Verfassungswidriges Gesetz lanciert, Gesprächsbereitschaft simuliert, Feierabend!

Sep 24 2012 Published by under medienkritik, politikerverdrossenheit, Rechteverwerter

Irgendwann habe auch er mal Feierabend*, meinte Dietrich von Klaeden, Leiter der Regierungsbeziehungen für Alex Springer dessen Bruder zufälligerweise im Kanzleramt sitzt. Nun könnte ich an seiner Stelle in Anbetracht der Lage keine Minute an Feierabend denken, geschweige denn ruhig schlafen. Es steht doch der Vorwurf im Raum, der Bundesregierung ein verfassungswidriges und zu dem völlig untaugliches Gesetz auf geschwatzt zu haben.

Es gehe in erster Linie nicht ums Geld, sondern um den Ausbau einer Verhandlungsposition gegenüber Google, betonte von Klaeden auf dem PolitCamp12 letztes Wochenende. Darüber kann Google doch nur lachen, entsprechend wenig verwunderlich ist die Halbherzigkeit mit dem das Unternehmen, gegen das Leistungsschutzrecht opponiert. Es ist weder aus technischer Sicht noch aus wirtschaftlicher Sicht erkennbar, ob es je von dem Gesetz in Form von Zahlungen an Verlage betroffen sein wird. Das mag Christoph Keese, dem Erfinder des Leistungsschutzrechts für Presseverleger, brüskieren, aber es spiegelt einfach die finanzielle Unbetroffenheit des Suchmaschinenbetreibers wieder.

Technische Unwägbarkeiten

  1. Es heißt immer wieder in den Beschwichtigungen, der Link selbst wäre nicht geschützt, daraus kann logisch nur folgen, dass eine Teilmenge der in einem Link verwendeten Zeichen, etwa die darin enthaltene Überschrift ebenfalls nicht geschützt ist. Würde dies nicht zutreffen, stände das Leistungsschutzrecht der Presseverleger im logischen Widerspruch zu allen anderen Leistungsschutzrechten.
  2. Suchmaschinen und Aggregatoren dürfen nach dem Gesetzentwurf alleine deshalb keine Textausschnitte übernehmen, weil Algorithmen wegen der fehlenden Urheberrechtspersönlichkeit nicht zitieren können. Sie können allerdings automatisiert Paraphrasen der Snippets erzeugen, die dann eben keinen vom Gesetz geschützten Verlagsinhalt mehr darstellen würden.
  3. Betreiber von Suchmaschinen und Aggregatoren müsste sich aber überhaupt nicht die Mühe machen, algorithmische Paraphrasierung zu implementieren. Nach dem Wortlaut des Entwurfs dürfen nackte Linklisten erzeugt und verbreitet werden. Es gibt bereits ein Browserplugin, das die Erzeugung von passenden Snippets auf den Rechner des Anwenders verlagert. Google würde also keine Snippets mehr verbreiten, was das Leistungsschutzrecht verbieten würde, und für den Anwender würde sich nach der Installation des Plugin kaum etwas ändern.

Wirtschaftliche Fragwürdigkeit

Selbst wenn man die technischen Aspekte unberücksichtigt ließe, was aufgrund ihres Gewichts an Fahrlässigkeit grenzen würde, bleibt der wirtschaftliche Nutzen des Gesetzes zweifelhaft. Das Geschäftsmodell der Verlage basiert seit Jahrzenten auf einem Verkauf von Aufmerksamkeit. Wer Aufmerksamkeit von den Verlagen zugeführt bekommen will, der muss für diese Werbung bezahlen. Derzeit wollen die Verlage Aufmerksamkeit von Suchmaschinen zugeführt bekommen, nur Zahlen wollen sie dafür nicht. Wenn man nun Suchmaschinen per Gesetz von einem freiwilligen Opt-Out, Verlagsinhalte auf Wunsch nicht anzuzeigen, zu einem verpflichtenden Opt-In zwingt, was sollte sie daran hindern nun Geld für die Werbung zu verlangen, die sie den Verlegern momentan schenken?

Auch mit der Einführung des Leistungsschutzrechts wird es Verlage geben, die auf einen Tausch Aufmerksamkeit gegen Verzicht auf finanzielle Ansprüche aus dem neuen Recht eingehen werden. Das würde wiederrum die Verhandlungsposition all jener massiv schwächen, die sich Geld aus einem Leistungsschutzrecht versprechen und gleichzeitig dreist eine kostenlose Leistung von Suchmaschinen erwarten.

Fazit

Ich zweifle daran, dass Christoph Keese und Dietrich von Klaeden die Argumente, die gegen das Leistungsschutzrecht sprechen nicht nachvollziehen oder verstehen können. Nur muss man sich vor Augen halten, was es für ihre jeweilige Karriere bedeuten würde, wenn sie jetzt zugäben wie dumm diese Idee eigentlich war.

*Von Klaeden waren seine Tweets wohl peinlich oder welche Grund gibt es sonst für eine Löschung?

No responses yet

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen – wie bei Monopoly

Dez 20 2011 Published by under meine realität, politikerverdrossenheit

Als ich in meiner Kindheit von Knight Rider fasziniert war, war das für meine Eltern eine unrealistische Spinnerei. Mir gefiel die Vorstellung, ich könne mit der digitalen Armbanduhr mal mein Auto rufen und es würde mich einfach abholen. Heute habe ich weder eine digitale Armbanduhr noch habe ich ein Auto, aber dennoch ist das, was man noch vor Jahren eben als unrealistische Spinnerei abtun konnte, in greifbare Nähe gerückt. Gleichzeitig stellt diese Entwicklung unser Verständnis von Arbeit in Frage, da immer mehr Tätigkeiten gänzlich von Maschinen übernommen werden können. Zwar entsteht mit dieser Automatisierung auch neue Arbeitsplätz, doch bleibt es fraglich, ob Vollbeschäftigung nicht die eigentliche Illusion ist.

Momentan wird uns glauben gemacht, Griechenland hätte über seine Verhältnisse gelebt und wir dummen deutschen Steuerzahler müssen jetzt dafür gerade stehen. Dabei will ich nicht abstreiten, dass in Griechenland Milliarden sinnlos verplempert wurden. Hier wird gerne die Geschichte mit den vier Lokführern auf einem Zug oder Militärausgaben in Form von deutschen U-Booten und französischen Fregatten bemüht. Nun hatte Goldman Sachs den Griechen doch so schön unter die Arme gegriffen, bei der Verschleierung der Schulden, mit denen Griechenland wohl nicht in die Eurozone aufgenommen worden wäre.

Doch selbst wenn die Staatsverschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt bei 150% liegt und das als absoluter Wert rund 340 Milliarden Euro beträgt, so muss man das mal vergleichen. In welcher Höhe sind denn Mittel für eine private Bank nötig, um diese Menge an Geld emittieren zu können? Es sind lediglich 6,8 Milliarden Euro, da die Bank nur über lächerliche zwei Prozent an Eigenkapital verfügen muss. Auf gut deutsch: eine Bank kann eine Euro fünfzigmal verleihen und schöpft damit Geld. Das erklärt auch, warum Banken vor einem Bankrun Angst haben und dieser dieses Kartenhaus zum Einstürzen bringen könnte. Es lässt sich leicht ausmachen, wer von diesem System profitiert und dass es letztlich zu einer Entdemokratisierung führt. Dabei ist „too big to fail“ das Märchen, das aufgetischt wird, um den Steuerzahler als Geisel nehmen zu können.

Mit der Forderung nach der Reformation der Geldschöpfung geht auch die Frage einher, wie das Geld in Umlauf kommt? Bei dem beliebten Gesellschaftsspiel Monopoly geschieht dies praktisch bedingungslos. Das ist insofern interessant, da als Argument gegen ein Bedingungsloses Grundeinkommen häufig auf die Motivation verwiesen wird, die verloren ginge. Mit anderen Worten: wenn jemand „genug“ hat, dann legt er sich auf die faule Haut. Müsste dann aber nicht auch die Motivation fehlen Monopoly zu spielen? Diese Argumentation unterstellt, das Bedingungslose Grundeinkommen wäre automatisch „genug“. Aber dieses „genug“ definiert jeder für sich anders und im Zweifel haben viele erst dann „genug“, wenn sie mehr haben als der Nachbar. Bezogen auf Monopoly ist das „genug“ erst dann erreicht, wenn ich alles habe.

Gleichfalls wird beim Bedingungslosen Grundeinkommen gefragt, ob damit nicht der Sozialismus oder der Kommunismus durch die Hintertür eingeführt wird? Witzigerweise war Monopoly, welches eben ein Bedingungsloses Grundeinkommen als integrales Spielelement hat, gerade in kommunistischen Ländern verboten. Viel mehr gilt es als urkapitalistisch und findet Erwähnung in der kapitalismuskritischen Musik von Klaus Lage: „Wir sind nur die Randfiguren in einem schlechten Spiel […] Und die in der Schlossallee verlangen viel zu viel.“

Wer jetzt nach der Finanzierung der Bedingungslosen Grundeinkommens fragt und am aktuellen System festhalten möchte, der kann mir doch einfach mal erklären, wie er das Bedingungslose Grundeinkommen der Banken weiterhin finanzieren möchte. Schließlich verdienen sie an dem risikolosen Arbitragegeschäft zwischen der europäischen Zentralbank und den Regierungen. Entsprechend wenig Motivation daran etwas zu ändern gibt es von Seiten der Banken und die Unterwandung der Demokratie durch die Goldmänner nützt dem Status Quo.

In Zeiten, in denen die IWF Chefin, Christine Lagarde, die rechtsstaatliche Demokratie wegen dem Wohl der Märkte in Frage stellt; in Zeiten, in denen ein Auflehnen gegen eine Vorherrschaft der Finanzindustrie als „domestic terrorism/extremism threats to City businesses“ klassifiziert wird, sollten wir die Entdemokratisierung nicht länger tatenlos billigen. Mag sein, dass das Bedingungslose Grundeinkommen als unrealistische Spinnerei erscheint, doch würde es dem Einzelnen ermöglichen, wie bei Monopoly, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Es könnte eine Möglichkeit sein die Scheindemokratie zu verhindern.

3 responses so far

Tätigkeitskategorisierung: Das EPPAA-tivitäten-Diagramm (Update)

Nov 11 2011 Published by under Allgemein, meine realität

Letzte Woche hat Sascha Lobo bei Peter Hahne sein neues Buch Wortschatz-Buch vorgestellt. Dabei hat er mir ein Wort (ab 18:52 Min) geschenkt, das mehr oder weniger das mir noch fehlende Puzzleteil war: Praktivitäten. Mir gefällt dabei die Art der Wortbildung. Diese hatte mich selbst dazu angeregt, für eine Tätigkeitskategorisierung den Gedanken weiterzuspinnen und in Anlehnung daran selbst neue Worte zu schöpfen.

  • Mit Praktivitäten sind Tätigkeiten im Arbeitsumfeld gemeint, die auch der Praktikant erledigen kann.
  • Mit Automativitäten sind Tätigkeiten im Arbeitsumfeld gemeint, die auch ein Automat erledigen kann.
  • Mit Externativitäten sind Tätigkeiten im Arbeitsumfeld gemeint, die auch der Kunde erledigen kann.
  • Mit Parasitivitäten sind Tätigkeiten im Arbeitsumfeld gemeint, die auch Niemand erledigen kann.

Diesen drei vier Tätigkeitskategorien ist gemein, das sie aus Sicht eines Unternehmers ein Einsparungspotential darstellen, sofern es sich noch um eine Aktivität eines Mitarbeiters handelt. Daraus ergibt sich dann das Externativitäten-Praktivitäten-Parasitivitäten-Automativitäten-Aktivitäten-Diagramm oder kurz das EPPAA-tivitäten-Diagramm.


CC-BY-SA Radially-symmetrical five-set Venn diagram devised by Branko Grünbaum created by Cmglee

Wie im Diagramm zu erkennen ist, gibt es zwischen allen Kategorienschnittmengen. Die Tätigkeiten sind im Wandel der Zeit einer Veränderung unterworfen und wandern von einer Kategorie in eine andere. Die Schnittmenge zwischen zwei Kategorien beschreibt den Phasenübergang, zu dem diese Tätigkeit noch von Mitarbeitern und Automaten oder von Mitarbeitern und Praktikanten oder von Praktikanten und Automaten ausgeführt wird. Bei Externativitäten ist dieser Phasenübergang ähnlich. Sie stellen aber in diesem Zusammenhang eine Besonderheit dar, weil sich der Kunde theoretisch dazu entscheiden kann diese Tätigkeit zu delegieren.

So kann etwa der Kunde von IKEA entscheiden, ob er den Aufbau der Möbel selbst vornimmt, den Aufbauservice von IKEA in Anspruch nimmt oder ob er einen Dritten mit dieser Tätigkeit beauftragt. Roboter, die IKEA Regale aufbauen sind indes noch Zukunftsmusik.

Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Automatisierung schlagartig Menschen obsolet machen kann. Aktuell ist das Geschäftsmodell von Taxifunkzentralen gefährdet und damit die Arbeitsplätze von Menschen. myTaxi ist eine Applikation, die den gesamten Prozess verändert und vor allem das Callcenter, des bisherigen Abwicklungsvorgangs, obsolet macht.

Ein Übersetzer mit dem ich kürzlich sprach, erzählte mir von den Fortschritten der Automatisierung in seinem Tätigkeitsfeld. Diese sind so beachtlich, dass sich seine Aufgabe häufig nur auf das Redigieren von maschinell übersetzten Texten beschränkt. Im EPPAA-tivitäten-Diagramm lässt sich die Übersetzungsarbeit irgendwo in der Schnittmenge zwischen Aktivität und Automativität verorten.

Das vorgestellte Diagramm möchte ich hiermit zur Diskussion stellen. Kritik, Fragen und Anregungen sind ausdrücklich erbeten.

[Update 29.11.2011] Tilo Buschmann wies mich darauf hin, dass es ästhetischere Möglichkeiten gibt Venn Diagramme mit mehr als drei Flächen darzustellen. Jörg Blumtritt regte an noch eine zusätzlich Kategorie einzuführen, die im Wesentlichen verzichtbare Tätigkeiten beschreibt, die aus irgendwelchen Gründen mitunter künstlich erhalten bleiben. Um dem eingangs erwähnten Schema treu zu bleiben habe ich diese Kategorie spontan als Parasitivitäten bezeichnet.

One response so far

Lebenslagen

Nov 08 2011 Published by under Allgemein, der presseschauer fragt nach

Es gibt Veränderungen in meinem Leben – nichts Dramatisches – dennoch möchte ich es euch nicht vorenthalten. Ich werde mich von der Tätigkeit als Kolumnist für The European zurückziehen. Das [tl;dr] ist im Wesentlichen Leere. Das meine ich jetzt nicht negativ, doch möchte ich nunmehr wieder in eine Phase des inhaltlichen Auftankens eintauchen. Ich fühle mich positiv erschöpft, da ich Einiges zur Sprache bringen konnte, was mich bewegt. Wer das über das [tl;dr] hinaus wissen möchte, kann am Sonntag den letzten Text der Kolumne lesen.

Wie manche wissen, bin ich deshalb so gerne in Berlin, weil es mir die Möglichkeiten eröffnet, mich im Politischen und Gesellschaftlichen am Puls der Zeit fühlen zu dürfen. Entsprechend bin ich regelmäßig auf Veranstaltungen, die im weitesten Sinne etwas mit dem Leben im Internet, Netzkultur und Politik gemein haben. Meine Tickets für die re:publica12 und den 28c3 habe ich mir schon gesichert. Auch Veranstaltungen der politischen Stiftungen lasse ich nicht links liegen, selbst wenn sie von der Friedrich-Naumann-Stiftung oder der Konrad-Adenauer-Stiftung sind. Im Übrigen ist es fast egal welche Partei hinter einer derartigen Veranstaltung steht. Die Leute, die man dort trifft, sind unabhängig davon, meist die gefühlt dreihundert Leute, die früher gerne als DIE Netzgemeinde bezeichnet wurden.

Verbände und Lobbyvereinigungen versuchen da auch mitzumischen und so tingelt man von Veranstaltung zu Veranstaltung – Schnittchen inklusive.

Kürzlich wurde das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft initialisiert und von Google mit etwa 4 Millionen Euro ausgestattet. Für Google ist Deutschland auch auf Grund der Netzskepsis ein interessantes Land und ein Engagement daher mehr offensichtlich als überraschend. Die Vorwehen dazu stellten sicher die Collabratory-Veranstaltungen dar, zu denen begleitend Arbeitsgruppen sogenannte Ohus (heißt auf Deutsch auch Arbeitsgruppe) organisiert sind.

Da ich mich selbst mit dem Thema Urheberrecht einigermaßen intensiv beschäftigt habe und nach Christoph Keese mehr oder weniger wohl zum erweiterten Freundeskreis der Google Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht gehöre, bin ich zur Presseveranstaltung des Collabratory zum Urheberrecht eingeladen gewesen.

Einige Monate später wurde ich zu einem Treffen der Ohu „Neue Arbeit“ eingeladen, obwohl mir noch nicht ganz klar ist, aus welchen Gründen man sich entschied, mich dabei beiwohnen zu lassen. Bisher habe ich in diesem Zusammenhang zwei Veranstaltungen wahrgenommen, die sich durch interessante Diskussionen mit interessanten Menschen auszeichneten. Was mich über mein Interesse für Automatisierung für diese Arbeitsgruppe qualifiziert, wurde mir nicht gesagt.

Für die Tätigkeit dort bekomme ich keinen Cent. Man könnte nun einwenden, ich könne mich jetzt mit Meetingkeksen, Schnittchen und Getränken durchschlagen. Doch dafür braucht es nicht Google, das kann man auch bei der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung haben. Und im Club der Journalisten der Axel Springer AG hatte ich, als mir ein Getränk angeboten wurde, auch nicht nein gesagt. Gleichfalls hatte dies meine kritische Haltung zum Keksgeber nicht wesentlich beeinträchtigt.

Wie die Möglichkeit für The European zu schreiben, betrachtete ich das als Chance, die ich auf Grund finanzieller Unabhängigkeit bewusst wahrnehmen konnte. Anders sehe ich das bei den sich neu ergebenden Chancen auch nicht.

No responses yet