Antwort an den Verfassungsrichter Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio

Aug 26 2009 Published by under medienkritik, meine realität

Sehr geehrter Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio,

mir scheint das Medium Internet bewegt Sie, da Sie in ihrer Rede, anlässlich des 200 jährigen Jubiläums des Solinger Tageblatts, zahlreiche Fragen im Umgang mit dem relativ jungen Medium Internet auf warfen. Dadurch fühlte ich mich spontan, als selbstproklamierter Digital Nativer, aufgefordert, Ihnen diese Fragen aus meiner persönlichen Perspektive zu beantworten.

„Doch was ist schlimm daran, wenn die Zeitungen und die Rundfunkanbieter online gehen, wenn es ihnen gelingt, hier Fuß zu fassen, mit Werbung und kostenpflichtigen Informationsangeboten Geld zu verdienen?“

Gar nichts! Doch leider haben es die Vertreter dieser beiden Mediengattungen in den letzten 15 Jahren nicht geschafft, dafür ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Im Gegensatz zu den Mitarbeitern von Google, deren Geschäftsmodell gar so tragfähig ist, dass Google es sich erlauben kann, die Menschen weltweit und kostenlos, im monetären Sinn, an vielen Ihrer Entwicklungen teilhaben zu lassen. Google dominiert mit Adwords und Adsense über 50% des globalen Werbemarktes, der zuvor die Unternehmen anderer Mediengattungen hat florieren lassen. Doch buchen Werbetreibende abnehmend allgemeine Reichweit, die bei Zeitung, Radio und Fernsehen allenfalls notdürftig gemessen werden konnte, stattdessen begehren sie relativ gut messbarer Aufmerksamkeit und Interessen der Nutzer. So gelingt es Google relevante Werbung zu schalten, für die Unternehmen, Parteien, NGOs aber auch Einzelpersonen durch aus bereit sind Geld zu bezahlen.

„Könnte der Qualitätsjournalismus nicht doch auch in den Weiten des Internets ein neues Zuhause finden, könnten Printmedien und ihre Onlinegesichter nicht zusammenwirken, sich in unternehmerischer Einheit ergänzen?“

Das ist für mich auch nicht nachvollziehbar, da scheinbar Verlage ihre Onlineredaktion bewusst von Printredaktionen getrennt hatten und Onlinejournalisten sowohl vom Salär als auch von der Haltung als Journalisten zweiter Klasse gehalten wurden. Dies wird hoffentlich bald der Vergangenheit angehören, da es vollkommen unverständlich ist, warum man auf Grund des Mediums und nicht an Hand der Inhalte Unterschiede ausmacht.

„Muss es wirklich zum Niedergang des klassischen Journalismus kommen, und wird sein Erbe tatsächlich das „Evolving Personalized Information Construct“ sein, das Internetentwickler lakonisch prognostizieren? Damit ist gemeint, dass Nachrichten so durch den Computer von ihrem tatsächlichen Informationszusammenhang getrennt, in einzelne Bestandteile zerlegt, kommerzialisiert, weiterverarbeitet und jedem Nutzer individuell zugestellt werden.“

Eigentlich führen die technischen und sozialen Plattformen mehr zu einem Phänomen, bei dem die Information den Nutzer findet. Nicht ganz, aber durch die Preisgabe von persönlichen Interessen erhöht man die Wahrscheinlichkeit für Zweckbeziehungen, auf Grund der persönlichen Interessenlage. Man eröffnet dadurch anderen, die sich im selben Informationsraum engagierten, einen selbst über geeignete Kanäle zu informieren, mit deren Hoffnung selbst von anderen über dieses Thema informiert zu werden. Ingesamt entsteht eher der Eindruck, etablierte Medien würden hier Informationen für die breite Masse absaugen, um diese zu monetarisieren.

„Wird schon bald also die gedruckte Presse ein schrumpfendes Reservat für Eliten und Alte?“

Für alte und alte Eliten mit Sicherheit. Allerdings nicht für neue Eliten, die wie Sie selbst schon bemerkt haben erstarken.

„Und was würde das für die Möglichkeit von Demokratie bedeuten?“

Dass eine neue Elite ihren Einfluss auf die Demokratie geltend macht. Daher ist es für uns, als demokratisches Land umso wichtiger die Demokratie den neuen Umständen anzupassen. Heißt es doch – „alle Macht geht vom Volke aus“. So ergänzte Ralf Bendrath ein Zitat von Karl Popper

„Wie können wir unsere politischen Einrichtungen so aufbauen, dass auch unfähige und unredliche Machthaber keinen großen Schaden anrichten können?“ Karl Popper

um folgende Frage:

„Wie können wir unsere technischen Infrastrukturen so aufbauen, dass auch unfähige und unredliche Machthaber damit keinen großen Schaden anrichten können?“ Ralf Bendrath

Für mich persönlich gehört eine Nachvollziehbarkeit des demokratischen Prozesses dazu, der schon früher durch Journalisten an die Öffentlichkeit getragen wurde. Doch sind die Journalisten alleine nicht in der Lage die wachsende Informationsmenge zu durchforsten und kritische Punkte heraus zu kristallisieren. In anderen Ländern, wie etwa den USA, ist man an dieser Stelle schon weiter und stellt der Bevölkerung Rohdaten zur Verfügung die im demokratischen Prozess anfallen, um sie programmatisch aufbereiten zu lassen. Leider ist wird eine von mir eingereichte Petition, die derartiges zum Gegenstand hatte, auf Grund mangelnden Interesses nicht zwangsläufig öffentlich behandelt gescheitert [Update 30.08.2009: es werden alle eingegangenen Petitionen vom Petitionsausschuss bearbeitet.]

„Und wer überhaupt bestimmt darüber, ob schlechte Politik wichtiger ist als gute Comedy, wer will denn wissen, dass die expressive Darstellung von Gemütszuständen in Blogs oder das Zwitschern subjektiver Impressionen weniger wichtig sind als die prätendierte Hochkultur subventionierter Opernhäuser oder Theater, warum eigentlich ist es so, dass Romane ein Lektorat und Urheberschutz verdienen?“

In erster Linie Sie selbst – In zweiter Linie Freunde und Bekannte denen Sie vertrauen und erst in dritter Linie, das was man als Presse bezeichnet. Daher hat die Privatkopie auch noch so einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft, auch wenn dies der etablierten Musikindustrie alles andere als behagt.

„War es nicht die große Leistung der frühen Neuzeit, aus der Anonymität der sozialreligiösen, der ständisch-familialen Netzwerke die Person, das Individuum erstehen zu lassen, als Heros, als Subjekt, als Genius, als Rechtsperson?“

Gerade von einem Verfassungsrichter kann ich eine derartige Haltung nicht nachvoll ziehen, da sich eine komplette Auflösung der Anonymität nicht aus dem Grundgesetz herleitet. So müssten sie ein Verbot von Kummerkästen fordern, da eine diesbezügliche Unterscheidung zwischen verschieden Medien unpassend und anachronistisch ist. Im Übrigen empfehle ich Ihnen, sich über die Rolle von Wikileaks als Element demokratischer Systeme zu informieren. Ob dabei freiwillig eine Deanonymisierung durch den Einzelnen erfolgt, resultiert aus der durch das Bundesverfassungsgericht gewährten Informationellen Selbstbestimmung, auch wenn viele dies als Widerspruch zum Datenschutz begreifen. Zwar haben wir in Deutschland ein Vermummungsverbot, aber eine Namenschildpflicht gibt es auch nicht.

by Laughing Squid

„Warum kennen wir Namen wie Dante, Michelangelo, Descartes oder Rubens, und warum kennen wir kaum je die Namen der Architekten gotischer Kathedralen des Mittelalters?“

Es mag sein, dass ich mich mit meiner Vermutung täusche, aber dennoch möchte ich sie hervorbringen. So war die Verbreitung von Information auf einem persistentem Medium auf Grund des geringeren Alphabethisierungsgrades im Mittelalter weniger wahrscheinlich. Ebenso glaube ich an Parallelen, der Reputationsbildung, die auch heute im wissenschaftlichen Prozess und anderen Prozessen nötig sind, um sich von der breiten Masse abzuheben, um zum Heroen der Gattung werden zu können – Referenz durch andere, möglichst durch bekannte und relevante Hubs.

„Wer schreibt für Wikipedia, das jeder Schüler als digitales Lexikon ohne zu zögern konsultiert?“

Eigentlich ist es nicht entscheidend wer für die Wikipedia schreibt, genauso wenig wie es entscheidend ist wer Deutschland regiert. Entscheidend ist, ob man sich auf die Wikipedia und die deutsche Regierung verlassen kann. Soziale und technische Mechanismen können dazu beitragen, dass wir vertrauen können. Jenen Schüler, die reflektionslos die Wikipedia konsultieren, sind unter Anderem, die von Ihnen als „Sperrspitze der gebildeten Citoyens“ bezeichneten Journalisten, die etwa nicht im Stande waren den Vornamen unseres Wirtschaftsministers ordentlich zu recherchieren. Zur Verteidigung der Journalisten muss man eingestehen, dass der entsprechende Artikel kurz zuvor von jemand anonymen geändert worden war, doch sollten Journalisten mittlerweile wissen, wie vorherige Versionen eines Artikels einsehen und damit prüfen können, ob an dem Artikel kürzlich eine Änderung vor genommen wurde. Ungeachtet dessen ist die Wikipedia mittlerweile, alles andere als eine Plattform, auf der jeder schreiben könne was er wolle. Die Wikipedia hat ihre eigene Elite gebildet und so wird es für angehende Wikipedianer immer schwieriger sich eine Reputation zu erarbeiten, die für die Persistenz der eigenen Worte in der Online-Enzyklopädie notwendig geworden ist. So werden etwa Veränderungen von Editoren, die etwa einmal im Monat in der Wikipedia schreiben, mit einer Wahrscheinlichkeit von 25%, Tendenz steigend, gelöscht. Dabei ist es unerheblich, ob die Editoren sich unter einen Klarnamen oder unter einem anonymen Pseudonym ihre Reputation erarbeitet haben.

„Warum zeigt sich das Gesicht der Kommunikationsteilnehmer nicht offen im Netz – ist die mittelalterlich anmutende Burka im Straßenbild auch europäischer Städte denn wirklich so weit entfernt von den hypermodischen Twittern und „Newsbotsern“?“

Viele empfinden es für sich wichtig sich selbst darzustellen, nicht umsonst haben soziale Netzwerke immensen Zulauf. Die Menschen geben manchmal mehr über ihr Privatleben bekannt als ihnen, mit verspäteter Einsicht, lieb ist. Oft bemerken sie es noch nicht einmal, wie es Unternehmen mit dem Datenschutz nicht ganz so genau nehmen oder dieses wichtige Konzept im Herkunftsland des Unternehmens weitgehend fremd ist. Dass sich der in der Gesellschaft allgemein der Umgang miteinander Geändert hat und vermeintliche Anonymität Leute ihre Manieren, so sie welche haben, vergessen lässt, wird nicht durch das Medium verursacht, aber es macht dies sichtbarer. Deswegen die Anonymität auflösen zu wollen, halte ich für falsch.

„Lösen sich also Presse und Demokratie aus ihrer gemeinsamen miteinander gegangenen Wegstrecke der Ko-Evolution?“

Da neue Eliten die Aufmerksamkeit der Masse zu nehmend steuern und die Presse meist noch nicht dazugehört, wird die Demokratie sich auf Dauer von Kanälen lösen, die nicht eine gewünschte und relevante Reichweite verschaffen können. Und das ist gut so! Mag sein, dass es mal eine Zeit gab, in der Steintafeln für eine Demokratie als wichtig galten, doch sehnt man sich als fortschrittlich denkender Mensch auch nicht danach zurück oder?

„Werden wir in Zukunft eine schleichende Publifizierung privater Presse durch Alimentierung aus Staatshand erleben, damit wenigstens die Fassade einer geordneten öffentlichen Meinung erhalten bleibt, oder wird man sich auf twitter-beeinflusste Wahlergebnisse und Kampagnen, wie etwa die gegen die Gesundheitspolitik des amerikanischen Präsidenten, einzustellen haben: Droht eine juvenil wirkende „Obamisierung“ der Politik, die dem Zufall mehr Raum als der Planung gibt?“

Mir scheint Sie verstehen private Presse als öffentliche Meinung, dabei erinnert mich eine derartige Vorstellung an eine Shopping Mall. Sie erscheint als öffentlicher Raum bis man die Hausordnung sieht, liest und versteht. In diesem scheinbar öffentlichen Raum darf man in der Regel keine Fotos, keine Umfragen, keine Demonstrationen durchführen und auch seine Meinung nicht in öffentlicher Form kundtun. Abgesehen davon, dass Shopping Malls als Unort erscheinen, so sie, sobald man sich in ihnen befindet, nicht lokalisierbar da beliebig sind. „Obamisierung“ wünschen sich derzeit vor allem Politiker, da man neidisch auf Amerika blickt, aber keinerlei Voraussetzungen dafür gegeben sind. Twitter ermöglicht es sich mitzuteilen und so einen demokratischen Prozess, durch öffentliche Meinungsbildung, zu unterstützen. Aber „twitter-beeinflusste Wahlergebnisse“ – da stellt man sich unweigerlich die Frage in wiefern das Medium, nicht der Inhalt, nicht die Institution oder Persönlichkeit hinter dem Medium für die Beeinflussung verantwortlich ist? Oder könnten Sie von sich behaupten niemanden in seiner Wahlentscheidung beeinflusst zu haben?

„Welches Medium sollte die Lokalzeitung dabei auf kommunaler Ebene ersetzen?“

Natürlich das Internet ;-) So genannte Location Based Services sind gerade der letzte Schrei, obwohl noch keiner genau weiß wohin das führen wird. Dabei muss man sich vergegenwärtigen wie eine potentielle große Aufmerksamkeit für Inhalte nicht mehr allein an finanzielle Mittel gekoppelt ist. So kann auch der lokale Kaninchenzüchterverein mit der Bekanntgabe einer spektakulären Kreuzung in seinem Blog zu den warholischen 15 Minuten Ruhm bekommen.

„Wenn man zum Beispiel die Verursacher kinderpornografischer Seiten nicht findet, muss man womöglich die Strafe für den bloßen Besitz schärfen, damit der lukrative Markt ausgetrocknet wird: Das ist sachlich wahrscheinlich unausweichlich, kann aber die Proportionen schuld- und tatangemessenen Strafens bedenklich verschieben.“

An dieser Stelle empfehle ich Ihnen dringend das Blog von Alvar Freude zu lesen, um zu erkennen wie viele etablierte Medien sich an Verlautbarungsjournalismus laben und der von der leyenschen Propaganda frönen. Das Wort Propaganda mag hart klingen, es ist meiner Meinung aber berechtigt, da Ursula von der Leyen amtlich und journalistisch erwiesen gelogen hatte, um ein offensichtlich verfassungswidriges Gesetz durch den Bundestag zu peitschen.

P.S:

weitere Meinungen zu Ihrer Rede gibt es bei:

Internet-Law
Jur-Blog.de
Archivalia
Indiskretion Ehrensache

Mit freundlichen Grüßen


Daniel Schultz

by gregorfischer.photography

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