Geistiges Eigentum – Schräger als Fiktion

Jun 23 2009 Published by under medienkritik, politikerverdrossenheit, Rechteverwerter

Gestern habe ich mir natürlich auch unter den Linden auf Phoenix angesehen. Zu sehen waren Prof. Rupert Scholz (CDU), Dirk Hillbrecht (Piratenpartei) und Moderator Christoph Minhoff. Der Moderator begrüßte Dirk Dirk Hillbrecht mit Worten, die an eine Weihung für das Polittalkshowparkett erinnerten. Natürlich durfte ein Videobeitrag nicht fehlen, in dem die Bevölkerung zur Piratenpartei befragt wurde. Wie zu erwarten war, konnten die Meisten sich unter der Piratenpartei nichts vorstellen oder sie wurde auf freies Downloaden (was auch immer das genau heißen mag) reduziert. Einige Massenmedien haben eben ein starkes Interesse an der Verbreitung diese Meinung. Phoenix bot zu mindest einigen Themen der Piraten eine Plattform und so streifte man im Schweinsgalopp das Urheberrecht, das Patenrecht, die Internetsperren und die Casa Tauss.

Zunächst verwunderte Prof. Rupert Scholz mit einer Aussage über das Internet, die ich ihm nicht zugetraut hätte. Er betrachtet das Internet als Teil der realen Welt! Später übernahm er eher die Rolle des Verteidigungsminister des Geistes von Dieter Gorny, Zensursula & Co. . Dirk Hillbrecht hat als politischer Neuling leider recht blass ausgesehen, da er nicht die passenden Argumente gegen die Angriffe des Herrn Scholz und des Moderator platzieren konnte. Das Verhalten des Moderators hat mir seine Sendung nicht sympathischer gemacht, da sie stellenweise den Charakter eines Verhörs hatte. Das lag wohl an der Nähe zur Meinung von Herrn Scholz.

Die Piratenpartei kann jetzt das durch die Europawahl eingespielte Geld kaum besser investieren als in Rhetorikkurse!

Zu den Internetsperren wurden in den letzten Wochen so viele Argumente hervorgebracht und so möchte ich nicht näher darauf eingehen. Aber Herrn Scholz kann sich wohl nicht vorstellen, warum dieses Gesetz in Wirklichkeit eine Maßnahme für den Täterschutz darstellt, sonst hätte er den Beschluss der Bundesregierung nicht verteidigt.

Das ein Argument von Herrn Scholz, a la „Ich kann ja auch nicht in einen Buchladen gehen und das Buch unbezahlt mitnehmen.“, kommen würde, war absehbar. Interessanterweise eröffnet er mir damit eine Argumentationsweise, über die ich vorher noch nicht nachgedacht hatte.

Es gab eine Zeit, in der ich regelmäßig und stundenlang in Buchhandlungen zu gebracht habe, um zu lesen. Dabei habe ich nicht nur ein Buch gelesen! Das hat aber nicht dazu geführt, dass ich weniger Bücher gekauft hätte – im Gegenteil. Wenn man sich die Entwicklung der Buchhandlungen in den letzten Jahren ansieht (angenehme Atmosphäre, schöne Sitzgelegenheiten, guter Kaffee), dann scheint eine lange Verweildauer der Kunden durchaus erwünscht. Da ich mir die Zeit nehmen konnte, mich eingehend mit den Produkten zu beschäftigen, habe ich vor allem Bücher gekauft, an denen ich heute noch Freude habe.

Nun ist Herr Scholz in einer Zeit aufgewachsen, in der das Rezitieren von Gedichten einen anderen Stellenwert hatte als heute. Sollte man sich beim Rezitieren eines Gedichtes nicht mal fragen, ob es sich dabei um eine Urheberrechtsverletzung handelt? Und wenn man dann noch das Gedicht vor Publikum vorträgt…

Weiterhin stellt sich die Frage, ob ein in der Politik praktizierter Vorgang – Referent/SekretärIN druckt eine Webseite aus und legt Druckwerk einem Politiker vor – nicht ebenfalls einen Verstoß gegen das Urheberrecht darstellt. Bei diesem Vorgang kann man sich aus leicht ersichtlichen Gründen nicht auf eine Privatkopie berufen. Ein Webseitenbetreiber könnte sich allein durch das Ausdrucken der Webseite und der damit verbundenen zwangsläufigen Veränderung seines Werkes in seiner Urheberrechtspersönlichkeit verletzt sehen.

Im Film Strange Days gibt es ein Gerät zum Aufzeichnen und zur Wiedergabe von Erlebtem über alle Sinne hinweg. So ein Gerät ist SF, doch wirft es gerade im Zusammenhang mit dem Urheberrecht eine spannende Frage auf:

In wiefern ist das Gehirn selbst das ultimative Instrument zum automatischen Urheberrechtsbruch?

Oh wunder – ich kann mich an Filme, Musik, Gedichte, Bilder, etc. erinnern, sie mir vor dem geistigen Auge/Ohr wiedergeben. Wenn das Gehirn mit urheberrechtlich geschütztem Material konfrontiert wird, dann lässt sich die Information auf Wahrnehmungsebene nicht von ungeschütztem Material unterscheiden. Ob es irgendwann technische Geräte gibt, um Erinnerungen extern zu speichern oder Gedanken aus dem Gehirn zu extrahieren ist fast schon unerheblich. Wer aber einen Blick auf Fortschritte der Prothetik und die Forschung zur Computer/Gehirnschnittstelle wirft, wird eine Annäherung an die Fiktion von Strange Days feststellen.

Solange solche Fragen von Politikern und Rechtverwerter nicht beantwortet können und nur einzelne Punkte, die im Interesse des jeweiligen Verwerters stehen, herausgegriffen werden, wird man das eigentliche Problem, die gerechte Entlohnung der Schaffenden (was auch immer das genau heißen mag), nicht in den Griff bekommen. Insofern halte ich das Konzept des Geistigen Eigentums und dessen Implementation in Form von Gesetzen für einen wirklichkeitsfernen und für die Gesellschaft schädlichen Ansatz.

by Thomas Hawk

3 responses so far

  • […] Kopien von Argumenten Sicherlich hat inzwischen jeder von euch mitbekommen dass “Mo, 22.06.09, 22.15 – 23.00 Uhr auf Phoenix” eine Folge von […]

  • Oni sagt:

    Weiterhin stellt sich die Frage, ob ein in der Politik praktizierter Vorgang – Referent/SekretärIN druckt eine Webseite aus und legt Druckwerk einem Politiker vor – nicht ebenfalls einen Verstoß gegen das Urheberrecht darstellt.

    Ja, streng genommen müsste das ein Verstoß sein. Aber: Dafür hat das Büro des Politikers ja auch eine Urheberrechtsabgabe auf den Drucker bezahlt. Dadurch ergibt sich aber gleich das nächste Problem, dass nämlich der Urheber einer Internetseite meist nicht in den einschlägigen Vereinigungen vertreten sein wird, seinen Anteil an der Abgabe auch ausgezahlt zu bekommen.

  • Steffen sagt:

    Wenn das Gehirn mit urheberrechtlich geschütztem Material konfrontiert wird, dann lässt sich die Information auf Wahrnehmungsebene nicht von ungeschütztem Material unterscheiden.

    Ich würde den Gedanken weiter denken. Inwieweit ist eigentlich der
    >>Schöpfungsprozeß<< beim Schreiben eines Buches oder Malen eines Bildes
    durch die im Gehirn verankerten Erinnerungen bestimmt? Vor allem kann dies
    ja unbewußt passieren und der Künstler ist hinterher der Meinung, er wäre
    der alleinige Schöpfer seines Werkes. Hier beginnt dann nämlich imho der
    Witz es >>geistigen Eigenums<<. Es ist nicht zu klären, inwieweit man durch
    andere Werke, Erfahrungen etc. beeinflußt war.
    Das soll aber auch jetzt kein Argument gegen eine angemessene Vergütung des
    Schaffensprozesses sein.

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