit gegen über Regierungen oder Konzernen geschaffen wird.

Halten Sie den Informantenschutz bzw. das Zeugnisverweigerungsrecht der Journalisten für eine wichtige Errungenschaft unserer Gesellschaft, obwohl gerade dadurch eine gewisse Form der Anonymität erzeugt wird?

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass wenn Sie eine generelle Auflösung der Anonymität im Internet fordern, dies ebenso in allen anderen Lebensbereichen konsequenterweise gefordert werden muss.

Wieso sollte man das Internet anders behandeln als andere Medien wie zum Beispiel Papier?

Es kann ja nicht sein, dass es Orte in der beschriebenen jetzt aber realen Stadt gibt, in der die dunklen Ecken nicht ausgeleuchtet sind. Also sprechen wir über die Forderung nach totaler Transparenz. Die Post-Privacy Thesen von Christian Heller bieten hier einige Gedanken zur Erweiterung des Diskurses. Ich würde mich daher freuen, wenn Sie diese Ideen zur Weiterentwicklung aufgreifen.

Bitte beachten Sie, dass dieser Text in meinem Blog www.presseschauer.de veröffentlicht wurde und ich mir vorbehalte Ihre Antwort ebenfalls zu veröffentlichen. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, bitte ich Sie dem ausdrücklich zu widersprechen.

Mit freundlichen Grüßen


Daniel Schultz

by Guillaume Brialon

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E7bi

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