Gesellschaftliche Aspekte zum Urheberrecht

Okt 07 2009 Published by under politikerverdrossenheit, Rechteverwerter

Wenn man über Urheber- oder Patentrecht nachdenkt, stellt sich unweigerlich die Frage: wer soll von Ideen profitieren? Im ersten Augenblick fällt die Betrachtung auf den Schöpfer, der bitteschön für seine herausragende Tat honoriert werden soll. Da werden die meisten, unhabhängig davon welchem Lager sie zu gehören, noch zu stimmen. Seien es Schaffende, Verwertende oder Nutzende. Bei der Frage nach der Form der Honorierung scheiden sich schon die Geister. So spielt ein gesellschaftliches Verständnis im Umgang mit der Frage eine entscheide Rolle. Vor wenigen hundert Jahren entwickelte sich in der westlichen Welt ein rechtlicher Rahmen, in dem Geistiges Eigentum, wie man es heute oft nennt, eingebettet ist. Lange Zeit diente es Schaffenden, Rechtsansprüche gegen über Verwertern geltend machen zu können.

Nutzende waren auf Grund der enormen Kosten, die mit Reproduktion verbunden waren bis vor kurzem nicht in der Lage, Rechte von Schaffenden und Verwertern zu verletzen. Heute verschwimmt die Trennlinie zwischen Schaffenden, Verwertern und Nutzende zunehmend, während gleichzeitig die Kosten für einen Rechtsbruch und das gesellschaftliche Verständnis dafür schwinden. Daher setzt sich eine Lobby, die für geistiges Eigentum kämpft, mittlerweile für eine Lehre ihrer Weltanschauung ein und schreckt nicht davor zurück in Schulen zu gehen, um diese Lehre zu verbreiten und zu manifestieren. Dass die Verwerter zur Gewinnmaximierung ihrerseits die Schaffenden bisweilen ausbeuten, sei nur am Rande erwähnt.

Wenden wir uns noch einmal dem gesellschaftlichen Aspekt zu. Da gibt es ein Land mit einer Jahrtausende alten Tradition und dieses Land kannte und anerkannte bis vor kurzem das westliche Konzept des Geistigen Eigentums nicht. Erst der Druck westlicher Nationen führte zu einer Anerkennung dieser Geisteshaltung. Obgleich in China die Kopie als Ehrerbietung einem Meister gegenüber verstanden wurde.

Nun muss man aber nicht ganz soweit in die Ferne schweifen, um interessante Aspekte im Umgang mit Geistigen Eigentum zu finden. Die Bibliothek von Alexandria galt lange Zeit als Hort des Wissens der bekannten Welt. Stapelten sich dort Bücher und Schriftrollen zu Tausenden.

„Über die Art und Weise, wie diese Bücher erworben wurden, haben die Quellen einige Informationen hinterlassen. So wird berichtet, dass alle Schiffe, die in Alexandria anlegten, ihre mitgeführten Schriftrollen abgeben mussten, welche von Schreibern der Bibliothek kopiert wurden. Anschliessend wurden diese Kopien den Eigentümern zurückgeben, während die Originale im Besitz der Bibliothek blieben. Eine andere Anekdote besagt, dass sich die Ptolemäer gegen ein Depot von 15 Talenten Originalabschriften der griechischen Klassiker von Athen zur Abschrift geben liessen, dann aber die hinterlegte Summe verfallen liessen und die Schriftrollen behielten. Wieviel an diesen Berichten wahr ist, ist umstritten, denn bei einem Teil handelte es sich um Gerüchte, wie sie von der „Konkurrenz“, hauptsächlich der in derselben Zeit entstandenen Bibliothek von Pergamon, in Umlauf gesetzt wurden. Auf jeden Fall aber dokumentieren solche Zeugnisse, dass man in Alexandria alles daran setzte, um zu den gewünschten Werken zu kommen, und dabei neben der normalen Kauf- und Kopiertätigkeit illegale Mittel nicht scheute.“ Universität Bern

Ob die Rechtsprechung der damaligen Zeit tatsächlich das Wohl der Schaffenden und Verwerterden im Auge hatte, darf man ebenfalls bezweifeln. Aus unserem heutigen Rechtsverständnis heraus scheint es aber illegal.

Und genau beim Rechtsverständnis wird eine kostenfreie Verbreitung und Kopie der Idee gerade von denen gewünscht, die sich am meisten für den Erhalt des Geistigen Eigentums einsetzen. Klingt paradox! Aber auch die Demokratie lebt davon, dass politische Ideen kopiert, verbreitet, weiterentwickelt und von einer Mehrheit akzeptiert werden. In einer Zeit, in der man versucht Geschäftsmodelle, Software und schlichte Ideen als Geistiges Eigentum deklarieren zu können, muss man sich wirklich die Frage stellen: wer soll davon profitieren?

Daher würde ich mich freuen, wenn die neue Bundesregierung einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Gruppen herstellen könnte und nicht auf die Lobby der Verwerter hereinfällt, die einfach nur ihre Besitzstände wahren möchte. Nicht dass ich ihnen ihre Existenz absprechen möchte, doch dürfen keine Bürgerrechte für nicht mehr funktionierende Geschäftsmodelle geopfert werden!

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