Springer – Gemischtwareladen mit angeschlossener Propagandaplattform

Jul 26 2013 Published by under medienkritik, meine realität

In gewisser Weise ist die Strategie von Springer, sich des journalistischen Ballastes zu entledigen, konsequent. Nach wie vor halte ich Springers Lobbyismus im Zusammenhang mit dem Leistungsschutzrecht für Presseverleger für ein geschicktes Ablenkungsmanöver, gerade im Digitalen den Vorsprung auszubauen. Gleichfalls entwickelt sich Springer von einem klassischen Verlag weg – hin zu einem Gemischtwarenladen mit angeschlossener Propagandaplattform.

Springer hatte angekündigt, keine Mitarbeiter in den nächsten zwei Jahren kündigen zu wollen. Diesbezüglich hat Springer auch Wort gehalten, denn um etwaige Kündigungen kann sich jetzt die Funke-Gruppe als neuer Eigentümer einiger Springerblätter kümmern. In der Diskussion um das Leistungsschutzrecht hatte Christoph Keese, angesprochen auf die Gewinne im Digitalen, immer wieder betont, Journalismus trage nur einen kleinen Teil dazu bei. Insofern ist es nur verständlich, dass das erfolgreiche und hoch profitorientierte Unternehmen, sich von einigen journalistischen Angeboten trennt.

Zum einen erspart sich Springer dadurch, Überlegungen anstrengen zu müssen, welche Geschäftsmodelle für den Journalismus im Digitalen funktionieren und ob das Leistungsschutzrecht tatsächlich als Einnahme Quelle geeignet ist. Man darf nicht vergessen, dass Springer als treibende Kraft hinter dem Leistungsschutzrecht neben Burda zu den wenigen Verlagen gehört, die auch ohne Leistungsschutzrecht digital recht erfolgreich sind. Nur eben nicht unbedingt mit Journalismus.

Zum anderen kann Springer die Einnahmen nutzen um seine digitale Strategie weiter auszubauen. Kleinanzeigen, Jobanzeigen, Produktempfehlungen und Immobilienanzeigen hatten früher Geld in die Kassen vieler Verlage gespült. Mit der Digitalisierung kam es zu einer Konzentration dieser Angebote auf wenigen Plattformen und diese Einnahmequelle versiegte für viele Verlage. Natürlich wurden diese Einnahmen jahrelang genutzt, um den Journalismus quer zu finanzieren. Doch mit einem Mal funktionierten diese von Kunden nachgefragten Angebote auch ohne journalistisches Beiwerk aber dafür mit Werbung hervorragend. Die Zeiten in denen eine Süddeutsche wegen ihrer Jobangebote gekauft wurde, sind definitiv vorbei. Doch Springer und Burda verdienen mit solchen Angeboten weiterhin gutes Geld – halt im Digitalen.

Gleichfalls ist nachvollziehbar, warum BL*D und DIE WELT gehalten werden. Ersteres Blatt hat nicht nur off- wie online eine ordentliche Reichweite – viel wichtiger ist, die Angst, die Politiker vor diesem Medium haben. Die BL*D ist mit ein paar hundert Redakteuren in der Lage eine Vielzahl von Politikern erzittern zu lassen. Dieses Machtinstrument aus der Hand zu geben, wäre gerade zu lächerlich. Außerdem spielt das daran angeschlossene Warenhaus mit allerlei Volksprodukten auch den ein oder anderen Euro in die Kasse. Die Kosten für das Liebhaberprojekt DIE WELT dürften sich ebenso im Rahmen halten.

Dass bedeutet natürlich keinesfalls, Journalisten der übriggebliebenen Springer Blätter könnten sich jetzt zurücklehnen. Kai Diekmann hatte erst kürzlich angekündigt, es werde künftig ein anderer Wind wehen. Die Ausführungen lesen sich wie der Wunsch der Transformation von Redakteuren in Arbeitskraftunternehmer, wie sie der Soziologe Gerd-Günter Voß beschrieben hatte. Damit fördert Springer die Selbst-Ökonomisierung der Redakteure, was für Springer mit einem positiven Effekt einhergeht. Der Redakteur ist dann einfach selbst schuld, wenn das mit dem Geldverdienen mit dem Journalismus nicht so klappt. Und bloß weg mit den Tarifverträgen – diesen hinderlichen Fußfesseln.

Dem in der Pauschalisierung unzutreffenden Vorwurf, Verlage hätten das Internet nicht verstanden, begegnet Springer mit gelassener Souveränität und einem Bargeldpolster für neue Investitionen. So hat der Verlag mit Axel Springer Plug and Play einen Startup-Inkubator angeworfen, in dem sich das Geld jetzt schön verfeuern lässt. Im Hinblick auf die Weitsicht des Unternehmens ist davon auszugehen, dass dabei auch finanziell etwas dabei herumkommt, auch wenn die Kommentatoren bezüglich der ersten Investments einigermaßen skeptisch sind.

Man darf gespannt sein, welche Bonbons für Springer der nächste Koalitionsvertrag zwischen FDP und Union bereithält. In jedem Fall ist es dafür hilfreich die FDP über 5% zu stabilisieren, selbst wenn das mal plumper und mal geschickter erfolgt. Das sichert den unternehmerischen Erfolg. Und falls die Politiker nicht spuren, hat man ja das nötige Machtinstrument um die Politiker springen zulassen – im Zweifel politisch über die Klinge.

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Wie hältst du’s mit dem „Zeitungssterben“?

Nov 23 2012 Published by under meine realität

Es wird behauptet, die publizistische Vielfalt schwände mit dem Ende der „Frankfurter Rundschau“ und „Financial Time Deutschland“. Martin Eiermann stellvertretender Chefredakteur von The European, einer neuen publizistischen Kraft, für die ich eine Zeit lang eine Kolumne schreiben durfte, hatte mich nach meinen Gedanken zum Zeitungssterben gefragt.

Zwischenzeitig konnte der Eindruck entstehen, die Bundesregierung schäme sich mittlerweile für das Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Schließlich soll nächsten Donnerstag die erste Lesung nicht nur mitten in der Nacht stattfinden, sondern ursprünglich war angedacht, die Reden einfach zu Protokoll zu geben, anstatt tatsächlich darüber zu debattieren. Jedoch bewegte der Druck der Öffentlichkeit beinahe alle parlamentarischen Geschäftsführer über Twitter zu verkünden, man wolle sich nun doch einer Debatte stellen.

Glaubt man Verlagsvertretern, so soll mit diesem Gesetz eine Verhandlungsposition gegenüber Google und anderen geschaffen werden, die momentan die Verlage schamlos ausbeuten. Also ein rettender Strohhalm im Strudel des Verderbens, der eine Publikation nach der anderen in den Abgrund reißt. Zuletzt hatte es eben die „Financial Time Deutschland“ und die „Frankfurter Rundschau“ erwischt. Fraglich bleibt, ob das Leistungsschutzrecht geeignet gewesen wäre, das Fortbestehen der Blätter zu sichern.

Nur woraus besteht dieser Strudel, der den Verlagen dermaßen zusetzt?

  • aus dem Konstrukt Tageszeitung an sich, die eigentlich Vortageszeitung heißen müsste?
  • aus dem geänderten Mediennutzungsverhalten der Jugend, die sich schon lange nicht mehr vorstellen kann, eine Tageszeitung zu abonnieren – noch nicht mal online?
  • aus einer vermeintlich kostenlosen Konkurrenz, die sich erdeistet presseähnliche Apps auf Kosten der Allgemeinheit und zum Schaden der Verlage zu produzieren?
  • aus Unternehmen, die sich nicht länger über sudokueske Klickstreckenreichweiten und Streuverluste hinwegtäuschen lassen und daher Werbemillionen effektiver investieren wollen?
  • aus einem generellen publizistischen Überangebot, das zu neuen Konkurrenzsituationen zwischen lokalen, nationalen und internationalen Medien führt, die Technologie übergreifend ihren fairen Anteil an der Aufmerksamkeit nach dem Rieplschen Gesetz einfordern?
  • aus der Erkenntnis der Werbetreibenden, dass Nachrichten selten ein passendes Werbeumfeld darstellen?
  • oder schlicht aus dem Zweifel an einem Aufmerksamkeitsmonopol der Medien™, das diese jetzt witziger Weise beim regelmäßigen Lamentieren Google zu schreiben?

Die Gründe sind deutlich vielschichtiger, aber ich will es mal dabei belassen den Umriss zu skizieren. In jedem Fall halte ich es für unredlich, den Niedergang traditioneller Medienhäuser mit einem Niedergang des Journalismus gleichzusetzen. Im Gegenteil – die klassischen Medienhäuser haben eben aus Profitgier den Niedergang des Journalismus geradezu befeuert. Früher war nicht nur alles besser, früher waren gerade die Profite höher. Und mit Einsparungen an Redaktionen konnte man ja versuchen, das wieder wettzumachen, was man in Zeiten der New Economy verballert hat.

Da kann man einfach behaupten, das Internet habe einen Geburtsfehler, weil bei der Konstruktion vergessen wurde eine Kasse aufzustellen, wie Kai Diekmann das wohl sieht. Ungeachtet dessen hatten es die Verlage ja selbst in der Hand und sie haben sich aus freien Stücken für eine Kostenloskultur entschieden. Über diese beklagen sie sich jetzt bitterlich. Der Seitenwechsler und noch Chefredakteur Gabor Steingart sieht darin gar einen „Jahrhundertfehler“, obgleich er wenige Zeilen später die Kommerzialisierung der Kommunikation anprangert und einen neuen Gesellschaftsvertrag der Wirtschaft fordert, der bitte schön die Verlage mit einbezieht.

„Wenn dir die Nachrichten nicht gefallen, dann mach sie eben selbst“

So doppeldeutig dieser Spruch daherkommt, so doppeldeutig wird er jetzt schon gelebt. Ausschließlich als Rezipienten gesehene Konsumenten haben sich längst erhoben und vor allem haben sie sich längst vernetzt. Journalisten haben in den letzten Jahren die – für sie leidvolle – Erfahrung machen müssen, dass Leserbriefe falls sie nicht in den Rundablagen der Redaktionen landen, sondern im Internet publiziert werden, andere bewegen und sich leicht viral verbreiten können. Diese Erkenntnis ist auch langsam in der politischen Führungsebene angekommen und vielleicht wird deshalb manchem Unionspolitiker Peter Altmaier unheimlich.

Wer sich vernetzt ist weniger auf das Wohlwollen der Medien™ angewiesen, er bekommt mit relevanten Inhalten trotzdem Aufmerksamkeit. Dabei fällt es zunehmend schwer, jemanden aus einer publizistischen Perspektive mit Aufmerksamkeitsentzug abzustrafen, ohne an journalistischer Glaubwürdigkeit einzubüßen.

Wie man in eindrucksvoller Weise Nachrichten macht und weltweit Medien dazu bewegt über einen zu berichten, haben allen voran Apple und Red Bull demonstriert. Gerade zu grotesk wirkten die stundenlangen Produktpräsentationen, bei denen tausende Journalisten aus aller Welt beiwohnen, um anschließend hinauszuziehen und das Wort des Konzerns zu verbreiten.

Wie sich Aufmerksamkeit generieren lässt ist keine Geheimwissenschaft. Schon gar nicht für Medienimperium wie Red Bull, das nicht nur Heerscharen von Journalisten beschäftigt (im doppelten Wortsinn), sondern gleichfalls zahlreiche Gladiatoren unter Vertrag hat, die bereit sind für die Sensation ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Natürlich gibt es im Bereich der Corporate Media Interessenskonflikte, die sich nicht auflösen lassen und die Glaubwürdigkeit massiv in Frage stellen.

„Nachrichten einer Google-Hauspostille zur Netzpolitik oder von Eon gesponserte Recherchen zur Energiewende haben mehr als nur einen faden Beigeschmack.“, meint Martin Eiermann

Die Diskussion um das Leistungsschutzrecht hat gezeigt, Verlage können ebenso wenig mit Interessenskonflikten umgehen, selbst wenn sie ein Mantra der Selbstregulierung vor sich hertragen, das angeblich geeignet wäre, ein derartiges Verhalten zu unterbinden. Bullshit!

Nach Christoph Keese, dem geistigen Vater des Leistungsschutzrechts, sollen angeblich chinesische Mauern zum Management verhindern, dass auf der anderen Seite darüber nachgedacht wird, aus welchem Fleischtopf man gefüttert wird. Bullshit!

Objektivität und Neutralität sind unmenschliche Ziele und es ist eine Anmaßung anderen diese Einsicht abzustreiten. Nicht jedem ist es sofort ersichtlich aus welchen Beweggründen sich jemand äußert, doch im Zweifel äußert er sich für sich selbst, was sich selbst vor Idioten kaum verbergen lässt. Geld, Macht und Anerkennung treibt die Menschen an und ja, selbst ich schreibe hier allein aus purem Geltungsdrang. Bingo!

„Journalism is printing what someone else does not want printed: everything else is public relations.“ George Orwell

Von der Beschaffenheit des Informationsträgers hatten wir uns ja bereits gedanklich verabschiedet. Insofern messe ich dem Gedruckten nicht dadurch mehr Bedeutung bei, obwohl sich das Zitat darauf bezieht.

Nach dieser Logik ist nicht nur von öffentlich-rechtlichen Anstalten Veröffentlichtes Journalismus, sondern auch ein um den dpa-Newsticker angereichertes und kostenfrei verbreitetes „Aldi Aktuell“. Welcher Verlag duldet denn schon eine solche Konkurrenz ohne zu jammern? Natürlich mache ich es mir mit dieser Argumentation äußerst einfach, derartiges als Journalismus darzustellen, geht es dabei gerade doch nur um den monetären Aspekt. Inwiefern würde für Aldi ein Interessenskonflikt entstehen, wenn sie lediglich als ein Mittler einen Kanal bereit stellen würden?

Wäre ein Scoop von der Dimension der Pentagon-Papiere weniger glaubwürdig, würde er bei redbull.com veröffentlicht? Der Brausehersteller hätte sich doch wie jedes anderen Medienunternehmen nach der Aufmerksamkeit verzehrt, die einmal Wikileaks galt.

Sicher meint das Orwellsche Zitat eine andere Dimension des „nicht-gedruckt-haben-Wollens“, die mehr mit telefonierenden CSU Pressesprechern zu tun hat. Aber würde man allein dies als Maßstab anlegen, so wäre Journalismus generell eine Ausnahmeerscheinung, die äußerst selten in den Medien stattfinden würde. Da braucht man noch nicht mal die schmierige Pomadenhaftigkeit eines „Journalismus“ bemühen, die zum Gebaren von Leute sich wie Gabor Steingart oder Günther Jauch führt, sich in geradezu ekelhafterweise als billige Stichwortgebern für Matthias Döpfner oder Peer Steinbrück anzudienen.

Für den einen oder anderen mag das Ende der „Frankfurter Rundschau“ und der „Financial Times Deutschland“ bedauerlich sein – sei es als Leser, als Arbeitgeber oder als ehemaliger Chefredakteur -, dennoch ist fragwürdig, ob von einem Schwinden der publizistischen Vielfalt die Rede sein kann. Mit dem Sterben dieser Blätter sterben ja nicht gleich die dort angestellten Journalisten mit. Da frage ich mich, wie viele, künftig ehemalige, Redakteure sich nicht mehr mit dem Umschreiben von Ticker-Meldungen der Nachrichtenagenturen beschäftigen müssen und jetzt Zeit für tatsächlichen Journalismus haben?

Das Internet hat in jedem Fall die Kosten für einen Markteintritt für jeden einzelnen deutlich nach unten verschoben, auch wenn sich die Verdienstmöglichkeiten dort erst langsam abzeichnen. Das ist unter anderem dem Umstand geschuldet, dass sich Verlage über Jahre das Heil im Leistungsschutzrecht erhofft haben, anstatt ein einfach zu bedienendes Micro-Payment zu entwickeln. Flattr geht vom Ansatz zwar in diese Richtung, aber hier wurde von den wenigsten Verlagen etwas ausprobiert. So bleibt Flattr eine winzige nerdige Geldumverteilung hin zu Tim, Frank und Fefe. Das Pflänzchen Crowdfoundig ist über ein paar Leuchtturmprojekte wie Matter nicht hinausgekommen.

Für mich hat sich in den letzten Jahren gezeigt, wer den Journalismus bewahren möchte, muss sich um das Wohl der Journalisten kümmern und nicht um das Wohl der Verlage. Denn vom Wohl der Verlage, haben Journalisten eher in Ausnahmefällen etwas.

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