Kulturproduktion: „davon leben können“ vs. Profitorientierung

Apr 07 2012 Published by under medienkritik, meine realität, Rechteverwerter

Angeblich haben Künstler ein durchschnittliches Einkommen von 13.689 Euro pro Jahr, angeblich bekommen Musiker 5% von den Erlösen aus dem Tonträgerverkauf und angeblich verschafft eben das Urheberrecht kreativ Tätigen die Freiheit zur Gestaltung. Um ehrlich zu sein: ich halte von dem Konzept der staatlich gewährten Monopolrechte – nicht nur bei Urhebern – recht wenig. Meines Erachtens werden sie dem eigenen Anspruch nicht gerecht, nutzen sie den Rechteverwertern doch unverhältnismäßig viel mehr als den Urhebern. Daher halte ich es für nicht verwunderlich, dass bei der handelsschmierplatten Lobbykampagne, die manch einer mit Journalismus verwechseln mag, nicht wenige in den Vordergrund treten, die von der Kreativität anderer profitieren. Man mag einräumen, die zu Wort kommenden Manager ermöglichen erst Kulturproduktion. Aber muss das so?

Kunst und Kultur entsteht mit und ohne Urheberrecht. Ob sich dabei das Urheberrecht positiv auf die Vielfalt und die Verfügbarkeit des Angebots auswirkt, ist zumindest umstritten. Allerdings befinden sich heute viel mehr Menschen in der Lage an einer Kulturproduktion mitzuwirken als vor der Alphabetisierung, als vor der Einführung der Schulpflicht und als vor der Durchdringung der Gesellschaft mit dem, was man gemeinhin als Internet bezeichnet. Einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung ist es nun möglich, sich kreativ zu betätigen und andere daran teilhaben zu lassen. Und eben dieses „andere daran teilhaben lassen“ steht mit einem „davon leben können“ in Konflikt. Wenn Amateure in ihrer Freizeit das Wissen der Wikipedia zusammentragen und „andere daran teilhaben lassen“, dann wird es schwierig bis unmöglich ein etwa zweijahrhundertealtes Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten. Muss man sich dagegen wehren?

Aus Sicht eines Autors oder eines Verleger für Lexika, der zuhause Kinder zu ernähren hat – vielleicht. Doch gesellschaftlich betrachtet, ist die allgemeine Verfügbarkeit von Wissen wohl eher als Gewinn zu verbuchen. Ja, die Wikipedia hat Arbeitsplätze vernichtet – genau wie die Alphabetisierung die Arbeitsplätze der öffentlichen Schreiber vernichtet. Natürlich kann man den Gesetzgeber beknien, wenn einem das eigene Geschäftsmodell unterm Hintern weggezogen wird. Aber vielleicht sollte man sich besser auf den Hosenboden setzten, seine Innovationsfeindlichkeit ablegen und nach neuen Chancen Ausschau halten. Der Erhalt des Geschäftsmodells des Pony-Express zu Lasten neuer Kommunikationswege wäre jedenfalls gesellschaftlich kein Gewinn.

Wenn ich mir die Chancen ansehe, die sich mit dem Internet für kreativ Tätige auftun, kann ich die Angst der Rechteverwerter, die gerade zum Angriff auf das Internet blasen, durch aus nachvollziehen. Dabei frage ich mich auch, warum die Künstler das Märchen, sie wären es, die vom Urheberrecht profitieren, glauben und sich regelmäßig zum Wohle anderer vor den Karren spannen lassen?

Ein Blick in die Vergangenheit

Kultur ist identitätsstiftend. Wer früher seinen Reichtum zur Schaustellen wollte, verdingte sich gern als gönnerhafter Mäzen. Nicht ganz uneigennützig, da die Maler und Musiker zur Selbstdarstellung des Mäzen beitrugen. Bei seinem Gönner in Ungnade zufallen, bedeutete nicht selten den finanziellen Ruin und daher war der Einfluss der Mäzene auf die Werke nicht unerheblich.

Mit dem Aufkommen der Industrialisierung ging die Industrialisierung der Kulturproduktion hin zur Kulturindustrie einher. Dabei wurde Kultur zum Investitionsobjekt und das Urheberrecht aus Sicht der Verwerter unabdingbar, zumindest die verwertungsrechtlichen Aspekte dessen. Für den Mäzen war es noch unerheblich, ob die Investition sich rentieren könnte, da Kulturproduktion für ihn nicht mit einem Geschäftsmodell verbunden war. Andererseits ist für die Gewinnmaximierung eine möglichst hohe Massenkompatibilität der Kulturproduktion erstrebenswert, worunter die Vielfalt leidet. Die Individualisierung der Gesellschaft, die der Massenkompatibilität entgegensteht, stellt dabei eine Tendenz dar, der in der Herabsetzung der nötigen verkauften Exemplare für Goldene Schallplatten Rechnung getragen wurde (Ach nein, die wurden ja nur heruntergesetzt, weil jetzt alle kostenlos aus dem Netz saugen und keiner mehr Musik kauft).

Kultur ist immer noch identitätsstiftend – auch in Zeiten des Internetz. Da weder Sven Regner mit seinem Gepammpe noch Sven Prange mit seinem willfährigen Text im Handelsschmierplatt, der seine maximale Distanz zu Journalismus und Verständnis von Wirtschaft belegt, Lösungsansätze liefern, möchte ich hier ein paar Ideen zur Diskussion stellen.

1. Kulturproduktion wird über ein bedingungsloses Grundeinkommen erleichtert

Da Jörg Blumtritt diesen Punkt schon weiterausgeführt hat, möchte ich an dieser Stelle auf seinen Artikel dazu verweisen.

2. Unternehmen investieren in Kulturproduktion

Nun erinnere ich mich an eine Sonderedition des dritten VW Golf die im Rahmen der Rolling Stones Welttournee vermarktete wurde. Dabei stelle ich mir mal eben vor, wie viel die Marketingabteilung eines Unternehmens vom Urheberrecht hält, die angestellte Werkskünstler beschäftigt. Das Unternehmen dürft an der Verbreitung von Kopien sehr interessiert sein, da potentielle Konsumenten mit Werken, die mit dem Unternehmen assoziiert werden, leichter in Kontakt kommen. Was sollte ein Unternehmen davon abhalten selbst in Teilen zu einem Medienunternehmen zu werden, wie etwa Red Bull?

3. Demokratisierung des Mäzenatentums

Diese ist schon im vollen Gange und sie birgt gegenüber dem klassischen Mäzen und der Kulturindustrie Vorteile für den Urheber, die auch ohne ein so unzulängliches Konstrukt wie das Urheberrecht funktionieren. Die Investition erfolgt nicht wie bei der Kulturindustrie unter dem Gesichtspunkt eines erwarteten Profits, sondern eher wie beim klassischen Mäzen aus identitätsstiftenden Erwägungen. Die Abhängigkeit und der Einfluss von einzelnen Mäzenen wird hierbei abgeschwächt und dennoch kann sich ein Gönner, wie auch ich, damit profilieren. Da die Profitorientierung in den Hintergrund gedrängt wird, kommt ein deutlich größerer Teil des Geldes beim kreativ Tätigen an. Für den Gebenden kann dies ein zusätzlicher Anreiz sein Geld zu geben, weil er als Fan ja möchte, dass das Geld beim Künstler ankommt und nicht irgendwo anders. Medici is the Crowd ist noch ein sehr schöner Artikel zu diesem Thema.

Fazit

Unabhängig davon, wie sich das Urheberrecht weiterentwickeln wird, gibt es heute schon eine Vielzahl von Kulturproduzenten, denen das Urheberrecht das herzlich egal ist. Ja, sie sind aus selbst Urheber, sie geben und freuen sich, wenn ihr Output wieder als Input fungiert, noch bevor eine Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autors abläuft. Sie sind gar entzückt über die Rekombination und Transformation ihrer Werke. Ihnen sind die Geschäftsmodelle egal und sie liefern dennoch Grundlagen für so etwas.

Übrigens ist das knappe Gut, das Künstler tatsächlich veräußern können, ihre Lebenszeit. Wenn ein Künstler nicht in der Lage ist, diese zu monetisieren, dann empfehle ich ihm, falls er „Davon leben können“ muss, einen anderen Beruf zu ergreifen. Ob ihm ansonsten das Urheberrecht helfen würde, bezweifle ich allerding sehr. Im Gegenteil: würde das Urheberrecht halbwegs funktionieren würden nicht die Verwerter den Löwenanteil erhalten, sondern die Urheber.

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Leistungsschutzrecht für Mathematiker?

Sehr geehrter Herr Döpfner,

da ihre Forderungen nach einem Leistungsschutzrecht für Presseverleger sich nach wie vor in Lobbyismus manifestieren und ihre Experimente mit Paid-Content in vollem Gange sind, kann ich wohl die fortbestehende Gültigkeit ihrer Aussage zur vermeintlichen Kostenloskultur im Internet annehmen. Damit befinden sie sich gedanklich in der Nähe der IIPA, die das Nutzen von Open-Source Software anprangert.

“Rather than fostering a system that will allow users to benefit from the best solution available in the market, irrespective of the development model, it encourages a mindset that does not give due consideration to the value to intellectual creations.” IIPA

Aus einem betriebswirtschaftlichen Standpunkt heraus verfolgt man als Verkäufer das Ziel der Gewinnmaximierung und als Käufer das Ziel der Kostenminimierung. Geregelt wird der Preis bekanntermaßen durch den Markt, so nicht der Staat Monopolrechte in Form von Patenten, Urheber- oder Leistungsschutzrechten gewährt. Die Idee darin besteht Anreize durch direkte Monetarisierungsmöglichkeiten bei Kreativen zu schaffen, um Kreativleistung zu fördern.

Dem gegenüber stehen eine Menge Menschen, die in verschiedenster Form kreativ sind und deren primäres Anliegen nicht das Geld verdienen ist. Es mag identitätsstiftend, das Streben nach Anerkennung, die Obsession für ein ausgefallenes Thema, das Gefühl an etwas richtig Großem mitzuwirken oder ein bisschen von alldem sein, aber letztlich kennt nur jeder selbst die Motivation für seine Hobbies.

Anstatt in ihrer Freizeit passiv vor dem Fernseher zu sitzen oder einfach nur Zeitung zu lesen, wird das aktuelle Tagesgeschehen dokumentiert und kommentiert. Andere machen Fotos, wieder andere arbeiten an OpenStreetMap und manch einer programmiert an einem bekannten Open-Source Projekt. Früher waren Menschen mit ausgefallenen Hobbies allein, aber heute können sie sich finden, viele sein und Berge versetzen.

Vor 10 Jahren hätte man wohl eher geglaubt, das Internet würde wieder verschwinden, als dass der altgediegene Brockhaus als Auslaufmodell eingestuft worden wäre. Doch auf einmal war der Brockhaus nicht mehr konkurrenzfähig. Die Inhaltliche Qualität der Wikipedia kann sich mit den großen Lexika vielleicht nicht immer messen, dafür ist sie aktueller, umfangreicher, detailreicher, praktischer und kostenlos. Als Konsument macht man nun eine einfache Kostennutzenrechnung und entscheidet sich, trotz der qualitativen Defizite, gegen ein gedrucktes Lexikon.

Sie können beruhigt oder unberuhigt darüber sein – diese Entwicklung macht auch nicht vor Dingen [sic!] halt. Herrscharen von Designern, Baustlern und Hackern, Profis wie Amateure, laden gerade Baupläne für Kunst- und Gebrauchsgegenstände auf thingiverse.com hoch und runter, verbessern 3D-Drucker und 3D-Scanner, und tauschen sich über ihre Fortschritte aus. Anschließend erfreuen sie sich, dem Ziel, einem Replikator wie auf der Enterprise, einen Schritt näher gekommen zu sein. Da viele sich der Urheberrechtsproblematik gewahr sind, werden bewusst Lizenzen wie Creative Commons zur Veröffentlichung der selbst kreierten Objekte genutzt. Damit können andere die Objekte nach ihren Bedürfnissen anpassen und das Derivat wieder anderen zur Verfügung stellen. Gleichzeitig entsteht ein Bedarf an Werkzeug, Raum, Rohstoff und Knowhow, der vom findigen Dienstleister in sogenannten Fab Labs befriedigt wird. Diese schießen derzeit global wie Pilze aus dem Boden.

Gleichwohl muss man sich die Frage stellen, welcher ernsthaft denkende Mensch bereit ist, Geld für ein Produkt auszugeben, für das es ein kostenloses Äquivalent gibt, das den individuellen Ansprüchen genügt? Dennoch – selbst wenn die Baupläne für Maschinen kostenfrei genutzt werden können, sind die wenigsten imstande alle nötigen Produktionsschritte selbst durchführen zu können. Hier entsteht ein Bedarf für spezialisierte Dienstleister wie etwa LasernLasern. Ebenso halte ich den Wunsch nach individuellen Produkten als auch den Wunsch nach Komfort für Faktoren, die über die Zahlungsbereitschaft der Menschen entscheiden. Somit werden nicht mehr funktionsfähige Geschäftsmodelle durch neue ersetzt. Zweifelsohne sind große Unternehmen, die den Großteil ihres Geldes mit nur einem Geschäftsmodell erwirtschaften, auf dieses fixiert und optimiert. Daraus folgt zwangsläufig eine Forderung nach der Erhaltung des Status Quo, um nicht durch die Veränderung zu Grunde zu gehen.

Leider entsteht bei den Verlagen der Eindruck, sie wären nicht bereit für eine Veränderung und damit bewogen mit allen erdenklichen Mitteln den eigenen Stand zu sichern. In der Debatte wird immer wieder die Wichtigkeit journalistischer Leistung für die Demokratie hervorgehoben, quasi als systemrelevant erachtet.

Nun muss man bei genauer Betrachtung scharf zwischen Journalismus und Verlagen trennen. Verlage sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen und dadurch den Eigentümern verpflichtet. Demzufolge ist die Boulevardisierung der Medienlandschaft betriebswirtschaftlich nur konsequent. Auch der Umgang der Verlage mit freien Journalisten zeigt, wie wertvoll den Verlagen journalistische Inhalte sind. Offensichtlich hätten sie diese am liebsten kostenlos. Bei Journalisten mit Festanstellung steigt der Druck und die Wahrscheinlichkeit den Arbeitsplatz zu verlieren.

Da Menschen mit den Fähigkeiten von Journalisten gesucht sind, landen viele, nach dem Verlust des Arbeitsplatzes, in der PR-Branche. Die dünner besetzen Redaktionen sind dann natürlich dankbar für die kostenlose Unterstützung, die dann dem Leser als Qualitätsjournalismus verkauft wird. Witziger weise tauschen PR-Unternehmen die kostenlose Platzierung und Verbreitung ihrer Inhalte gegen einen Anspruch auf Autorschaft bzw. urheberrechtliche Ansprüche. Ihnen ist sogar möglichst daran gelegen, nicht damit in Zusammenhang gebracht zu werden, da man das Vertrauen in das jeweilige Medium auch für künftige Aktionen nutzen möchte.

Ob man sich von der Idee eines durch Unternehmer gelenkten Journalismus verabschieden und andere Wege beschreiten muss?

Mir scheint, unter Bemühung der Pressefreiheit, gar ein Existenzrecht für Verlage hergeleitet zu werden. Doch empfinde ich dies ähnlich absurd, als würden Hersteller von Sicherheitsschlössern aus der Unverletzlichkeit der Wohnung eine Existenzberechtigung ableiten. Bloß hat sich im Bereich Sicherheit, die Transparenz der Abläufe als Wettbewerbsvorteil erwiesen. Im Übrigen sind die mathematischen Verfahren hinter Kryptographie auch kostenlos.

Vielleicht sollte man mal über die Berufsgruppe der Mathematiker nachdenken, die praktisch schon immer von ihrer Dienstleistung gelebt haben, da Werke in Form von Beweisen und Formeln nach dem Gesetz nicht schützbar bzw. lizensierbar sind. Da sie allerdings über Fähigkeiten verfügen, die rar und begehrt sind, sind sie finanziell gut gestellt und gesellschaftlich anerkannt.

Es sollte ihnen zu denken geben, dass ausgerechnet die von ihnen als „spätideologisch verwirrten Web-Kommunisten“ ihnen das Nichtverstehen von Marktwirtschaft vorhalten.

Bitte beachten Sie, dass dieser Text in meinem Blog www.presseschauer.de veröffentlicht wurde und ich mir vorbehalte Ihre Antwort ebenfalls zu veröffentlichen. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, bitte ich Sie dem ausdrücklich zu widersprechen.

P.S.: Wenn Springer “Zensur” schreit…

Mit freundlichen Grüßen


Daniel Schultz

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Anonymes Interview mit Sascha Lobo

Eigentlich handelt es nicht um ein gewöhnliches Interview. Vielmehr handelt es sich um ein Extrakt persönlich gefilterter Fragen und Antworten, die Sascha Lobo in den letzten Tagen auf formspring.me beantwortet hatte. Die mehreren hundert Fragen von unterschiedlichsten Netzbewohnern wurden dort von Sascha Lobo fleißig beantwortet. Sie haben Interviewcharakter und beinhalten Fragen über seine Haarpracht, seine Persönlichkeit und Bielefeld. Es gibt daher Überlappungen mit konventionellen Interviews, sowie sehr persönliche Fragen, die sich Ausstehenden kaum erschließen.

Beim Fragensteller des fiktiven Interviews, welches so nie stattgefunden hatte, handelt es sich um eine anonyme gespaltene posthumane Identität, die sich auch nicht sicher scheint, ob sie Sascha nun dutzen oder doch lieber bei “Sie Herr Lobo” bleiben soll.

Finden Sie es manchmal schade, dass sie eigentlich nur über das Internet bekannt geworden sind und nicht über die reale Welt?

Was genau empfinden Sie als “reale Welt”? Den Marktplatz? Ich bin wie die meisten medialen Figuren bekannt geworden über die traditionellen Medien, das Internet war eher das Thema als das Medium selbst [1]

Wann waren Sie das erste Mal im Internet – und was war Ihre allererste Aktivität?

1996 habe ich Nachtwache gehalten bei einem Messestand. Dort war ein Computer mit Netzanschluss; mir wurde der Webcrawler als ideales Such-Tool gezeigt. In der Nacht habe ich viel über Rollenspiele, Pixelerotik und Monty Python erfahren. [2]

Wie lange musst du Offline sein um den Eindruck zu gewinnen etwas (wichtiges) zu verpassen?

Verpassen ist nur ein Gefühl und entspricht selten der Realität. Wirklich Wichtiges kann man auch noch später auf Youtube nachsehen oder irgendwo nachlesen. [3]

Was würden Sie Frank Schirrmacher zu Weihnachten schenken, wenn Sie dürften/müssten?

Mein Buch “Dinge geregelt kriegen…”, weil es auch von der Überforderung handelt. Aber einem anderen Umgang damit. [4]

Ich wollte dir zum gelungenen Spiegel-Artikel gratulieren und dich fragen, wie lange du daran geschrieben hast und ob dir all die Anekdoten à la Sokrates, Simmel und Alexandria ad-hoc einfallen oder ob du konkret nach Vergleichen suchst und dann passende auswählst.

Danke. Ich habe vier, fünf Stunden daran geschrieben. Ich sammele sehr viele Informationen, den ganzen Tag lang, und baue sie dann dort wieder ein, wo ich es für richtig halte. Und wenn sie mir wieder einfallen. [5]

In den etablierten Verlagen wird das Internet immer noch als Feind, statt als Chance angesehen. Was würdest du zB einem traditionellen Print-Verlag wie G+J (stern.de, geo.de, neon.de etc.) raten, um die dort gebündelte Kompetenz und das Wissen sowohl inhaltlich als auch wirtschaftlich sinnvoll an den Menschen zu bringen?

Die erste Aussage ist nicht ganz richtig. Leider aber zum Teil schon. Gerade Gruner + Jahr sollte sich Geschäftsmodelle überlegen, die die vorhandenen Medienmarken im Netz profitabel machen und so Journalismus refinanzieren können – und nicht laufend neue Printtitel in die Welt stemmen, die keinen eigenen Netzauftritt haben. [6]

Ich habe von Jan Böhmermann zum ersten mal den Namen ‘Sascha Lobo’ gehört. Was halten Sie von ihm?

Ein junger Mann mit Potenzial, der seine Unsicherheit einigermaßen gut überspielen bzw. gezielt einsetzen kann, weil er intelligent ist. Leider verschenkt er einen Teil seines Potenzials, weil ihm jede Zielstrebigkeit abgeht – und damit meine ich nicht Selbstdisziplin. Er sollte sich mal mit mir zum Kaffee treffen. [7]

Wer ist eigentlich waxmuth?

Eine reizende junge Dame aus meinem erweiterten Freundeskreis. [8]

Was soll man machen, wenn man von @Tobetop eine Wendy geschenkt bekommt?

Sich freuen. [9]

Planen SIe eine Sascha-Lobo-Actionfigur?

Ja. [10]

Warum nutzen Sie google latitude? Warum wollen Sie der Welt mitteilen, wo Sie gerade sind? Schalten Sie das jemals aus?

Ich schalte es nicht aus, aber der gewiefte Nutzer weiss, dass man es auch per Hand justieren kann, wenn man möchte. Ich kann in fünf Sekunden in Honolulu sein. Ich nutze das, um das Tool in der öffentlichen Wahrnehmung zu erforschen, wie soviele Plattformen im Netz. Zum Beispiel formspring, jetzt gerade. [11]

Wie würdest du den IT-Gipfel verbessern? Woran krankt es im Moment?

An der Einbindung der gesellschaftlichen Kräfte, die Politik und Wirtschaft, die im Moment dort sind, in ihren Entscheidungen feinjustieren könnten. Und an einer digitalen Öffentlichkeit, die an den verschiedenen Diskursen und Arbeitsgruppen teilnehmen könnte. [12]

Wie cool findest du Kristina Köhler? Findest du die Entscheidung für sie auch so zukunftsweisend?

Ich finde sie nicht cool. Bei aller Freude über eine junge Person im Ministerkreis, die eine gewisse Netzaffinität zu haben scheint, halte ich viele ihrer Überzeugungen für hochproblematisch. Jedenfalls die, die sich aus früheren Interviews ableiten lassen. [13]

Müsstest du nicht eigentlich etwas wichtiges tun?

Ich tue gerade etwas sehr wichtiges, nämlich Fragen zu beantworten. Übermorgen erfindet jemand eine Formspring-Rangliste, ich stehe dann auf dem ersten Platz, in einer Woche entdeckt die Presse Formspring, ich gebe neun Interviews, in der Tagesschau entdeckt mich der Kommunikationsdirektor der SoundundsoAG und beauftragt mich mit der Ausarbeitung eines 40.000 Euro teuren Kommunikationskonzepts im Bereich Social Media, das nie umgesetzt wird und das ich deshalb übernächste Woche nochmal verwenden kann. [14]

Was wird DAS Thema im Web 2010 sein? Was wird DER HIT im Web 2010 sein?

2010 werden die verschiedenen Versuche zu Paid Content Hand in Hand gehen mit einem weiteren Mediensterben. Ich glaube, dass die meisten versanden und versiegen werden, ist aber nicht schlimm, da müssen dringend flächig Erkenntnisse im Markt gewonnen werden. Abgesehen davon wird sich das Real Time Web natürlich weiter fortsetzen, zur (ersten) vollen Blüte kommt es aber wohl erst in zwei, drei Jahren. [15]

Vielen Dank für das “Gespräch”!

by Guido van Nispen

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Warum wir Anonymität brauchen?

Mai 13 2009 Published by under medienkritik, meine realität, zensur

Irgendwann in der Grundschule war er da – der Kummerkasten. Ich weiß nicht mehr genau wann, aber es wird wohl in der 2ten oder 3ten Klasse gewesen sein. Das Konzept ist einfach und wirkungsvoll, wenn es richtig eingesetzt wird.

In der Wikipedia ist der Begriff des Kummerkastens folgendermaßen beschrieben:

„Der abstrahierende Begriff Kummerkasten bezeichnet jede Form von Behältnis, das für einen oder mehrere Individuen als Aufbewahrungsort für seelisch belastende Gedanken und Gefühle gilt. Dabei kann es sich auch um einen Kasten im wörtlichen Sinne handeln, in den üblicherweise Schriftgut oder symbolträchtige Gegenstände geladen werden.“ Wikipedia

Aus einem postmodernen literarischen Ansatz heraus ist die Identität der Autoren für bestimmte Inhalte unerheblich. Der Inhalt selbst tritt in den Vordergrund und eine Autorschaft kann nur mehr schwer nachvollzogen werden. Genau so etwas passiert zum Bespiel bei der Erstellung der Wikipedia zum Wohle Aller.

Anonymität

Im gesamten Wikipediaartikel wird das Wort „anonym“ nur an einer Stelle genannt.

„Der Begriff Kummerkasten hat sich auch in Firmen und anderen Organisationen etabliert. Dabei handelt es sich um Briefkästen, in denen Mitarbeiter oder Mitglieder anonym ihre zu Papier gebrachten Sorgen oder Beschwerden weitergeben können. Diese Arten von Kummerkästen gibt es infolge des Internets auch in elektronischen Formen wie Mailboxen.“ Wikipedia

Meines Erachtens ist Anonymität ein zentraler Punkt bei der Betrachtung und Nutzung von Kummerkästen. Die Anonymität gewährleisten, dass der Schreiber für kritische Inhalte keine Repressionen fürchten muss, soweit die Anonymität nicht aufgelöst werden kann. Somit muss den Nutzern von Kummerkästen vermittelt werden, wie sie ihre Anonymität bewahren und trotzdem die Inhalte transportiert bekommen.

Denunzianten

Die Anonymität birgt die Gefahr des Denunziantentums. Sobald kritische Inhalte, die obendrein nicht der Wahrheit entsprechen müssen, mit Personen in Verbindung gebracht werden sollen, muss der Nutzer in einer Abwägung das Wohl der Allgemeinheit im Auge haben, bevor er dem Kummerkasten die Nachricht anvertraut. Er selbst möchte ja auch nicht durch jemand anderen diskreditiert werden. Der gesunde Menschenverstand sollte daher jeden davon abhalten, andere zum eigenen Vorteil zu denunzieren.

Auswertung des Kummerkastens

Aufgrund der oben aufgeführten Schwierigkeiten und der Unfähigkeit der Menschen zu jedem Zeitpunkt die nötigen Anforderungen zu erfüllen, ist dies in der Bewertung der Information des Kummerkastens zu berücksichtigen. Man wird in dem Kummerkasten allen erdenklichen Scheußlichkeiten finden, die der menschliche Geist hervorbringen kann. Um die Menschen in ihrer Gesamtheit zu verstehen ist es wichtig, die menschlichen Abgründe zu kennen und darauf als Gesellschaft zu reagieren. Man kann natürlich für alles Mögliche ein Verbot fordern, doch kann man den Menschen nicht das Denken verbieten, geschweige denn kontrollieren (aus einem ethischen Standpunkt heraus – technisch? Mal sehen). Somit muss die Gesellschaft mit den dunklen Ecken der Realität umgehen lernen und Maßnahmen entwickeln, die derartige Problem an der Wurzel angreift und nicht nur versuchen Symptome zu kaschieren.

Weil es uns alle betrifft

Wenn wir schon als Kinder den richtigen Umgang mit dem Kummerkasten lernen und als Gesellschaft bereit sind zu Handeln, statt die Augen vor Problemen zu verschließen, werden wir alle davon profitieren. Ich halte ein recht auf Anonymität für unsere demokratische Gesellschaft als zwingend erforderlich. Wer Anonymität gerade im Internet auflösen möchte beginnt sowohl damit die freiheitlich demokratische Grundordnung zu gefährden, er nimmt auch der Gesellschaft die Möglichkeit bestehende Probleme überhaupt wahrzunehmen. Ebenso müsste er konsequenterweise nicht nur im digitalen die Anonymität aufheben, sondern Kummerkästen, Flugblätter oder sonstige Medien, die geeignet sind Informationen in anonymer Form zu verbreiten, verbieten. Er müsste zwangsläufig Papier und Bleistift verbieten, da selbige zur Ausübung von Straftaten in anonymer Form ebenso gut geeignet sind.

Dieses Plädoyer ist nicht als Freibrief für Straftaten unter dem Deckmantel der Anonymität zu verstehen!

by Sklathill

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