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der presseschauer

und wieder prasselt alles auf mich ein

Qualitätsjournalismus und die Piratenpartei

Gestern war es nun soweit die Wahl des europäischen Parlament stand an. Die Piratenpartei war erstmals bei einer Wahl im gesamten Bundesgebiet wählbar. Mit einem Wahlergebnis von 0,9 %, ist man, in Deutschland, zwar noch ein gutes Stück vom Einzug ins Europaparlament entfernt, dennoch ist diese Ergebnis für die noch junge Partei einigermaßen beachtlich. Mit gerade mal 1200 Mitgliedern gelang es bundesweit ca. 229.000 Wähler zu mobilisieren. In Schweden, war es mit einem Wahlergebnis von 7,1 % sogar ein durchschlagender Erfolg, da die schwedische Piratenpartei nun einen Abgeordneten ins europäische Parlament entsenden darf.

Ausgerechnet die journalistischen Angebote, die sich seit Jahr und Tag über Schwarmdummheit beschweren und auch der Meinung, sind das Internet habe einen Geburtsfehler, waren nicht im Stande den offensichtlich fehlerbehafteten Artikel der DPA zu korrigieren. Nein Recherchieren, wäre den Journalisten in der Kürze der Zeit nicht zu zumuten gewesen, es hatte sich ja auch nicht seit Wochen eine Machtverschiebung in Schweden angekündigt. Man bedenke, die Zahl der Mitglieder hatte sich im Zeitraum von der Urteilsverkündung bis kurz vor der Europawahl auf ca. 46.000 Mitglieder etwa verdoppelt. Aber wir erinnern uns, schon zur Zeit der Urteilsverkündung im Prozess gegen The Pirate Bay, gab es tendenziöse Berichterstattung, die den tatsächlichen Sachverhalt nicht korrekt wieder gegeben haben.

“Piratenparteien setzen sich die Aufgabe, Rechte an immateriellen Gütern zu reformieren, da in deren Austausch der eigentliche Wert liege. Außerdem soll der nach Ansicht der Piratenparteien nahe rückende Überwachungsstaat verhindert werden. Andere oder damit nur indirekt verbundene politische Themen sollen laut Parteiprogramm ausgeklammert werden, um die Ziele der Partei nicht zu verwässern. Kräfte innerhalb der Partei streben allerdings ein breiteres Themengebiet für die Partei an.” Wikipedia

Wäre es jetzt für unsere Qualitätsjournalisten zuviel verlangt gewesen mal einen Telefonhörer in die Hand zu nehmen oder eine E-Mail zu schreiben, um sich aus erster Hand die Nötigen Informationen zu besorgen. Selbst ein Blick in die Wikipedia wäre, bei weitem besser gewesen, als schlicht den DPA-Artikel weitest gehend zu “kopieren”.

Stattdessen, denkt man lieber über Paid-Content-Modelle nach, die in der Form zum Scheitern verurteilt sind. Man begreift weder die Regeln des eigenen Markts, noch liefert man tatsächlich eine Qualität, die irgendjemand bezahlen wollen würde. Der Heidelberger Appell, die Verfolgung von Textdieben und Kampfschriften gegen das Internet sind wichtiger, als eine zukunftorientierte Auseinandersetzung mit dem sogenannten Geistigeneigentum und der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Doch wird das Wehklagen bald verstummen, wenn sich nichts ändert. Solchen Verlagen wird schlicht und ergreifend das nötige Geld fehlen, um auf Dauer diese Wehklagen und schlecht recherchierte Inhalte unters Volk zu bringen.

Dabei erkennt man noch nicht einmal, dass die Piratenpartei sich unter anderem mit einem für Verlage zentralen Thema, der Reformation des Urheberrechts beschäftigt. Die Forderung der Piratenpartei wird schlicht auf die Legalisierung von Raubkopien reduziert. Man ist schon fast verwundert, dass in Artikel über die Piratenpartei diese nicht als digitale Kommunisten dargestellt werden. Zumal im Heidelberger Appell schon von der Enteignung der Urheber gesprochen wird.

by sheilaellen

In der Gesellschaft und in der Politik fehlt aber seit Jahren ein ausgewogener Diskurs über das Urheber- und Patentrecht. Zulange haben Lobbyisten die Politik mit ihren einseitigen Vorstellungen beackert und eine Kriminalisierung weiter Teile der Bevölkerung vorangetrieben. Die Forderung nach Sicherheitsgesetzen läuft hierbei im Einklang mit der Vorstellung der Rechteverwerter. So soll die Vorratdatenspeicherung zur Durchsetzung zivilrechtlicher Ansprüche, auch wenn die Judikative dem widerspricht, herangezogen werden. Die Internetsperren sind ebenfalls im Sinne der Lobbyisten, Gesetze und Handelsabkommen sollen obendrein ihren Wünschen nach angepasst werden. Das dabei Grundrechte zur Wahrung alter Geschäftsmodelle über Bord geworfen werden, will man einfach nicht wahr haben. Die Versuche in irgendeiner Form Leben zu patentieren, soll hier nur am Rande erwähnt sein.

Gern werden in den klassischen Medien auch die Ziele zum Erhalt der Grundrechte, Reduktion der Überwachungsmaßnahmen und Erhöhung der Transparenz in der Demokratie verdrängt. Aber die Diskussion um #Zensursula und um die Vorratsdatenspeicherung hatte ja schon gezeigt, dass, wenn überhaupt, viel zu spät auf eine Bedrohung der Grundrechte reagiert wird. Gleichzeitig betrachtet man das Internet mehr als Bedrohung, denn als Chance. Leider – sowohl bei Journalisten als auch bei Politikern.

Was den Politikern etablierter Parteien am meisten Angst machen sollte ist die Tatsache, dass unter den jüngerer Schweden die Piratenpartei eine Alternative darstellt, durch die sie sich repräsentiert fühlen. Bis dieser Trend aus Schweden in andere Länder herüber schwappt liegt einzig an der jetztigen Parteienlandschaft. Mit Internetsperren, Rufen nach Verbot von Killerspielen und Gotcha, demonstriert die bestehende politische Elite ihr Desinteresse und Verständnislosigkeit gegenüber den Jüngeren und ihren Themen.

Disclaimer: Ja, ich habe in diesem Text alle möglichen journalistischen Angebote in einen Topf geworfen. Sicher gibt es jetzt schon gute Beispiele, wie man sich öffnet und den neuen Spielregeln Rechnung trägt. Mir fallen auf Anhieb die New York Times und The Guardian ein, die erkannt haben, dass ihnen der Google Juice, Blogger und SocialMedia helfen werden ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Natürlich gibt es auch Politiker, die begriffen haben wie das Internet funktioniert und davor keine Angst haben, aber leider haben von diesen die wenigsten etwas zu melden.

by billaday


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4 Kommentare

  1. Europawahlnachlese – ein paar Fundstücke « Wir sind das Volk:

    [...] Die Piratenpartei wurde heute natürlich vielfach erwähnt Zeit online: Vorkämpfer der Netzbürger – Kommentar: Ein Bericht über die Piratenpartei Golem.de:  Piratenpartei: Vorkämpfer der Netzbürger gulli:news: dpa verbreitete Falschmeldung über Piratenpartei CTRL-alles unter Kontrolle: Schwedens Piratenpartei im Europaparlament der Presseschauer: Qualitätsjournalismus und die Piratenpartei [...]

  2. Schinkenpizza:

    Schöner Artikel :)
    Schade zu sehen wie wenig sich die Leute mit unserer Generation beschäftigen, man redet lieber über uns statt mit uns.

  3. Piratenpartei in der Presse » Denkbeteiligung:

    [...] wäre wohl zu viel erwartet, wenn man Recherchen verlangen würden… (via Presseschauer) (Kommentar schreiben) « Flexibilität | [...]

  4. Qualitätsjournalismus 2.0 « Welt des Simplizissimus:

    [...] http://www.presseschauer.de/?p=703 [...]

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