Wie hältst du’s mit dem „Zeitungssterben“?

Nov 23 2012 Published by under meine realität

Es wird behauptet, die publizistische Vielfalt schwände mit dem Ende der „Frankfurter Rundschau“ und „Financial Time Deutschland“. Martin Eiermann stellvertretender Chefredakteur von The European, einer neuen publizistischen Kraft, für die ich eine Zeit lang eine Kolumne schreiben durfte, hatte mich nach meinen Gedanken zum Zeitungssterben gefragt.

Zwischenzeitig konnte der Eindruck entstehen, die Bundesregierung schäme sich mittlerweile für das Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Schließlich soll nächsten Donnerstag die erste Lesung nicht nur mitten in der Nacht stattfinden, sondern ursprünglich war angedacht, die Reden einfach zu Protokoll zu geben, anstatt tatsächlich darüber zu debattieren. Jedoch bewegte der Druck der Öffentlichkeit beinahe alle parlamentarischen Geschäftsführer über Twitter zu verkünden, man wolle sich nun doch einer Debatte stellen.

Glaubt man Verlagsvertretern, so soll mit diesem Gesetz eine Verhandlungsposition gegenüber Google und anderen geschaffen werden, die momentan die Verlage schamlos ausbeuten. Also ein rettender Strohhalm im Strudel des Verderbens, der eine Publikation nach der anderen in den Abgrund reißt. Zuletzt hatte es eben die „Financial Time Deutschland“ und die „Frankfurter Rundschau“ erwischt. Fraglich bleibt, ob das Leistungsschutzrecht geeignet gewesen wäre, das Fortbestehen der Blätter zu sichern.

Nur woraus besteht dieser Strudel, der den Verlagen dermaßen zusetzt?

  • aus dem Konstrukt Tageszeitung an sich, die eigentlich Vortageszeitung heißen müsste?
  • aus dem geänderten Mediennutzungsverhalten der Jugend, die sich schon lange nicht mehr vorstellen kann, eine Tageszeitung zu abonnieren – noch nicht mal online?
  • aus einer vermeintlich kostenlosen Konkurrenz, die sich erdeistet presseähnliche Apps auf Kosten der Allgemeinheit und zum Schaden der Verlage zu produzieren?
  • aus Unternehmen, die sich nicht länger über sudokueske Klickstreckenreichweiten und Streuverluste hinwegtäuschen lassen und daher Werbemillionen effektiver investieren wollen?
  • aus einem generellen publizistischen Überangebot, das zu neuen Konkurrenzsituationen zwischen lokalen, nationalen und internationalen Medien führt, die Technologie übergreifend ihren fairen Anteil an der Aufmerksamkeit nach dem Rieplschen Gesetz einfordern?
  • aus der Erkenntnis der Werbetreibenden, dass Nachrichten selten ein passendes Werbeumfeld darstellen?
  • oder schlicht aus dem Zweifel an einem Aufmerksamkeitsmonopol der Medien™, das diese jetzt witziger Weise beim regelmäßigen Lamentieren Google zu schreiben?

Die Gründe sind deutlich vielschichtiger, aber ich will es mal dabei belassen den Umriss zu skizieren. In jedem Fall halte ich es für unredlich, den Niedergang traditioneller Medienhäuser mit einem Niedergang des Journalismus gleichzusetzen. Im Gegenteil – die klassischen Medienhäuser haben eben aus Profitgier den Niedergang des Journalismus geradezu befeuert. Früher war nicht nur alles besser, früher waren gerade die Profite höher. Und mit Einsparungen an Redaktionen konnte man ja versuchen, das wieder wettzumachen, was man in Zeiten der New Economy verballert hat.

Da kann man einfach behaupten, das Internet habe einen Geburtsfehler, weil bei der Konstruktion vergessen wurde eine Kasse aufzustellen, wie Kai Diekmann das wohl sieht. Ungeachtet dessen hatten es die Verlage ja selbst in der Hand und sie haben sich aus freien Stücken für eine Kostenloskultur entschieden. Über diese beklagen sie sich jetzt bitterlich. Der Seitenwechsler und noch Chefredakteur Gabor Steingart sieht darin gar einen „Jahrhundertfehler“, obgleich er wenige Zeilen später die Kommerzialisierung der Kommunikation anprangert und einen neuen Gesellschaftsvertrag der Wirtschaft fordert, der bitte schön die Verlage mit einbezieht.

„Wenn dir die Nachrichten nicht gefallen, dann mach sie eben selbst“

So doppeldeutig dieser Spruch daherkommt, so doppeldeutig wird er jetzt schon gelebt. Ausschließlich als Rezipienten gesehene Konsumenten haben sich längst erhoben und vor allem haben sie sich längst vernetzt. Journalisten haben in den letzten Jahren die – für sie leidvolle – Erfahrung machen müssen, dass Leserbriefe falls sie nicht in den Rundablagen der Redaktionen landen, sondern im Internet publiziert werden, andere bewegen und sich leicht viral verbreiten können. Diese Erkenntnis ist auch langsam in der politischen Führungsebene angekommen und vielleicht wird deshalb manchem Unionspolitiker Peter Altmaier unheimlich.

Wer sich vernetzt ist weniger auf das Wohlwollen der Medien™ angewiesen, er bekommt mit relevanten Inhalten trotzdem Aufmerksamkeit. Dabei fällt es zunehmend schwer, jemanden aus einer publizistischen Perspektive mit Aufmerksamkeitsentzug abzustrafen, ohne an journalistischer Glaubwürdigkeit einzubüßen.

Wie man in eindrucksvoller Weise Nachrichten macht und weltweit Medien dazu bewegt über einen zu berichten, haben allen voran Apple und Red Bull demonstriert. Gerade zu grotesk wirkten die stundenlangen Produktpräsentationen, bei denen tausende Journalisten aus aller Welt beiwohnen, um anschließend hinauszuziehen und das Wort des Konzerns zu verbreiten.

Wie sich Aufmerksamkeit generieren lässt ist keine Geheimwissenschaft. Schon gar nicht für Medienimperium wie Red Bull, das nicht nur Heerscharen von Journalisten beschäftigt (im doppelten Wortsinn), sondern gleichfalls zahlreiche Gladiatoren unter Vertrag hat, die bereit sind für die Sensation ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Natürlich gibt es im Bereich der Corporate Media Interessenskonflikte, die sich nicht auflösen lassen und die Glaubwürdigkeit massiv in Frage stellen.

„Nachrichten einer Google-Hauspostille zur Netzpolitik oder von Eon gesponserte Recherchen zur Energiewende haben mehr als nur einen faden Beigeschmack.“, meint Martin Eiermann

Die Diskussion um das Leistungsschutzrecht hat gezeigt, Verlage können ebenso wenig mit Interessenskonflikten umgehen, selbst wenn sie ein Mantra der Selbstregulierung vor sich hertragen, das angeblich geeignet wäre, ein derartiges Verhalten zu unterbinden. Bullshit!

Nach Christoph Keese, dem geistigen Vater des Leistungsschutzrechts, sollen angeblich chinesische Mauern zum Management verhindern, dass auf der anderen Seite darüber nachgedacht wird, aus welchem Fleischtopf man gefüttert wird. Bullshit!

Objektivität und Neutralität sind unmenschliche Ziele und es ist eine Anmaßung anderen diese Einsicht abzustreiten. Nicht jedem ist es sofort ersichtlich aus welchen Beweggründen sich jemand äußert, doch im Zweifel äußert er sich für sich selbst, was sich selbst vor Idioten kaum verbergen lässt. Geld, Macht und Anerkennung treibt die Menschen an und ja, selbst ich schreibe hier allein aus purem Geltungsdrang. Bingo!

„Journalism is printing what someone else does not want printed: everything else is public relations.“ George Orwell

Von der Beschaffenheit des Informationsträgers hatten wir uns ja bereits gedanklich verabschiedet. Insofern messe ich dem Gedruckten nicht dadurch mehr Bedeutung bei, obwohl sich das Zitat darauf bezieht.

Nach dieser Logik ist nicht nur von öffentlich-rechtlichen Anstalten Veröffentlichtes Journalismus, sondern auch ein um den dpa-Newsticker angereichertes und kostenfrei verbreitetes „Aldi Aktuell“. Welcher Verlag duldet denn schon eine solche Konkurrenz ohne zu jammern? Natürlich mache ich es mir mit dieser Argumentation äußerst einfach, derartiges als Journalismus darzustellen, geht es dabei gerade doch nur um den monetären Aspekt. Inwiefern würde für Aldi ein Interessenskonflikt entstehen, wenn sie lediglich als ein Mittler einen Kanal bereit stellen würden?

Wäre ein Scoop von der Dimension der Pentagon-Papiere weniger glaubwürdig, würde er bei redbull.com veröffentlicht? Der Brausehersteller hätte sich doch wie jedes anderen Medienunternehmen nach der Aufmerksamkeit verzehrt, die einmal Wikileaks galt.

Sicher meint das Orwellsche Zitat eine andere Dimension des „nicht-gedruckt-haben-Wollens“, die mehr mit telefonierenden CSU Pressesprechern zu tun hat. Aber würde man allein dies als Maßstab anlegen, so wäre Journalismus generell eine Ausnahmeerscheinung, die äußerst selten in den Medien stattfinden würde. Da braucht man noch nicht mal die schmierige Pomadenhaftigkeit eines „Journalismus“ bemühen, die zum Gebaren von Leute sich wie Gabor Steingart oder Günther Jauch führt, sich in geradezu ekelhafterweise als billige Stichwortgebern für Matthias Döpfner oder Peer Steinbrück anzudienen.

Für den einen oder anderen mag das Ende der „Frankfurter Rundschau“ und der „Financial Times Deutschland“ bedauerlich sein – sei es als Leser, als Arbeitgeber oder als ehemaliger Chefredakteur -, dennoch ist fragwürdig, ob von einem Schwinden der publizistischen Vielfalt die Rede sein kann. Mit dem Sterben dieser Blätter sterben ja nicht gleich die dort angestellten Journalisten mit. Da frage ich mich, wie viele, künftig ehemalige, Redakteure sich nicht mehr mit dem Umschreiben von Ticker-Meldungen der Nachrichtenagenturen beschäftigen müssen und jetzt Zeit für tatsächlichen Journalismus haben?

Das Internet hat in jedem Fall die Kosten für einen Markteintritt für jeden einzelnen deutlich nach unten verschoben, auch wenn sich die Verdienstmöglichkeiten dort erst langsam abzeichnen. Das ist unter anderem dem Umstand geschuldet, dass sich Verlage über Jahre das Heil im Leistungsschutzrecht erhofft haben, anstatt ein einfach zu bedienendes Micro-Payment zu entwickeln. Flattr geht vom Ansatz zwar in diese Richtung, aber hier wurde von den wenigsten Verlagen etwas ausprobiert. So bleibt Flattr eine winzige nerdige Geldumverteilung hin zu Tim, Frank und Fefe. Das Pflänzchen Crowdfoundig ist über ein paar Leuchtturmprojekte wie Matter nicht hinausgekommen.

Für mich hat sich in den letzten Jahren gezeigt, wer den Journalismus bewahren möchte, muss sich um das Wohl der Journalisten kümmern und nicht um das Wohl der Verlage. Denn vom Wohl der Verlage, haben Journalisten eher in Ausnahmefällen etwas.

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Urheberrecht: Arbeitsteilung und Zahlungsbereitschaft

Mai 02 2012 Published by under medienkritik, Rechteverwerter

An diese unsägliche Kampagne “Raubkopierer sind Verbrecher” und die bewusste Kriminalisierung der Nutzer erinnere ich mich noch ganz gut. Die regelmäßigen Warnhinweise im Kino und auf DVDs halten diese Erinnerungen stets im Gedächtnis. Die Gräben der Urheberrechtsdebatte wurden schon vor Jahren sehr tief ausgehoben. Dabei schob man die Künstler gern nach vorne und jammert beim Gesetzgeber. Der auch die Gesetze zu Gunsten der Verwerter verschärfte. Und dadurch, dass die Rechteverwerter den kreativ Tätigen nur einen winzigen Bruchteil abgeben, haben entsteht bei den Nutzern ein Bild wie es Julia Schramm beschreibt (Kurz – schwurbel: Böser Verlag).

Über die notwendige Arbeitsteilung bin ich mir im Klaren und weiß auch, dass nicht jeder Künstler sich selbst vermarkten möchte. Das ist seine Entscheidung, die er mit einem geringeren Anteil am Erlös bezahlt. Wenn ich dann zum Beispiel so etwas über den Auswahlprozess von Musikband lese, bleibt mir der Mund offen stehen:

„Welche das sind, darüber entscheidet ein Manager, der sein Gehalt damit rechtfertigt, dass er den Geschmack besser trifft als andere: Zehn Prozent Trefferquote sind normal, 90 Prozent Flops die Regel.“, so der Kommentar in der FAZ

Wenn man bedenkt, dass auf die 90 % Flops genauso Million Etats drauf geworfen werden, halte ich das für äußerst ineffizient und stelle den Job des Musik Managers als solches in Frage (Ach so, sein Bauchgefühl ist Gold wert). Kaum anders verhält es sich meines Erachtens mit Verlagsentwicklungen wie “Chatter”

Wenn man dann noch mitbekommt, wie Tim Schaffer von Publishern mit seiner Idee abgelehnt wird, verdeutlicht das noch mehr, wie unpassend und unzeitgemäß die Herangehensweise ist.

Gleichzeitig ist Tim Schaffers Projekt Double Fine Adventure ein Leuchtturm Beispiel für die Zahlungswilligkeit der Nutzer, deren Abwesenheit zumindest auf der einen Seite des Graben gerne unterstellt wird. Nur die Zahlungsbereitschaft für Ineffizienz hält sich berechtigterweise in Grenzen.

„Der große Vorteil des Crowdfunding ist nämlich, dass es gleichzeitig eine Art Marktforschung in Echtzeit darstellt und den für das Gelingen entscheidendsten Teil, die Vermarktung also, an den Anfang stellt.“, meint Sascha Lobo

Und ich sehe das übrigens ähnlich. Ein weiterer Vorteil ist die Vorfinanzierung und das Crowdsourcing des Marketings. Das reduziert zum einen nochmal Kosten und vor allem verhindert es, dass mal eben 170 Millionen Dollar für einen Hugo Cabret verballert werden, der dann gerade mal 74 Million wieder einspielt. Und nein da hilft auch kein Brancheninternes gegenseitiges Eierkraulen in Form von irgendwelchen Auszeichnungen (Ach so, der Verbraucher ist dumm und versteht nicht das der Film eigentlich großartig ist). Natürlich ist es für Kunst legitim am Geschmack der Leute vorbei zu produzieren. Nur darf man dafür keine finanziellen Wunder erwarten.

Noch ein Beispiel für die Zahlungswilligkeit der Nutzer ist Tim Pritlove, der von ca. 1700 Menschen regelmäßig über Flattr Geld bekommt. Er schätzt den Anteil der Hörerschaft seiner kostenfrei verfügbaren Podcast mit 10%, die ihn so unterstützt. In absoluten Zahlen ausgedrückt, sind die Zuwendungen auf etwa 2500€ im Monat angestiegen. Ich würde von einer Win-Over-Rate von 10% sprechen. Äußerst schade ist, wie herabwürdigend Harald Staun in der FAZ diese Investition in Kulturproduktion als Bettelei brandmarkt und mit Trinkgeldern gleichsetzt. Dabei frage ich mich, ob er ein Trinkgeld gibt, wenn an der Tür des Restaurants steht: „Betteln und Hausieren verboten“?

Die sich ändernden Rahmenbedingen sind für Labels, Verlage und Publisher natürlich unschön. Die fetten Jahre sind dort einfach erstmal vorbei und man muss sich genau überlegen in welcher Form man noch an diesem Spiel partizipieren möchte. Die kreativ Tätigen sind nicht mehr in dem Maße auf Mittelsmänner angewiesen, weil sie und auch ihre Fangemeinde Teil der Aufgaben übernehmen können. Genauso wie es fraglich ist, ob das Urheberrecht selbst nicht hauptsächlich den Mittelsmännern dient und ob es überhaupt für das eigene Auskommen zwingend notwendig ist.

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Kulturproduktion: „davon leben können“ vs. Profitorientierung

Apr 07 2012 Published by under medienkritik, meine realität, Rechteverwerter

Angeblich haben Künstler ein durchschnittliches Einkommen von 13.689 Euro pro Jahr, angeblich bekommen Musiker 5% von den Erlösen aus dem Tonträgerverkauf und angeblich verschafft eben das Urheberrecht kreativ Tätigen die Freiheit zur Gestaltung. Um ehrlich zu sein: ich halte von dem Konzept der staatlich gewährten Monopolrechte – nicht nur bei Urhebern – recht wenig. Meines Erachtens werden sie dem eigenen Anspruch nicht gerecht, nutzen sie den Rechteverwertern doch unverhältnismäßig viel mehr als den Urhebern. Daher halte ich es für nicht verwunderlich, dass bei der handelsschmierplatten Lobbykampagne, die manch einer mit Journalismus verwechseln mag, nicht wenige in den Vordergrund treten, die von der Kreativität anderer profitieren. Man mag einräumen, die zu Wort kommenden Manager ermöglichen erst Kulturproduktion. Aber muss das so?

Kunst und Kultur entsteht mit und ohne Urheberrecht. Ob sich dabei das Urheberrecht positiv auf die Vielfalt und die Verfügbarkeit des Angebots auswirkt, ist zumindest umstritten. Allerdings befinden sich heute viel mehr Menschen in der Lage an einer Kulturproduktion mitzuwirken als vor der Alphabetisierung, als vor der Einführung der Schulpflicht und als vor der Durchdringung der Gesellschaft mit dem, was man gemeinhin als Internet bezeichnet. Einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung ist es nun möglich, sich kreativ zu betätigen und andere daran teilhaben zu lassen. Und eben dieses „andere daran teilhaben lassen“ steht mit einem „davon leben können“ in Konflikt. Wenn Amateure in ihrer Freizeit das Wissen der Wikipedia zusammentragen und „andere daran teilhaben lassen“, dann wird es schwierig bis unmöglich ein etwa zweijahrhundertealtes Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten. Muss man sich dagegen wehren?

Aus Sicht eines Autors oder eines Verleger für Lexika, der zuhause Kinder zu ernähren hat – vielleicht. Doch gesellschaftlich betrachtet, ist die allgemeine Verfügbarkeit von Wissen wohl eher als Gewinn zu verbuchen. Ja, die Wikipedia hat Arbeitsplätze vernichtet – genau wie die Alphabetisierung die Arbeitsplätze der öffentlichen Schreiber vernichtet. Natürlich kann man den Gesetzgeber beknien, wenn einem das eigene Geschäftsmodell unterm Hintern weggezogen wird. Aber vielleicht sollte man sich besser auf den Hosenboden setzten, seine Innovationsfeindlichkeit ablegen und nach neuen Chancen Ausschau halten. Der Erhalt des Geschäftsmodells des Pony-Express zu Lasten neuer Kommunikationswege wäre jedenfalls gesellschaftlich kein Gewinn.

Wenn ich mir die Chancen ansehe, die sich mit dem Internet für kreativ Tätige auftun, kann ich die Angst der Rechteverwerter, die gerade zum Angriff auf das Internet blasen, durch aus nachvollziehen. Dabei frage ich mich auch, warum die Künstler das Märchen, sie wären es, die vom Urheberrecht profitieren, glauben und sich regelmäßig zum Wohle anderer vor den Karren spannen lassen?

Ein Blick in die Vergangenheit

Kultur ist identitätsstiftend. Wer früher seinen Reichtum zur Schaustellen wollte, verdingte sich gern als gönnerhafter Mäzen. Nicht ganz uneigennützig, da die Maler und Musiker zur Selbstdarstellung des Mäzen beitrugen. Bei seinem Gönner in Ungnade zufallen, bedeutete nicht selten den finanziellen Ruin und daher war der Einfluss der Mäzene auf die Werke nicht unerheblich.

Mit dem Aufkommen der Industrialisierung ging die Industrialisierung der Kulturproduktion hin zur Kulturindustrie einher. Dabei wurde Kultur zum Investitionsobjekt und das Urheberrecht aus Sicht der Verwerter unabdingbar, zumindest die verwertungsrechtlichen Aspekte dessen. Für den Mäzen war es noch unerheblich, ob die Investition sich rentieren könnte, da Kulturproduktion für ihn nicht mit einem Geschäftsmodell verbunden war. Andererseits ist für die Gewinnmaximierung eine möglichst hohe Massenkompatibilität der Kulturproduktion erstrebenswert, worunter die Vielfalt leidet. Die Individualisierung der Gesellschaft, die der Massenkompatibilität entgegensteht, stellt dabei eine Tendenz dar, der in der Herabsetzung der nötigen verkauften Exemplare für Goldene Schallplatten Rechnung getragen wurde (Ach nein, die wurden ja nur heruntergesetzt, weil jetzt alle kostenlos aus dem Netz saugen und keiner mehr Musik kauft).

Kultur ist immer noch identitätsstiftend – auch in Zeiten des Internetz. Da weder Sven Regner mit seinem Gepammpe noch Sven Prange mit seinem willfährigen Text im Handelsschmierplatt, der seine maximale Distanz zu Journalismus und Verständnis von Wirtschaft belegt, Lösungsansätze liefern, möchte ich hier ein paar Ideen zur Diskussion stellen.

1. Kulturproduktion wird über ein bedingungsloses Grundeinkommen erleichtert

Da Jörg Blumtritt diesen Punkt schon weiterausgeführt hat, möchte ich an dieser Stelle auf seinen Artikel dazu verweisen.

2. Unternehmen investieren in Kulturproduktion

Nun erinnere ich mich an eine Sonderedition des dritten VW Golf die im Rahmen der Rolling Stones Welttournee vermarktete wurde. Dabei stelle ich mir mal eben vor, wie viel die Marketingabteilung eines Unternehmens vom Urheberrecht hält, die angestellte Werkskünstler beschäftigt. Das Unternehmen dürft an der Verbreitung von Kopien sehr interessiert sein, da potentielle Konsumenten mit Werken, die mit dem Unternehmen assoziiert werden, leichter in Kontakt kommen. Was sollte ein Unternehmen davon abhalten selbst in Teilen zu einem Medienunternehmen zu werden, wie etwa Red Bull?

3. Demokratisierung des Mäzenatentums

Diese ist schon im vollen Gange und sie birgt gegenüber dem klassischen Mäzen und der Kulturindustrie Vorteile für den Urheber, die auch ohne ein so unzulängliches Konstrukt wie das Urheberrecht funktionieren. Die Investition erfolgt nicht wie bei der Kulturindustrie unter dem Gesichtspunkt eines erwarteten Profits, sondern eher wie beim klassischen Mäzen aus identitätsstiftenden Erwägungen. Die Abhängigkeit und der Einfluss von einzelnen Mäzenen wird hierbei abgeschwächt und dennoch kann sich ein Gönner, wie auch ich, damit profilieren. Da die Profitorientierung in den Hintergrund gedrängt wird, kommt ein deutlich größerer Teil des Geldes beim kreativ Tätigen an. Für den Gebenden kann dies ein zusätzlicher Anreiz sein Geld zu geben, weil er als Fan ja möchte, dass das Geld beim Künstler ankommt und nicht irgendwo anders. Medici is the Crowd ist noch ein sehr schöner Artikel zu diesem Thema.

Fazit

Unabhängig davon, wie sich das Urheberrecht weiterentwickeln wird, gibt es heute schon eine Vielzahl von Kulturproduzenten, denen das Urheberrecht das herzlich egal ist. Ja, sie sind aus selbst Urheber, sie geben und freuen sich, wenn ihr Output wieder als Input fungiert, noch bevor eine Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autors abläuft. Sie sind gar entzückt über die Rekombination und Transformation ihrer Werke. Ihnen sind die Geschäftsmodelle egal und sie liefern dennoch Grundlagen für so etwas.

Übrigens ist das knappe Gut, das Künstler tatsächlich veräußern können, ihre Lebenszeit. Wenn ein Künstler nicht in der Lage ist, diese zu monetisieren, dann empfehle ich ihm, falls er „Davon leben können“ muss, einen anderen Beruf zu ergreifen. Ob ihm ansonsten das Urheberrecht helfen würde, bezweifle ich allerding sehr. Im Gegenteil: würde das Urheberrecht halbwegs funktionieren würden nicht die Verwerter den Löwenanteil erhalten, sondern die Urheber.

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