Wie der Protektionismus der Verlage Googles Marktposition stärkt

Nov 05 2014 Published by under der presseschauer fragt nach, medienkritik

Sehr geehrter Herr Oettinger,

zunächst möchte ich Ihnen zu Ihrem neuen Amt gratulieren und für die Ausübung alles Gute wünschen. Da Sie in den Medien schon angekündigt haben, das Urheberrecht in Europa harmonisieren zu wollen, was ich durchaus begrüße, wende ich mich an Sie. Seit Jahren begleite ich kommentierend den in Deutschland schwelenden Zwist zwischen Verlagen und Google. Die Axel Springer SE hat heute implizit bekannt gegeben, dass das Narrativ mit dem das Leistungsschutzrecht bei Politikern beworben wurde, falsch ist. Nicht Google profitiert von den Verlagen übermäßig durch die Leistung des jeweils anderen, sondern die Verlage von Google.

Die Geschichte zieht sich bereits über Jahre hin und ich möchte sie jetzt nicht in epischer Breite wiedergeben, sondern lediglich auf ein paar wichtige Punkte eingehen. Gleichfalls finden sich in meinem Blog noch ein paar Texte zu diesem Thema.

Dem Leistungsschutzrecht fehlte von Anfang an die Legitimation, dennoch wurde es von der schwarzgelben Koalition auf Druck der Verlage durchgesetzt. Legitimation ergäbe sich aus einem Marktversagen, welches durch ein derartiges Monopolrecht verhindert werden kann. Doch gab und gibt es kein Marktversagen, welches die Leistungserbringung seitens der Verlage in Gefahr bringt, obgleich eine Marktkonsolidierung durch die Medienkonvergenz zwangsläufig ist.

Die fehlende Legitimation scheint allerdings zu der Schwierigkeit zu führen, Suchmaschinen und Aggregatoren – im Speziellen Google – zum Bezahlen von Lizenzen für das Leistungsschutzrecht bewegen zu wollen. Die Leistung, die von diesen gegenüber den Verlagen entgeltfrei erbracht wird – also das Zuführen von monetarisierbarer Aufmerksamkeit, führt bei Ausbleiben laut VG Media sogar zu Insolvenzen bei Presseverlegern.

Sigmar Gabriel machte hierzu auf einer Podiumsdiskussion mit Eric Schmidt eine höchst interessante Bemerkung:

„Wenn jemand die intellektuelle Leistung eines Anderen nutzt, um für sich Traffic zu erzeugen, um damit Anzeigen zu bekommen, dann benutzt er ein fremdes Gut. Und da finde ich es das Normalste der Welt, dass man dafür bezahlen muss.“

Auch wenn Gabriel das anders gemeint haben mag, so beschreibt er genau die intellektuelle Leistung, die Google mit seinen Algorithmen vollbringt, die den Suchenden zum Gesuchten führen und damit auch zu bei Verlagen geschalteter Werbung. In diesem Zusammenhang verweist die Axel Springer SE auf den möglichen Verlust von Topplatzierungen bei IVW und AGOF. Und wenn man dies mit dem Geschäftsmodell der Gelben Seiten vergleicht, so musste der, der gefunden werden wollte für die Leistung der Gelben Seiten bezahlen, ganz ungeachtet der Marktposition dieses Angebots. Die Haltung der Verlage ist nun daher so maßlos, weil sie nicht nur eine entgeltfrei Leistung möglichst umfänglich in Anspruch nehmen wollen, sondern gleichzeitig für das zur Erbringung dieser Leistung Nötige noch vergütet werden möchten.

Das höchst problematische am Verhalten der Verlage ist, die vielleicht unbeabsichtigte Stärkung von Googles Marktposition. Damit meine ich nicht nur die durch das Leistungsschutzrecht angehobene Markteintrittsbarriere zu Ungunsten kleiner Konkurrenten, die in „Gratislizenzen“ für Google das von deutschen Politikern geschaffene Recht ad absurdum führen. Hier treten genau die Befürchtungen ein, die Kritiker über Jahre geäußert hatten. Dieses Gesetz hilft nicht gegen Google, es stärkt es zu Lasten kleinerer Wettbewerber und damit zu Lasten der Allgemeinheit. Es bleibt zu prüfen, ob die in der VG Media organisierten Verlage mit diesen exklusiven „Gratislizenzen“ ihr Monopolrecht als wettbewerbsfeindliches Kartell missbrauchen. Ich meine damit auch die weit verbreitete Nutzung von Google Analytics durch die Verlage, die hier das Leseverhalten ihrer Leser an Google verraten, um wiederum eine für sie entgeltfreie Leistung in Anspruch nehmen zu können.

Die Verlage haben die Vormachtstellung von Google nicht nur gefördert, sondern zementiert. Gleichfalls ist von ihnen kaum zu erwarten, dass sie diese Dominanz brechen werden. Die Steine, die mit dem Leistungsschutzrecht, kleinen Herausforderern in den Weg gelegt wurden, verhindern dies ebenfalls. Dennoch bin ich der Ansicht, dass wir uns als Gesellschaft die Vormachtstellung von Google nicht leisten können. Daher bitte ich Sie als EU Kommissar den Wettbewerb zu fördern und damit den Druck auf Google zu erhöhen und nicht protektionistischen Phantasien nachzugeben.

Bitte beachten Sie, dass dieser Text in meinem Blog www.presseschauer.de veröffentlicht wurde und ich mir vorbehalte Ihre Antwort ebenfalls zu veröffentlichen. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, bitte ich Sie dem ausdrücklich zu widersprechen.

Mit freundlichen Grüßen
Daniel Schultz

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Spieglein, Spieglein…irgendwas mit Vertrauen im Land

Mai 28 2013 Published by under medienkritik, meine realität

Sven Becker hatte eine Geschichte über Carmen, eine Sexworkerin, geschrieben. Sie empfand den Text als tendenziös und hat in ihrem Blog dazu eine Gegendarstellung angefertigt, die ich gestern gelesen und auch verbreitet hatte. Nun gibt es von Becker eine Gegendarstellung zur Gegendarstellung und da mich DER SPIEGEL explizit darauf hingewiesen hatte, möchte ich dazu auch noch ein paar Worte verlieren.

Carmen beginnt ihren Text mit einer Email, die wohl aus der Phase der Interviewanbahnung herrührt.

„Ich begreife das als Chance, Argumente anstelle von Vorurteilen in die öffentliche Debatte über Prostitution einzubringen und Einblicke in einen Beruf zu ermöglichen, der den meisten Menschen verborgen bleibt.

Was ich nicht liefern möchte, ist eine Geschichte über mich und mein Privatleben. Ich bin nicht bereit, mich zur Projektionsfläche jedweder Klischees zu machen. Ich werde keine Fragen zu meiner Person beantworten, die Aspekte jenseits meiner prostitutiven/politischen Tätigkeit betreffen. Wenn sie sich darauf einlassen können, bin ich gerne bereit, mich mit ihnen an einem Freitag in PBerg oder Mitte auf einen Kaffee zu treffen.“

Carmen schreibt weiter, Becker habe sich mit diesen „Bedingungen“ einverstanden erklärt. Zugegeben, es wäre, um es mit Ole Reißmann zusagen, in der Tat noch schöner Journalisten vorzuschreiben, wie sie gefälligst zu berichten haben. Nun erwidert Becker in seiner Darstellung folgendes:

„Natürlich geht es in dem Text auch um unser Gespräch im Café und einige Hinweise auf ihr Leben jenseits der Prostitution. Alle biographischen Details stammen von ihrer Website, ich habe sehr genau darauf geachtet, dass ihre Privatsphäre gewahrt bleibt. Ich hatte Carmen den groben Verlauf des Textes vor Erscheinen schriftlich geschildert. Ihr muss also klar gewesen sein, dass es ein Text über sie wird.“

Für mich liest sich das so, als habe Becker Carmen gegenüber nicht mit offenen Karten gespielt. Als habe er sie mehr porträtiert als Carmen erwartet hatte – mehr als Carmen gar versucht hatte sich zusichern zu lassen. Dadurch ergibt sich für mich eine Situation, die als Vertrauensmissbrauch interpretiert werden kann. Wenn Journalisten ihr Vertrauen so aufs Spiel setzen, entziehen sie sich damit nicht ihre eigene Arbeitsgrundlage?

Warum also sollte sich unter solchen Voraussetzungen eine Sexworkerin wie Carmen einem Journalisten wie Becker bzw. dem SPIEGEL künftig anvertrauen?

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Netzkram – Altbekanntes und erfrischend Anderes

Apr 29 2013 Published by under meine realität

Da ich derzeit in Berlin bin, konnte ich dort einige Veranstaltungen wahrnehmen, über die ich hiermit berichten möchte. Dabei ging es um einen Diskussionsabend mit Mike Masnick von Techdirt und Hugh McGuire, dem Gründer von PressBooks und LibriVox, zudem eine Roundtable Discussion mit dem Titel „The Future of Online Journalism – The View from Rural America“ in der amerikanischen Botschaft und das Transdisziplinäres Symposium „Doing Nerd. Dilettantisch Handeln, virtuos Abweichen, stoisch Heimsuchen!“ in der Heinrich-Böll-Stiftung. Ach ja und dann war da noch diese Skype-Konferenz zum Leistungsschutzrecht.

Skype-Konferenz mit Jochen Wegner

Ok, ich gebe zu, die erste Begegnung mit dem Leistungsschutzrecht in jüngster Zeit, war vom mir selbst induziert, aber dennoch nicht uninteressant. Jochen Wegner, der neue Chefredakteur von Zeit Online hatte, eine kurze Stellungnahme im Hausblog der Zeit veröffentlicht: „Bitte zitieren Sie uns gerne“. Als jemand der sich schon etwas Länger mit dem Leistungsschutzrecht befasst, irritierten mich die inhaltlichen Ungenauigkeiten und vom Text suggerierte Pflicht, die Zeit verlinken zu müssen, wenn man Textauszüge übernehmen möchte. Da ich meinen Unmut darüber kund tat und mit meiner Kritik nicht alleine stand, bot Jochen Wegner kurzerhand eine Skype-Konferenz an, die letzten Dienstag stattfand.

Mit von der Partie waren also Jochen Wegner, Karsten Lohmeyer und Stephan Goldmann von Lousy Pennies, Stefan Engeln von 1&1 und ich. Wegner stellte schnell klar, dass die Intension seines Textes etwa folgende sei: „Macht euch mal keine Gedanken, die Zeit verklagt euch schon nicht wegen des Leistungsschutzrechts“. Er richtet sich an all die Leser und Journalisten, die sich verunsichert an die Zeit gewandt hatten. Es ging darum ein Zeichen zu setzten, wie es auch schon die SZ und Spiegel Online gemacht hatten. Wie sich in der Diskussion herausstellte, bergen solche Texte im Allgemeinen die Gefahr, entweder juristisch unpräzise oder für den durchschnittlichen Leser unverständlich zu werden. Dennoch bin ich nach wie vor der Ansicht, es wäre ein Dienst am Leser, würde in derartigen Texten erklärt, was nach dem Zitatrecht heute möglich ist und eine Abgrenzung zudem, was gerade kein Zitat ist. Also etwa, wenn Textausschnitte von Algorithmen übernommen werden oder die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Text fehlt.

Erfreulich ist allerdings die Form, in der sich Jochen Wegner der Kritik gestellt hat. Er hatte auch angedeutet, in ähnlicher Art zu anderen Themen Feedback von Interessierten einholen zu wollen.

Mike Masnick und Hugh McGuire in der Kunsthalle

Wieder eine Veranstaltung zum digitalen Wandel und zu der Frage: „Was passiert jetzt mit den Kreativen?“. Entweder war ich schon zu oft bei solchen Diskussionsrunden oder ich beschäftig mich schon zu lange mit dem Thema oder beides. Jedenfalls waren die genannten Beispiele, wie es für Kreative in Digitalien klappen kann, hinlänglich bekannt. Einziges Take Away, was ich mir selbst zusammengereimt habe: „Nach dem Tod des Autors kommt jetzt der Tod des Geschäftsmodells. Lang lebe das Geschäftsmodell!“ Die genannten Beispiele waren schlicht individuelle Lösungen für Einzelne, die schon beim Nächsten, nicht mehr funktionieren müssen. Tja, im letzten Jahrhundert konnte man als Verleger, Musikproduzent, Filmemacher etc. halt einfach das übliche Geschäftsmodell von der Stange nehmen.

Roundtable Discussion in der US Botschaft

Bill Bishop von Daily Yonder, einem stiftungsfinanzierten journalistischen Angebot, leitet hierzu die Diskussion ein. Er bezog sich auf gesellschaftliche Veränderungen seit den 60ern und deren Auswirkungen auf den Journalismus heute. Es ging um zunehmende Individualisierung mit Bezug auf Robert David Putnams „Bowling Alone“ auf der einen Seite und „Mega- Churches“ auf der anderen; dem gleichzeitigen Zweifel an Institutionen und Traditionen; dem Verschwinden von kleinen Geschäften und der zunehmenden Verbreitung von „Mega-Stores“ wie Walmart;  dem Wunsch, möglichst die eigene Meinung bestätigt zu bekommen; dem sich Einnisten in seiner Filter-Blase: „Hach, wie bequem hier!“. Schließlich ging es um die Frage, wie sich Öffentlichkeit herstellen lässt und wie sich das im Zeitalter des Internets auch finanzieren lässt.

Nach dieser vielschichtigen Einführung kam dann der Hammer. Den ersten Redebeitrag lieferte Florian Nehm von Springer und zeichnete eine rosige Zukunft, zu der das Leistungsschutzrecht für Presseverleger beitragen würde. Er schien sehr davon überzeugt. Dem entgegnete ich, dass sich Ökonomen wie Prof. Dr. Justus Haucap bereits zweifelnd geäußert haben, ob überhaupt ein positiver Preis damit erzielbar sei. Denn die Verlage wollen ja gleichzeitig von Suchmaschinen und Aggregatoren deren Dienstleistung der Aufmerksamkeitszuführung kostenlos abgreifen.

Im Weiteren wurde noch diskutiert, ob Crowdfundig ein Ausweg aus der Misere der Finanzierung wäre. Was bezweifelt und auch hier als Lösung für Einzelne empfunden wurde. Kritisiert wurde die Einflussmöglichkeit der Verlage auf die Inhalte, obgleich die Diskutanten in der Meinung über die Notwendigkeit von Redaktionstätigkeit gespalten waren. Konsens hingegen herrschte über die Aufwertung der Bedeutung einzelner Journalisten und sowie von Lokalberichterstattung. Beides schaffe eine Nähe und ein Vertrauen, welches der Leser zunehmend suche. Zudem wurde die These widerholt, im Internet gäbe es unbegrenzt Werbefläche, was sich negativ auf die erzielbaren Preise auswirken soll.

Der letzten These möchte ich widersprechen (leider habe ich nicht schon Vorort meine Stimme dazu erhoben). Meiner Ansicht nach ist die Werbefläche in der Nähe von dem, was die Aufmerksamkeit der Leser bindet, immer noch begrenzt und damit wertvoller. Vor allem wenn das Beworbene und das im Fokus der Aufmerksamkeit Liegende praktisch identisch ist. Also kontextsensitive Werbung bei der Suche etwa. Zur These, wir würden uns gerne in unserer Filter-Bubble einnisten und nach der Bestätigung unseres Weltbilds suchen, sei auf eine Studie verwiesen, die sich wie folgt zusammenfassen lässt: „Wer unsicher ist, fürchtet fremde Meinungen“. Einstellungsänderungen sind mit einem Kraftakt verbunden, da sie die eigne Identität in Frage stellen. Einfacher fällt es, zum eigenen Weltbild Widersprüchliches mittels selektiver Wahrnehmung auszublenden. Nur eine Minderheit sucht regelrecht nach Möglichkeiten eigene Vorurteile zu falsifizieren.

Doing Nerd in Heinrich-Böll-Stiftung

Diese Veranstaltung lieferte für mich sehr erfrischend neue Perspektiven (subjektiv und nicht chonologisch) auf die gesellschaftliche Entwicklung.

Den Auftakt machte der Soziologe Dr. Michael Makropoulos. Er ging in seiner Keynote auf das Phänomen der Massenkultur und stellte die Frage nach der Anschlussfähigkeit, die in seinen Augen durch Standardisierung erfolgen kann – durch weitreichend bekannte Codes. Wobei er auch auf das Problem der semantischen Überlagerung, die sich nur im jeweiligen Kontext auflösen lässt: „Kontext is King!“

Mit der Anschlussfähigkeit hatte ich mich in meinem Text „Katzenbilder sind der Kitt der Gesellschaft“ ebenfalls beschäftigt

Nicole Karafyllis lieferte als Philosophin noch interessante Aspekte zum Asperger-Syndrom. Welches ähnlich wie AHDS schon fast als schicke Modeerkrankung dargestellt wird, weil einige Symptome wie Sorgfalt, Genauigkeit und außerordentliche geistige Fähigkeiten bei gleichzeitiger sozialer Inkompetenz zu nehmend auf die Charakterisierung des Nerds passt. Der wiederum ist jetzt cool und als neuer gesellschaftlicher Leistungsträger auserkoren. Praktisch vom gesellschaftlichen Außenseiter hinzu einer „guten Partie“ gewandelt und enorm bemutterbar – im Sinne eines Rollmodel-Backlash.

Zu guter Letzt sei noch der Vortrag von Jörg Ossenkopp erwähnt, der auf Immanuel Kant als Nerd abzielte. Ossenkopp gelang es jedenfalls, die dem Nerdtum zugeschriebenen Attribute in der Persönlichkeit bei Kant hervorzuheben und führte dies wortreich aus.

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Wie hältst du’s mit dem „Zeitungssterben“?

Nov 23 2012 Published by under meine realität

Es wird behauptet, die publizistische Vielfalt schwände mit dem Ende der „Frankfurter Rundschau“ und „Financial Time Deutschland“. Martin Eiermann stellvertretender Chefredakteur von The European, einer neuen publizistischen Kraft, für die ich eine Zeit lang eine Kolumne schreiben durfte, hatte mich nach meinen Gedanken zum Zeitungssterben gefragt.

Zwischenzeitig konnte der Eindruck entstehen, die Bundesregierung schäme sich mittlerweile für das Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Schließlich soll nächsten Donnerstag die erste Lesung nicht nur mitten in der Nacht stattfinden, sondern ursprünglich war angedacht, die Reden einfach zu Protokoll zu geben, anstatt tatsächlich darüber zu debattieren. Jedoch bewegte der Druck der Öffentlichkeit beinahe alle parlamentarischen Geschäftsführer über Twitter zu verkünden, man wolle sich nun doch einer Debatte stellen.

Glaubt man Verlagsvertretern, so soll mit diesem Gesetz eine Verhandlungsposition gegenüber Google und anderen geschaffen werden, die momentan die Verlage schamlos ausbeuten. Also ein rettender Strohhalm im Strudel des Verderbens, der eine Publikation nach der anderen in den Abgrund reißt. Zuletzt hatte es eben die „Financial Time Deutschland“ und die „Frankfurter Rundschau“ erwischt. Fraglich bleibt, ob das Leistungsschutzrecht geeignet gewesen wäre, das Fortbestehen der Blätter zu sichern.

Nur woraus besteht dieser Strudel, der den Verlagen dermaßen zusetzt?

  • aus dem Konstrukt Tageszeitung an sich, die eigentlich Vortageszeitung heißen müsste?
  • aus dem geänderten Mediennutzungsverhalten der Jugend, die sich schon lange nicht mehr vorstellen kann, eine Tageszeitung zu abonnieren – noch nicht mal online?
  • aus einer vermeintlich kostenlosen Konkurrenz, die sich erdeistet presseähnliche Apps auf Kosten der Allgemeinheit und zum Schaden der Verlage zu produzieren?
  • aus Unternehmen, die sich nicht länger über sudokueske Klickstreckenreichweiten und Streuverluste hinwegtäuschen lassen und daher Werbemillionen effektiver investieren wollen?
  • aus einem generellen publizistischen Überangebot, das zu neuen Konkurrenzsituationen zwischen lokalen, nationalen und internationalen Medien führt, die Technologie übergreifend ihren fairen Anteil an der Aufmerksamkeit nach dem Rieplschen Gesetz einfordern?
  • aus der Erkenntnis der Werbetreibenden, dass Nachrichten selten ein passendes Werbeumfeld darstellen?
  • oder schlicht aus dem Zweifel an einem Aufmerksamkeitsmonopol der Medien™, das diese jetzt witziger Weise beim regelmäßigen Lamentieren Google zu schreiben?

Die Gründe sind deutlich vielschichtiger, aber ich will es mal dabei belassen den Umriss zu skizieren. In jedem Fall halte ich es für unredlich, den Niedergang traditioneller Medienhäuser mit einem Niedergang des Journalismus gleichzusetzen. Im Gegenteil – die klassischen Medienhäuser haben eben aus Profitgier den Niedergang des Journalismus geradezu befeuert. Früher war nicht nur alles besser, früher waren gerade die Profite höher. Und mit Einsparungen an Redaktionen konnte man ja versuchen, das wieder wettzumachen, was man in Zeiten der New Economy verballert hat.

Da kann man einfach behaupten, das Internet habe einen Geburtsfehler, weil bei der Konstruktion vergessen wurde eine Kasse aufzustellen, wie Kai Diekmann das wohl sieht. Ungeachtet dessen hatten es die Verlage ja selbst in der Hand und sie haben sich aus freien Stücken für eine Kostenloskultur entschieden. Über diese beklagen sie sich jetzt bitterlich. Der Seitenwechsler und noch Chefredakteur Gabor Steingart sieht darin gar einen „Jahrhundertfehler“, obgleich er wenige Zeilen später die Kommerzialisierung der Kommunikation anprangert und einen neuen Gesellschaftsvertrag der Wirtschaft fordert, der bitte schön die Verlage mit einbezieht.

„Wenn dir die Nachrichten nicht gefallen, dann mach sie eben selbst“

So doppeldeutig dieser Spruch daherkommt, so doppeldeutig wird er jetzt schon gelebt. Ausschließlich als Rezipienten gesehene Konsumenten haben sich längst erhoben und vor allem haben sie sich längst vernetzt. Journalisten haben in den letzten Jahren die – für sie leidvolle – Erfahrung machen müssen, dass Leserbriefe falls sie nicht in den Rundablagen der Redaktionen landen, sondern im Internet publiziert werden, andere bewegen und sich leicht viral verbreiten können. Diese Erkenntnis ist auch langsam in der politischen Führungsebene angekommen und vielleicht wird deshalb manchem Unionspolitiker Peter Altmaier unheimlich.

Wer sich vernetzt ist weniger auf das Wohlwollen der Medien™ angewiesen, er bekommt mit relevanten Inhalten trotzdem Aufmerksamkeit. Dabei fällt es zunehmend schwer, jemanden aus einer publizistischen Perspektive mit Aufmerksamkeitsentzug abzustrafen, ohne an journalistischer Glaubwürdigkeit einzubüßen.

Wie man in eindrucksvoller Weise Nachrichten macht und weltweit Medien dazu bewegt über einen zu berichten, haben allen voran Apple und Red Bull demonstriert. Gerade zu grotesk wirkten die stundenlangen Produktpräsentationen, bei denen tausende Journalisten aus aller Welt beiwohnen, um anschließend hinauszuziehen und das Wort des Konzerns zu verbreiten.

Wie sich Aufmerksamkeit generieren lässt ist keine Geheimwissenschaft. Schon gar nicht für Medienimperium wie Red Bull, das nicht nur Heerscharen von Journalisten beschäftigt (im doppelten Wortsinn), sondern gleichfalls zahlreiche Gladiatoren unter Vertrag hat, die bereit sind für die Sensation ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Natürlich gibt es im Bereich der Corporate Media Interessenskonflikte, die sich nicht auflösen lassen und die Glaubwürdigkeit massiv in Frage stellen.

„Nachrichten einer Google-Hauspostille zur Netzpolitik oder von Eon gesponserte Recherchen zur Energiewende haben mehr als nur einen faden Beigeschmack.“, meint Martin Eiermann

Die Diskussion um das Leistungsschutzrecht hat gezeigt, Verlage können ebenso wenig mit Interessenskonflikten umgehen, selbst wenn sie ein Mantra der Selbstregulierung vor sich hertragen, das angeblich geeignet wäre, ein derartiges Verhalten zu unterbinden. Bullshit!

Nach Christoph Keese, dem geistigen Vater des Leistungsschutzrechts, sollen angeblich chinesische Mauern zum Management verhindern, dass auf der anderen Seite darüber nachgedacht wird, aus welchem Fleischtopf man gefüttert wird. Bullshit!

Objektivität und Neutralität sind unmenschliche Ziele und es ist eine Anmaßung anderen diese Einsicht abzustreiten. Nicht jedem ist es sofort ersichtlich aus welchen Beweggründen sich jemand äußert, doch im Zweifel äußert er sich für sich selbst, was sich selbst vor Idioten kaum verbergen lässt. Geld, Macht und Anerkennung treibt die Menschen an und ja, selbst ich schreibe hier allein aus purem Geltungsdrang. Bingo!

„Journalism is printing what someone else does not want printed: everything else is public relations.“ George Orwell

Von der Beschaffenheit des Informationsträgers hatten wir uns ja bereits gedanklich verabschiedet. Insofern messe ich dem Gedruckten nicht dadurch mehr Bedeutung bei, obwohl sich das Zitat darauf bezieht.

Nach dieser Logik ist nicht nur von öffentlich-rechtlichen Anstalten Veröffentlichtes Journalismus, sondern auch ein um den dpa-Newsticker angereichertes und kostenfrei verbreitetes „Aldi Aktuell“. Welcher Verlag duldet denn schon eine solche Konkurrenz ohne zu jammern? Natürlich mache ich es mir mit dieser Argumentation äußerst einfach, derartiges als Journalismus darzustellen, geht es dabei gerade doch nur um den monetären Aspekt. Inwiefern würde für Aldi ein Interessenskonflikt entstehen, wenn sie lediglich als ein Mittler einen Kanal bereit stellen würden?

Wäre ein Scoop von der Dimension der Pentagon-Papiere weniger glaubwürdig, würde er bei redbull.com veröffentlicht? Der Brausehersteller hätte sich doch wie jedes anderen Medienunternehmen nach der Aufmerksamkeit verzehrt, die einmal Wikileaks galt.

Sicher meint das Orwellsche Zitat eine andere Dimension des „nicht-gedruckt-haben-Wollens“, die mehr mit telefonierenden CSU Pressesprechern zu tun hat. Aber würde man allein dies als Maßstab anlegen, so wäre Journalismus generell eine Ausnahmeerscheinung, die äußerst selten in den Medien stattfinden würde. Da braucht man noch nicht mal die schmierige Pomadenhaftigkeit eines „Journalismus“ bemühen, die zum Gebaren von Leute sich wie Gabor Steingart oder Günther Jauch führt, sich in geradezu ekelhafterweise als billige Stichwortgebern für Matthias Döpfner oder Peer Steinbrück anzudienen.

Für den einen oder anderen mag das Ende der „Frankfurter Rundschau“ und der „Financial Times Deutschland“ bedauerlich sein – sei es als Leser, als Arbeitgeber oder als ehemaliger Chefredakteur -, dennoch ist fragwürdig, ob von einem Schwinden der publizistischen Vielfalt die Rede sein kann. Mit dem Sterben dieser Blätter sterben ja nicht gleich die dort angestellten Journalisten mit. Da frage ich mich, wie viele, künftig ehemalige, Redakteure sich nicht mehr mit dem Umschreiben von Ticker-Meldungen der Nachrichtenagenturen beschäftigen müssen und jetzt Zeit für tatsächlichen Journalismus haben?

Das Internet hat in jedem Fall die Kosten für einen Markteintritt für jeden einzelnen deutlich nach unten verschoben, auch wenn sich die Verdienstmöglichkeiten dort erst langsam abzeichnen. Das ist unter anderem dem Umstand geschuldet, dass sich Verlage über Jahre das Heil im Leistungsschutzrecht erhofft haben, anstatt ein einfach zu bedienendes Micro-Payment zu entwickeln. Flattr geht vom Ansatz zwar in diese Richtung, aber hier wurde von den wenigsten Verlagen etwas ausprobiert. So bleibt Flattr eine winzige nerdige Geldumverteilung hin zu Tim, Frank und Fefe. Das Pflänzchen Crowdfoundig ist über ein paar Leuchtturmprojekte wie Matter nicht hinausgekommen.

Für mich hat sich in den letzten Jahren gezeigt, wer den Journalismus bewahren möchte, muss sich um das Wohl der Journalisten kümmern und nicht um das Wohl der Verlage. Denn vom Wohl der Verlage, haben Journalisten eher in Ausnahmefällen etwas.

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Verfassungswidriges Gesetz lanciert, Gesprächsbereitschaft simuliert, Feierabend!

Sep 24 2012 Published by under medienkritik, politikerverdrossenheit, Rechteverwerter

Irgendwann habe auch er mal Feierabend*, meinte Dietrich von Klaeden, Leiter der Regierungsbeziehungen für Alex Springer dessen Bruder zufälligerweise im Kanzleramt sitzt. Nun könnte ich an seiner Stelle in Anbetracht der Lage keine Minute an Feierabend denken, geschweige denn ruhig schlafen. Es steht doch der Vorwurf im Raum, der Bundesregierung ein verfassungswidriges und zu dem völlig untaugliches Gesetz auf geschwatzt zu haben.

Es gehe in erster Linie nicht ums Geld, sondern um den Ausbau einer Verhandlungsposition gegenüber Google, betonte von Klaeden auf dem PolitCamp12 letztes Wochenende. Darüber kann Google doch nur lachen, entsprechend wenig verwunderlich ist die Halbherzigkeit mit dem das Unternehmen, gegen das Leistungsschutzrecht opponiert. Es ist weder aus technischer Sicht noch aus wirtschaftlicher Sicht erkennbar, ob es je von dem Gesetz in Form von Zahlungen an Verlage betroffen sein wird. Das mag Christoph Keese, dem Erfinder des Leistungsschutzrechts für Presseverleger, brüskieren, aber es spiegelt einfach die finanzielle Unbetroffenheit des Suchmaschinenbetreibers wieder.

Technische Unwägbarkeiten

  1. Es heißt immer wieder in den Beschwichtigungen, der Link selbst wäre nicht geschützt, daraus kann logisch nur folgen, dass eine Teilmenge der in einem Link verwendeten Zeichen, etwa die darin enthaltene Überschrift ebenfalls nicht geschützt ist. Würde dies nicht zutreffen, stände das Leistungsschutzrecht der Presseverleger im logischen Widerspruch zu allen anderen Leistungsschutzrechten.
  2. Suchmaschinen und Aggregatoren dürfen nach dem Gesetzentwurf alleine deshalb keine Textausschnitte übernehmen, weil Algorithmen wegen der fehlenden Urheberrechtspersönlichkeit nicht zitieren können. Sie können allerdings automatisiert Paraphrasen der Snippets erzeugen, die dann eben keinen vom Gesetz geschützten Verlagsinhalt mehr darstellen würden.
  3. Betreiber von Suchmaschinen und Aggregatoren müsste sich aber überhaupt nicht die Mühe machen, algorithmische Paraphrasierung zu implementieren. Nach dem Wortlaut des Entwurfs dürfen nackte Linklisten erzeugt und verbreitet werden. Es gibt bereits ein Browserplugin, das die Erzeugung von passenden Snippets auf den Rechner des Anwenders verlagert. Google würde also keine Snippets mehr verbreiten, was das Leistungsschutzrecht verbieten würde, und für den Anwender würde sich nach der Installation des Plugin kaum etwas ändern.

Wirtschaftliche Fragwürdigkeit

Selbst wenn man die technischen Aspekte unberücksichtigt ließe, was aufgrund ihres Gewichts an Fahrlässigkeit grenzen würde, bleibt der wirtschaftliche Nutzen des Gesetzes zweifelhaft. Das Geschäftsmodell der Verlage basiert seit Jahrzenten auf einem Verkauf von Aufmerksamkeit. Wer Aufmerksamkeit von den Verlagen zugeführt bekommen will, der muss für diese Werbung bezahlen. Derzeit wollen die Verlage Aufmerksamkeit von Suchmaschinen zugeführt bekommen, nur Zahlen wollen sie dafür nicht. Wenn man nun Suchmaschinen per Gesetz von einem freiwilligen Opt-Out, Verlagsinhalte auf Wunsch nicht anzuzeigen, zu einem verpflichtenden Opt-In zwingt, was sollte sie daran hindern nun Geld für die Werbung zu verlangen, die sie den Verlegern momentan schenken?

Auch mit der Einführung des Leistungsschutzrechts wird es Verlage geben, die auf einen Tausch Aufmerksamkeit gegen Verzicht auf finanzielle Ansprüche aus dem neuen Recht eingehen werden. Das würde wiederrum die Verhandlungsposition all jener massiv schwächen, die sich Geld aus einem Leistungsschutzrecht versprechen und gleichzeitig dreist eine kostenlose Leistung von Suchmaschinen erwarten.

Fazit

Ich zweifle daran, dass Christoph Keese und Dietrich von Klaeden die Argumente, die gegen das Leistungsschutzrecht sprechen nicht nachvollziehen oder verstehen können. Nur muss man sich vor Augen halten, was es für ihre jeweilige Karriere bedeuten würde, wenn sie jetzt zugäben wie dumm diese Idee eigentlich war.

*Von Klaeden waren seine Tweets wohl peinlich oder welche Grund gibt es sonst für eine Löschung?

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