Das Gleichnis vom Müll

Nov 26 2009 Published by under medienkritik, politikerverdrossenheit, Rechteverwerter

Die Lobbyisten der Verlagsbranche suggerieren Dialogbereitschaft und präsentieren ihre Vorstellungen von der neuen Pressewelt auf carta.info. So hatte Robert Schweizer, Rechtvorstand bei Burda, ausgeführt, warum Verlage ein wie auch immer geartetes Leistungsschutzrecht zwingend benötigen. Nun war der Axel-Springer-Außenminister, Christoph Keese, an der Reihe. Doch scheint diese vermeidliche Offenheit wohl eher ein Ablenkungsmanöver zu sein, wie auch Jens Best feststellt.

„Wir sollten aufhören mit den nebelkerzenwerfenden Propaganda-Lakaien der old-school-Presse zu reden. Diese achso höfliche “Dialogfähigkeit” dient nur der Ablenkung.

Die einzige Frage, die zu stellen ist, lautet meiner Meinung nach:

Was machen wir, wenn Angela M.(55) und andere unerfahrene Gesetzgeber den Einsäuselungen zustimmen und wir unsinnige Leistungsschutz- und was-weiss-ich-noch-Gesetze bekommen?

Der Widerstand muss VOR der Gesetzgebung geschehen. Die FDP hat Monate voll mit bürgerrechtlichen Feuerproben vor sich und ich bin gespannt ob die Mehrheit der Lieber-Aal-Glatten diese besteht.

Unabhängig davon heisst es: Ohne eine Lobby für die digitale Gesellschaft wird die Phalanx der Altmächtigen aus Burda, Döpfner, Schirrmacher etc. den Weg in eine Zukunft dikitieren, die keiner, der bei Sinnen2.0 ist, erleben möchte.
We are Legion.“ Jens Best

Angela Merkel hatte ja die Verleger explizit dazu aufgefordert am Schließen der von den Verlagen entdeckten Gesetzeslücke „mitzuwirken“. Daher ist anzunehmen, dass unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die Verhandlungen mit den politischen Entscheidern bereits im vollen Gange sind. Es soll ja noch in diesem Jahr ein Gesetzesentwurf vorgestellt werden.

Unter Anderem hört es sich so an, als würden die Verlage eine Einschränkung bis Abschaffung des Zitatrechts fordern, doch auch das Aufgeben der Netzneutralität scheint den Lobbyisten wichtig zur Wahrung ihre geschäftlichen Interessen zu sein. Datenschutz steht auch nicht hoch im Kurs, wenn man sich zum Beispiel folgenden Wunsch von Herrn Keese auf der Zunge zergehen lässt.

„Auf den meisten journalistischen Webseiten gibt es keine One-Click-Angebote. Aber selbst wenn sie dort entstünden, bliebe das Problem, dass alle Leser, die über eine Suchmaschine kommen – und das sind bekanntlich viele –, ihren ersten Klick bei der Suchmaschine schon geleistet haben. Wenn sie bei der Ziel-Webseite dann noch einmal klicken müssen, um zu bezahlen, sind es schon zwei Klicks – im Vergleich zu Amazon oder iTunes einer zuviel. Zu vermuten ist, dass viele Leser, vielleicht die meisten, sich der Mühe des zweiten Klicks nicht unterziehen und einfach abbrechen. Daraus folgt, dass es am elegantesten wäre, wenn die Zahlfunktion bei der Suchmaschine gleich mit eingebaut wäre und von dort ein fairer Erlösanteil an Verlage und Journalisten flösse.“ Christoph Keese

Wie Google soll jetzt das Leseverhalten speichern, damit „ordentlich“ Abgerechnet werden kann?

Das mutet absurd an, wo gerade die Datenschützer versuchen Google Analytics aus Deutschland rauszukicken. Aber es wäre ja zu Wohle der Usabitity!

Ansonsten beschwert sich Herr Keese über ein Phänomen, welches er quasi als „unfaire search“ bezeichnet. Konkret geht es um eine mögliche Bevorzugung von Google eigenen Produkten bei der Erstellung der Suchergebnisse. Dabei tut Herr Keese so, als würde kein Verlag eines seiner eigenen Produkte an prominenter Stelle in eigenen Publikationen bewerben.

Das diese Debatte nicht in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird liegt an den Verlagen, denn das von Herrn Keese Angeprangerte funktioniert auch umgekehrt. Und so hat man eben kein Interesse daran dem Thema viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Aber wahrscheinlich liegt das an der fehlenden Folgenabschätzung der Forderungen durch die Verlage. Bezogen auf das Zitatrecht wäre noch diese Schlagzeile in der Bildzeitung kongenial, wenn es zu spät ist.

„Krass: [Politiker XY] verbietet Bild seine Aussagen gegen ihn zu verwenden!“

Sicher so eine Schlagzeile würde nie kommen, aber es bedarf keiner großen Transferleistungen um ähnlich zu titeln und gleichzeitig das Problem ebenso zu erfassen.

Ein anderer Aspekt, der im Interview auf carta zum Tragen kommt, ist das fehlende Verständnis für den Markt und die Marktwirtschaft. So mag Google derzeit den Such- und den Werbemarkt im Internet dominieren. Doch sind soziale Netzwerke ein Marktteilnehmer, der in der Gedankenwelt von Keese & Co. scheinbar noch nicht auftaucht. Aber Betreiber von sozialen Netzwerken können, an Hand der von den Nutzern kostenlosbereit gestellten Daten, tendenziell besser Rückschlüsse auf die Bedürfnisse der Nutzer schließen und damit mehr Geld für Werbung verlangen. Ebenso gibt es ein Problem, welches durch eine Suchfunktion, wie Google sie anbietet, nicht unmittelbar gelöst wird. Wer nach etwas sucht, möchte sich häufig direkt mit anderen über das Objekt der Suche austauschen und zwar am besten – sofort. Gleichzeitig setzt die pure Suche eine hohe Medienkompetenz bei der Auswertung der Suchergebnisse voraus. Das kann in sozialen Netzwerken durch Vertrauen in die Reputation der Nutzer kompensiert werden. So sieht man heute schon häufiger die Nutzer komplexere Fragen stellen, die früher einfach nur in den Googleschlitz gekippt wurden. Diese Indizien könnten auf eine Änderung im Werbemarkt zu Gunsten der Betreiber von sozialen Netzwerken hindeuten. Google versucht seinerseits Socialmedia und Echtzeitweb Komponenten zunehmend in die eigenen Angebote zu integrieren. Siehe die Bewertungen vom Orten auf Google Maps und die Integration der Twitter Updates.

by tschaut

Und nun zu etwas völlig anderem – Müll!

Angenommen in den Markt der Müllentsorgung würde ein neuer Mitbewerber eintreten, der für die Dienstleistung der Müllentsorgung kein Geld mehr verlangt. Er finanziere sich über die statistische Auswertung, die andere Unternehmen bereitwillig und teuer bezahlen, da sie so ihre Investitionen optimal auf die Bevölkerungsstruktur anpassen könnten und so unterm Strich Geld sparen würden. Da die anderen Marktteilnehmer nicht über die Technologie der statistischen Auswertung verfügen, ihnen gleichzeitig aber Kosten entstehen, die per Gebühren dann den Endkunden weitergereicht werden, wenden sich die Verbraucher langsam von ihnen ab. Um trotzdem die Kunden zu halten senken sie ihrerseits die Gebühren auf Null, und geben den Müll und die Entsorgungskosten an den neuen Marktbegleiter weiter, der diesen ohne zu zucken nimmt. Das ganze vollzieh sich natürlich nicht von jetzt auf gleich, da der ältere Teil der Bevölkerung seine Gewohnheiten beibehält und weiterhin für seine Müllentsorgung bezahlt. Ein paar Jahre später kommen die konventionellen Müllentsorger in finanzielle Schwierigkeiten und rufen nach dem Staat. Sie fordern für den an den neuen Müllentsorger weitergeleiteten Müll faire entlohnt zu werden. Schließlich verdiene der damit gutes Geld! Da der Neue über die Jahre zu einem Monopolist wurde, begründen sie ihre Forderungen mit dem Kartellrecht. Und schließlich würden sie ihren Müll ja schon in aufbereitete Form liefern – sortiert und so.

Haben jetzt die Alten einen Anspruch gegenüber dem Neuen oder soll der Markt sie für ihren Starrsinn und die Nichtbereitschaft neue Geschäftsmodelle zu entwickeln bestrafen?

In welcher Form die Müllentsorgung Systemrelevant ist sei mal dahingestellt.

Das Gleichnis spiegelt sicher nicht alle Aspekte der Leistungsschutzdebatte wieder, aber einen Entscheidenden: Kann man für eine Dienstleistung die jemand anders scheinbar kostenlos erbringt, der deshalb Monopolist wird, einschneidenden Gesetzesänderungen einfordern, um im Geschäft zu bleiben.
Im Gleichnis wurden Google und die Verleger auf eine Stufe gestellt und da stehen sie auch, wenn man den Werbemarkt betrachtet und Aufmerksamkeitslenkung als für die Demokratie relevantes Moment der Systemrelevanz beider Lager begreift.

Alternativ hätte man natürlich das 0% Zinsmodell vom MediaMarkt und die Auswirkung auf Geschäftsmodelle der Finanzdienstleister untersuchen können!

Wer sagt eigentlich, dass die „Presse“ für politische Willensbildung und Demokratie wichtiger ist als Suchmaschinen?

Zwar geben die Lobbyisten vor sich für das Wohl der Demokratie durch ihre Publikationen einzusetzen, doch stehen die Auswirkungen ihrer Forderung dem diametral entgegen.

Freiheitlich demokratische Grundordnung ist freiheitlich demokratisch!

by mwboeckmann

2 responses so far

  • seotroy sagt:

    sehr toller beitrag weiter so. aber das gefühl habe ich auch das google eigene produkte besser ouscht als andere…kann man ja mit einem backlinkchecker prüfen wie sie sich selbst pushen…auch komisch das unter den top 100 seiten nur us seiten vertreten sind…gruß seotroy

  • […] seit Bestehen des Internets, Paid-Content-Modelle einführen zu wollen, dokumentieren schlicht das Einpendeln des Marktpreises. Dabei verfolgen die Verlage bei Bezahlangeboten zwei miteinander konkurrierende Ziele: Einerseits […]

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