Entschuldigung, DHL

Sep 19 2013

Ich möchte mich entschuldigen und zwar bei DHL. Vor einigen Monaten ist ein ziemlich ramponiertes Paket bei mir eingetroffen. Die Sendung hatte ich bereits Tage sehnsüchtig erwartet, denn sie beinhaltete das, was mal mein neues Notebook hätte werden sollen. In der Hoffnung, nur die Verpackung sei beschädigt, habe ich das Paket angenommen und damit die Sache noch verkompliziert.

Mit gebrochenem Display und einigen losen Gehäuseteilen, die mir nach dem Öffnen der Verpackung entgegenflogen, war nichts mehr anzufangen. Ich war aufgebracht. Wenige Minuten zuvor hatte ich den Zusteller noch auf die in Mitleidenschaft gezogene Verpackung hingewiesen, was er lediglich mit einem Schulterzucken und dem Hinstrecken des Handgeräts für die Unterschrift quittierte. Dem Unmut, den ich dabei verspürte, machte mit ein paar Tweets und einen Blogpost Luft. Meine Schuldzuweisung, DHL wäre dafür verantwortlich, war allerdings voreiligen und falsch – das tut mir Leid.

Rechtlich gesehen hatte ich auch gar keine Ansprüche gegenüber DHL, selbst wenn sie eine Schuld zu verantworten gehabt hätte. Denn der Händler hatte letztlich das Paket verschickt und damit eine vertragliche Beziehung zu DHL. In jedem Fall hat man als Empfänger eine siebentägige Frist um eine Schadensanzeige bei der DHL durchzuführen. Dabei wird das Paket in einer Niederlassung abgegeben und geprüft, ob eine Schadensregulierung durch die DHL vorgenommen wird. Was in meinem Fall abgelehnt wurde.

Nach der Prüfung ging das Paket zurück zum Händler. Dieser vertrat nun folgenden Standpunkt:

„Nach eingehender Prüfung des Sachverhalts – auch durch unseren Rechtsbeistand – ist eine Haftung unseres Unternehmens für den eingetretenen Transportschaden allerdings nicht ersichtlich, sodass wir Ihren Schaden nicht regulieren können.“

Was er so begründete:

„Für solche Transportschäden beim Versendungskauf geht nach § 447 Abs. 1 BGB die Gefahr auf den Käufer über, sobald der Verkäufer die Sache dem Spediteur, dem Frachtführer oder der sonst zur Ausführung der Versendung bestimmten Person oder Anstalt ausgeliefert hat.“

„Des Weiteren gilt die gelieferte Ware vorliegend gemäß § 377 Abs. 2 HGB als genehmigt, da Sie es unterlassen haben, die Ware unverzüglich nach der Anlieferung im ordnungsgemäßen Geschäftsgang zu untersuchen.“

Nur hatte ich, nach dem ich meinen Unmut über die Situation gegenüber DHL bekundet hatte, auch den Händler darüber informiert, dass die Ware beschädigt angekommen war. Zudem habe ich die Ware unverzüglich geprüft und den Schaden photographisch dokumentiert. Des Weiteren unterstellte mir der Händler, schon bei der Annahme wäre äußerlich erkennbar gewesen, dass die Ware beschädigt war, obwohl der Händler in dieser Situation noch nicht einmal zugegen war. Ich hatte den Eindruck, der Händler wolle mir weißmachen, ich hätte durch die Annahme die Schuld auf mich gezogen und jegliche Rechte verwirkt.

Mein Aufregen über DHL hatte insofern ihr Gutes, da ich nun mit Mitarbeitern des Unternehmens in Kontakt stand, die mich netterweise darüber aufgeklärten, dass Händler in mehrfacher Hinsicht gegen die Versandbedingungen von DHL und die Verpackungsbedingungen im Besondern verstoßen hatte (Vielen Dank an dieser Stelle noch für die Unterstützung in diesem Zusammenhang).

3 VERPACKUNGSBEDINGUNGEN
3.1 GRUNDSÄTZLICHES

„(3) Nach den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der DHL PAKET und der Deutschen Post PAKET INTERNATIONAL darf die äußere Verpackung keinen Rückschluss auf den Wert des verpackten Gutes zulassen. Verwenden Sie daher nur neutrale Kartonagen und Verschließmittel.“

Der Verpackung war anzusehen, dass es sich dabei um ein Notebook handelt, was Rückschlüsse auf den Wert zulässt. Durch die Verwendung der Herstellerverpackung wurde gegen diesen Punkt der Versandbedingungen verstoßen.

Des Weiteren ist den Versandbedingungen folgendes zu entnehmen.

3.2 SICHERE VERPACKUNG

„Bei transportsensiblen Inhalten muss die Verpackung auf deren besondere Empfindlichkeit abgestellt sein und Eigenart, Menge sowie alle anderen Besonderheiten im Einzelfall berücksichtigen. Verkaufs- und Lagerverpackungen sind oftmals nur für den palettierten Versand ausgelegt. Für die Postbeförderung sind zusätzliche Verpackungsmaßnahmen oder andere Verpackungskonzepte erforderlich.“

DHL weißt also explizit darauf hin, dass die Herstellerverpackungen oftmals für eine andere Form des Versands als den Paketversand vorgesehen sind und daher den Ansprüchen einer sicheren Verpackung nicht genügen. Der Händler hat es gleichfalls unterlassen die Empfehlung von DHL umzusetzen und zusätzliche Verpackungsmaßnahmen durchzuführen.

Schlussendlich hat sich dann ein Rechtsanwalt der Sache angenommen. Der Rechtsstreit zog sich dann noch bis vor kurzem hin und der Händler hat in Folge dessen die Kosten zurückerstattet.

Dem Händler habe ich noch versprochen, entsprechende Bewertungen auf diversen Shoping-Portalen zu hinterlassen. Dies werde ich bei Gelegenheit noch nachholen, da ich anderen einen solchen Ärger ersparen möchte.

Der Händler heißt URANO eBusiness GmbH – ich kann nur davor warnen dort zu bestellen.

No responses yet

Springer – Gemischtwareladen mit angeschlossener Propagandaplattform

Jul 26 2013

In gewisser Weise ist die Strategie von Springer, sich des journalistischen Ballastes zu entledigen, konsequent. Nach wie vor halte ich Springers Lobbyismus im Zusammenhang mit dem Leistungsschutzrecht für Presseverleger für ein geschicktes Ablenkungsmanöver, gerade im Digitalen den Vorsprung auszubauen. Gleichfalls entwickelt sich Springer von einem klassischen Verlag weg – hin zu einem Gemischtwarenladen mit angeschlossener Propagandaplattform.

Springer hatte angekündigt, keine Mitarbeiter in den nächsten zwei Jahren kündigen zu wollen. Diesbezüglich hat Springer auch Wort gehalten, denn um etwaige Kündigungen kann sich jetzt die Funke-Gruppe als neuer Eigentümer einiger Springerblätter kümmern. In der Diskussion um das Leistungsschutzrecht hatte Christoph Keese, angesprochen auf die Gewinne im Digitalen, immer wieder betont, Journalismus trage nur einen kleinen Teil dazu bei. Insofern ist es nur verständlich, dass das erfolgreiche und hoch profitorientierte Unternehmen, sich von einigen journalistischen Angeboten trennt.

Zum einen erspart sich Springer dadurch, Überlegungen anstrengen zu müssen, welche Geschäftsmodelle für den Journalismus im Digitalen funktionieren und ob das Leistungsschutzrecht tatsächlich als Einnahme Quelle geeignet ist. Man darf nicht vergessen, dass Springer als treibende Kraft hinter dem Leistungsschutzrecht neben Burda zu den wenigen Verlagen gehört, die auch ohne Leistungsschutzrecht digital recht erfolgreich sind. Nur eben nicht unbedingt mit Journalismus.

Zum anderen kann Springer die Einnahmen nutzen um seine digitale Strategie weiter auszubauen. Kleinanzeigen, Jobanzeigen, Produktempfehlungen und Immobilienanzeigen hatten früher Geld in die Kassen vieler Verlage gespült. Mit der Digitalisierung kam es zu einer Konzentration dieser Angebote auf wenigen Plattformen und diese Einnahmequelle versiegte für viele Verlage. Natürlich wurden diese Einnahmen jahrelang genutzt, um den Journalismus quer zu finanzieren. Doch mit einem Mal funktionierten diese von Kunden nachgefragten Angebote auch ohne journalistisches Beiwerk aber dafür mit Werbung hervorragend. Die Zeiten in denen eine Süddeutsche wegen ihrer Jobangebote gekauft wurde, sind definitiv vorbei. Doch Springer und Burda verdienen mit solchen Angeboten weiterhin gutes Geld – halt im Digitalen.

Gleichfalls ist nachvollziehbar, warum BL*D und DIE WELT gehalten werden. Ersteres Blatt hat nicht nur off- wie online eine ordentliche Reichweite – viel wichtiger ist, die Angst, die Politiker vor diesem Medium haben. Die BL*D ist mit ein paar hundert Redakteuren in der Lage eine Vielzahl von Politikern erzittern zu lassen. Dieses Machtinstrument aus der Hand zu geben, wäre gerade zu lächerlich. Außerdem spielt das daran angeschlossene Warenhaus mit allerlei Volksprodukten auch den ein oder anderen Euro in die Kasse. Die Kosten für das Liebhaberprojekt DIE WELT dürften sich ebenso im Rahmen halten.

Dass bedeutet natürlich keinesfalls, Journalisten der übriggebliebenen Springer Blätter könnten sich jetzt zurücklehnen. Kai Diekmann hatte erst kürzlich angekündigt, es werde künftig ein anderer Wind wehen. Die Ausführungen lesen sich wie der Wunsch der Transformation von Redakteuren in Arbeitskraftunternehmer, wie sie der Soziologe Gerd-Günter Voß beschrieben hatte. Damit fördert Springer die Selbst-Ökonomisierung der Redakteure, was für Springer mit einem positiven Effekt einhergeht. Der Redakteur ist dann einfach selbst schuld, wenn das mit dem Geldverdienen mit dem Journalismus nicht so klappt. Und bloß weg mit den Tarifverträgen – diesen hinderlichen Fußfesseln.

Dem in der Pauschalisierung unzutreffenden Vorwurf, Verlage hätten das Internet nicht verstanden, begegnet Springer mit gelassener Souveränität und einem Bargeldpolster für neue Investitionen. So hat der Verlag mit Axel Springer Plug and Play einen Startup-Inkubator angeworfen, in dem sich das Geld jetzt schön verfeuern lässt. Im Hinblick auf die Weitsicht des Unternehmens ist davon auszugehen, dass dabei auch finanziell etwas dabei herumkommt, auch wenn die Kommentatoren bezüglich der ersten Investments einigermaßen skeptisch sind.

Man darf gespannt sein, welche Bonbons für Springer der nächste Koalitionsvertrag zwischen FDP und Union bereithält. In jedem Fall ist es dafür hilfreich die FDP über 5% zu stabilisieren, selbst wenn das mal plumper und mal geschickter erfolgt. Das sichert den unternehmerischen Erfolg. Und falls die Politiker nicht spuren, hat man ja das nötige Machtinstrument um die Politiker springen zulassen – im Zweifel politisch über die Klinge.

No responses yet

Mit @DHLPaket versendet. Denkste, ist nur die Verpackung… #requestedlongversion

Jun 03 2013

Sehr geehrter Herr Ehrhart,

für einen Artikel über die Kundenzufriedenheit und die Unternehmenskommunikation des Paketdienstleisters DHL, wollte ich ein paar Informationen telefonisch erörtern. Da mir am Telefon gesagt wurde, ich möge eine E-Mail an Ihr Unternehmen richten, obwohl ich beim Kontakt für Journalisten angerufen hatte, möchte ich hiermit diesem Wunsch entsprechen. Man könne mir sonst keine „zitierfähigen Aussagen“ geben, auf die ich bestanden hatte.

Konkret entzündete sich meine Begier, mehr von Ihrem Unternehmen zu erfahren, an der Sendungsnummer 31 3180 26771 9. Damit Sie sich ein Bild von der Situation machen können. Diese sieht momentan so aus:

1 2 3 4

Dazu hätte ich ein paar Fragen, da der Zusteller auf den Schaden angesprochen, nur mit einem breiten Grinsen einen Handscanner zum Unterschreiben entgegenhielt und meine Äußerung dazu ignorierte:

  1. Mir wurde zugetragen, mit meiner Unterschrift würde ich die Haftung für den Schaden an einer Sendung übernehmen. Ist dem so?
  2. Sind die Zusteller dazu angehalten den Empfänger auf rechtliche Folgen hinzuweisen, wenn sie eine offensichtlich schadhafte Sendung ausliefern?
  3. Wie hoch ist der Prozentsatz an schadhaften Lieferungen, die durch DHL verursacht wurden?
  4. Wie hoch ist der Prozentsatz an schadhaften Lieferungen, die durch Zulieferer von DHL verursacht wurden?
  5. Wie hat sich der Prozentsatz der schadhaften Lieferungen in letzten 20 Jahren entwickelt?
  6. Wie steht Ihr Unternehmen zu dem Credo „One Face to the Customer“?
  7. Wie beurteilen Sie die Tatsache, dass beim Pressekontakt darauf hingewiesen wird, man habe nichts mit der Social Media Abteilung zu tun und könne daher keine Aussage zu einer Gesprächsanbahnung dort treffen?
  8. Welche Reaktionszeit erwarten Sie von Ihrer Social Media Abteilung montags nachmittags um 13:35?
  9. Aus welchem Grund treffen Sie in Ihrer Unternehmenskommunikation eine Distinktion zwischen Journalisten und anderen Menschen?

Wie schon in der Einleitung erwähnt, bitte ich hiermit um zitierfähige Aussagen im Hinblick darauf, diese als Aussagen zu den von mir gestellten Fragen veröffentlichen zu dürfen.

Bitte beachten Sie, dass dieser Text in meinem Blog www.presseschauer.de veröffentlicht wurde und ich mir vorbehalte Ihre Antwort ebenfalls zu veröffentlichen. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, bitte ich Sie dem ausdrücklich zu widersprechen.

Mit freundlichen Grüßen

Daniel Schultz

6 responses so far

Spieglein, Spieglein…irgendwas mit Vertrauen im Land

Mai 28 2013

Sven Becker hatte eine Geschichte über Carmen, eine Sexworkerin, geschrieben. Sie empfand den Text als tendenziös und hat in ihrem Blog dazu eine Gegendarstellung angefertigt, die ich gestern gelesen und auch verbreitet hatte. Nun gibt es von Becker eine Gegendarstellung zur Gegendarstellung und da mich DER SPIEGEL explizit darauf hingewiesen hatte, möchte ich dazu auch noch ein paar Worte verlieren.

Carmen beginnt ihren Text mit einer Email, die wohl aus der Phase der Interviewanbahnung herrührt.

„Ich begreife das als Chance, Argumente anstelle von Vorurteilen in die öffentliche Debatte über Prostitution einzubringen und Einblicke in einen Beruf zu ermöglichen, der den meisten Menschen verborgen bleibt.

Was ich nicht liefern möchte, ist eine Geschichte über mich und mein Privatleben. Ich bin nicht bereit, mich zur Projektionsfläche jedweder Klischees zu machen. Ich werde keine Fragen zu meiner Person beantworten, die Aspekte jenseits meiner prostitutiven/politischen Tätigkeit betreffen. Wenn sie sich darauf einlassen können, bin ich gerne bereit, mich mit ihnen an einem Freitag in PBerg oder Mitte auf einen Kaffee zu treffen.“

Carmen schreibt weiter, Becker habe sich mit diesen „Bedingungen“ einverstanden erklärt. Zugegeben, es wäre, um es mit Ole Reißmann zusagen, in der Tat noch schöner Journalisten vorzuschreiben, wie sie gefälligst zu berichten haben. Nun erwidert Becker in seiner Darstellung folgendes:

„Natürlich geht es in dem Text auch um unser Gespräch im Café und einige Hinweise auf ihr Leben jenseits der Prostitution. Alle biographischen Details stammen von ihrer Website, ich habe sehr genau darauf geachtet, dass ihre Privatsphäre gewahrt bleibt. Ich hatte Carmen den groben Verlauf des Textes vor Erscheinen schriftlich geschildert. Ihr muss also klar gewesen sein, dass es ein Text über sie wird.“

Für mich liest sich das so, als habe Becker Carmen gegenüber nicht mit offenen Karten gespielt. Als habe er sie mehr porträtiert als Carmen erwartet hatte – mehr als Carmen gar versucht hatte sich zusichern zu lassen. Dadurch ergibt sich für mich eine Situation, die als Vertrauensmissbrauch interpretiert werden kann. Wenn Journalisten ihr Vertrauen so aufs Spiel setzen, entziehen sie sich damit nicht ihre eigene Arbeitsgrundlage?

Warum also sollte sich unter solchen Voraussetzungen eine Sexworkerin wie Carmen einem Journalisten wie Becker bzw. dem SPIEGEL künftig anvertrauen?

One response so far

Netzkram – Altbekanntes und erfrischend Anderes

Apr 29 2013

Da ich derzeit in Berlin bin, konnte ich dort einige Veranstaltungen wahrnehmen, über die ich hiermit berichten möchte. Dabei ging es um einen Diskussionsabend mit Mike Masnick von Techdirt und Hugh McGuire, dem Gründer von PressBooks und LibriVox, zudem eine Roundtable Discussion mit dem Titel „The Future of Online Journalism – The View from Rural America“ in der amerikanischen Botschaft und das Transdisziplinäres Symposium „Doing Nerd. Dilettantisch Handeln, virtuos Abweichen, stoisch Heimsuchen!“ in der Heinrich-Böll-Stiftung. Ach ja und dann war da noch diese Skype-Konferenz zum Leistungsschutzrecht.

Skype-Konferenz mit Jochen Wegner

Ok, ich gebe zu, die erste Begegnung mit dem Leistungsschutzrecht in jüngster Zeit, war vom mir selbst induziert, aber dennoch nicht uninteressant. Jochen Wegner, der neue Chefredakteur von Zeit Online hatte, eine kurze Stellungnahme im Hausblog der Zeit veröffentlicht: „Bitte zitieren Sie uns gerne“. Als jemand der sich schon etwas Länger mit dem Leistungsschutzrecht befasst, irritierten mich die inhaltlichen Ungenauigkeiten und vom Text suggerierte Pflicht, die Zeit verlinken zu müssen, wenn man Textauszüge übernehmen möchte. Da ich meinen Unmut darüber kund tat und mit meiner Kritik nicht alleine stand, bot Jochen Wegner kurzerhand eine Skype-Konferenz an, die letzten Dienstag stattfand.

Mit von der Partie waren also Jochen Wegner, Karsten Lohmeyer und Stephan Goldmann von Lousy Pennies, Stefan Engeln von 1&1 und ich. Wegner stellte schnell klar, dass die Intension seines Textes etwa folgende sei: „Macht euch mal keine Gedanken, die Zeit verklagt euch schon nicht wegen des Leistungsschutzrechts“. Er richtet sich an all die Leser und Journalisten, die sich verunsichert an die Zeit gewandt hatten. Es ging darum ein Zeichen zu setzten, wie es auch schon die SZ und Spiegel Online gemacht hatten. Wie sich in der Diskussion herausstellte, bergen solche Texte im Allgemeinen die Gefahr, entweder juristisch unpräzise oder für den durchschnittlichen Leser unverständlich zu werden. Dennoch bin ich nach wie vor der Ansicht, es wäre ein Dienst am Leser, würde in derartigen Texten erklärt, was nach dem Zitatrecht heute möglich ist und eine Abgrenzung zudem, was gerade kein Zitat ist. Also etwa, wenn Textausschnitte von Algorithmen übernommen werden oder die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Text fehlt.

Erfreulich ist allerdings die Form, in der sich Jochen Wegner der Kritik gestellt hat. Er hatte auch angedeutet, in ähnlicher Art zu anderen Themen Feedback von Interessierten einholen zu wollen.

Mike Masnick und Hugh McGuire in der Kunsthalle

Wieder eine Veranstaltung zum digitalen Wandel und zu der Frage: „Was passiert jetzt mit den Kreativen?“. Entweder war ich schon zu oft bei solchen Diskussionsrunden oder ich beschäftig mich schon zu lange mit dem Thema oder beides. Jedenfalls waren die genannten Beispiele, wie es für Kreative in Digitalien klappen kann, hinlänglich bekannt. Einziges Take Away, was ich mir selbst zusammengereimt habe: „Nach dem Tod des Autors kommt jetzt der Tod des Geschäftsmodells. Lang lebe das Geschäftsmodell!“ Die genannten Beispiele waren schlicht individuelle Lösungen für Einzelne, die schon beim Nächsten, nicht mehr funktionieren müssen. Tja, im letzten Jahrhundert konnte man als Verleger, Musikproduzent, Filmemacher etc. halt einfach das übliche Geschäftsmodell von der Stange nehmen.

Roundtable Discussion in der US Botschaft

Bill Bishop von Daily Yonder, einem stiftungsfinanzierten journalistischen Angebot, leitet hierzu die Diskussion ein. Er bezog sich auf gesellschaftliche Veränderungen seit den 60ern und deren Auswirkungen auf den Journalismus heute. Es ging um zunehmende Individualisierung mit Bezug auf Robert David Putnams „Bowling Alone“ auf der einen Seite und „Mega- Churches“ auf der anderen; dem gleichzeitigen Zweifel an Institutionen und Traditionen; dem Verschwinden von kleinen Geschäften und der zunehmenden Verbreitung von „Mega-Stores“ wie Walmart;  dem Wunsch, möglichst die eigene Meinung bestätigt zu bekommen; dem sich Einnisten in seiner Filter-Blase: „Hach, wie bequem hier!“. Schließlich ging es um die Frage, wie sich Öffentlichkeit herstellen lässt und wie sich das im Zeitalter des Internets auch finanzieren lässt.

Nach dieser vielschichtigen Einführung kam dann der Hammer. Den ersten Redebeitrag lieferte Florian Nehm von Springer und zeichnete eine rosige Zukunft, zu der das Leistungsschutzrecht für Presseverleger beitragen würde. Er schien sehr davon überzeugt. Dem entgegnete ich, dass sich Ökonomen wie Prof. Dr. Justus Haucap bereits zweifelnd geäußert haben, ob überhaupt ein positiver Preis damit erzielbar sei. Denn die Verlage wollen ja gleichzeitig von Suchmaschinen und Aggregatoren deren Dienstleistung der Aufmerksamkeitszuführung kostenlos abgreifen.

Im Weiteren wurde noch diskutiert, ob Crowdfundig ein Ausweg aus der Misere der Finanzierung wäre. Was bezweifelt und auch hier als Lösung für Einzelne empfunden wurde. Kritisiert wurde die Einflussmöglichkeit der Verlage auf die Inhalte, obgleich die Diskutanten in der Meinung über die Notwendigkeit von Redaktionstätigkeit gespalten waren. Konsens hingegen herrschte über die Aufwertung der Bedeutung einzelner Journalisten und sowie von Lokalberichterstattung. Beides schaffe eine Nähe und ein Vertrauen, welches der Leser zunehmend suche. Zudem wurde die These widerholt, im Internet gäbe es unbegrenzt Werbefläche, was sich negativ auf die erzielbaren Preise auswirken soll.

Der letzten These möchte ich widersprechen (leider habe ich nicht schon Vorort meine Stimme dazu erhoben). Meiner Ansicht nach ist die Werbefläche in der Nähe von dem, was die Aufmerksamkeit der Leser bindet, immer noch begrenzt und damit wertvoller. Vor allem wenn das Beworbene und das im Fokus der Aufmerksamkeit Liegende praktisch identisch ist. Also kontextsensitive Werbung bei der Suche etwa. Zur These, wir würden uns gerne in unserer Filter-Bubble einnisten und nach der Bestätigung unseres Weltbilds suchen, sei auf eine Studie verwiesen, die sich wie folgt zusammenfassen lässt: „Wer unsicher ist, fürchtet fremde Meinungen“. Einstellungsänderungen sind mit einem Kraftakt verbunden, da sie die eigne Identität in Frage stellen. Einfacher fällt es, zum eigenen Weltbild Widersprüchliches mittels selektiver Wahrnehmung auszublenden. Nur eine Minderheit sucht regelrecht nach Möglichkeiten eigene Vorurteile zu falsifizieren.

Doing Nerd in Heinrich-Böll-Stiftung

Diese Veranstaltung lieferte für mich sehr erfrischend neue Perspektiven (subjektiv und nicht chonologisch) auf die gesellschaftliche Entwicklung.

Den Auftakt machte der Soziologe Dr. Michael Makropoulos. Er ging in seiner Keynote auf das Phänomen der Massenkultur und stellte die Frage nach der Anschlussfähigkeit, die in seinen Augen durch Standardisierung erfolgen kann – durch weitreichend bekannte Codes. Wobei er auch auf das Problem der semantischen Überlagerung, die sich nur im jeweiligen Kontext auflösen lässt: „Kontext is King!“

Mit der Anschlussfähigkeit hatte ich mich in meinem Text „Katzenbilder sind der Kitt der Gesellschaft“ ebenfalls beschäftigt

Nicole Karafyllis lieferte als Philosophin noch interessante Aspekte zum Asperger-Syndrom. Welches ähnlich wie AHDS schon fast als schicke Modeerkrankung dargestellt wird, weil einige Symptome wie Sorgfalt, Genauigkeit und außerordentliche geistige Fähigkeiten bei gleichzeitiger sozialer Inkompetenz zu nehmend auf die Charakterisierung des Nerds passt. Der wiederum ist jetzt cool und als neuer gesellschaftlicher Leistungsträger auserkoren. Praktisch vom gesellschaftlichen Außenseiter hinzu einer „guten Partie“ gewandelt und enorm bemutterbar – im Sinne eines Rollmodel-Backlash.

Zu guter Letzt sei noch der Vortrag von Jörg Ossenkopp erwähnt, der auf Immanuel Kant als Nerd abzielte. Ossenkopp gelang es jedenfalls, die dem Nerdtum zugeschriebenen Attribute in der Persönlichkeit bei Kant hervorzuheben und führte dies wortreich aus.

No responses yet

« Newer posts Older posts »