Wie hältst du’s mit dem „Zeitungssterben“?

Nov 23 2012 Published by under meine realität

Es wird behauptet, die publizistische Vielfalt schwände mit dem Ende der „Frankfurter Rundschau“ und „Financial Time Deutschland“. Martin Eiermann stellvertretender Chefredakteur von The European, einer neuen publizistischen Kraft, für die ich eine Zeit lang eine Kolumne schreiben durfte, hatte mich nach meinen Gedanken zum Zeitungssterben gefragt.

Zwischenzeitig konnte der Eindruck entstehen, die Bundesregierung schäme sich mittlerweile für das Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Schließlich soll nächsten Donnerstag die erste Lesung nicht nur mitten in der Nacht stattfinden, sondern ursprünglich war angedacht, die Reden einfach zu Protokoll zu geben, anstatt tatsächlich darüber zu debattieren. Jedoch bewegte der Druck der Öffentlichkeit beinahe alle parlamentarischen Geschäftsführer über Twitter zu verkünden, man wolle sich nun doch einer Debatte stellen.

Glaubt man Verlagsvertretern, so soll mit diesem Gesetz eine Verhandlungsposition gegenüber Google und anderen geschaffen werden, die momentan die Verlage schamlos ausbeuten. Also ein rettender Strohhalm im Strudel des Verderbens, der eine Publikation nach der anderen in den Abgrund reißt. Zuletzt hatte es eben die „Financial Time Deutschland“ und die „Frankfurter Rundschau“ erwischt. Fraglich bleibt, ob das Leistungsschutzrecht geeignet gewesen wäre, das Fortbestehen der Blätter zu sichern.

Nur woraus besteht dieser Strudel, der den Verlagen dermaßen zusetzt?

  • aus dem Konstrukt Tageszeitung an sich, die eigentlich Vortageszeitung heißen müsste?
  • aus dem geänderten Mediennutzungsverhalten der Jugend, die sich schon lange nicht mehr vorstellen kann, eine Tageszeitung zu abonnieren – noch nicht mal online?
  • aus einer vermeintlich kostenlosen Konkurrenz, die sich erdeistet presseähnliche Apps auf Kosten der Allgemeinheit und zum Schaden der Verlage zu produzieren?
  • aus Unternehmen, die sich nicht länger über sudokueske Klickstreckenreichweiten und Streuverluste hinwegtäuschen lassen und daher Werbemillionen effektiver investieren wollen?
  • aus einem generellen publizistischen Überangebot, das zu neuen Konkurrenzsituationen zwischen lokalen, nationalen und internationalen Medien führt, die Technologie übergreifend ihren fairen Anteil an der Aufmerksamkeit nach dem Rieplschen Gesetz einfordern?
  • aus der Erkenntnis der Werbetreibenden, dass Nachrichten selten ein passendes Werbeumfeld darstellen?
  • oder schlicht aus dem Zweifel an einem Aufmerksamkeitsmonopol der Medien™, das diese jetzt witziger Weise beim regelmäßigen Lamentieren Google zu schreiben?

Die Gründe sind deutlich vielschichtiger, aber ich will es mal dabei belassen den Umriss zu skizieren. In jedem Fall halte ich es für unredlich, den Niedergang traditioneller Medienhäuser mit einem Niedergang des Journalismus gleichzusetzen. Im Gegenteil – die klassischen Medienhäuser haben eben aus Profitgier den Niedergang des Journalismus geradezu befeuert. Früher war nicht nur alles besser, früher waren gerade die Profite höher. Und mit Einsparungen an Redaktionen konnte man ja versuchen, das wieder wettzumachen, was man in Zeiten der New Economy verballert hat.

Da kann man einfach behaupten, das Internet habe einen Geburtsfehler, weil bei der Konstruktion vergessen wurde eine Kasse aufzustellen, wie Kai Diekmann das wohl sieht. Ungeachtet dessen hatten es die Verlage ja selbst in der Hand und sie haben sich aus freien Stücken für eine Kostenloskultur entschieden. Über diese beklagen sie sich jetzt bitterlich. Der Seitenwechsler und noch Chefredakteur Gabor Steingart sieht darin gar einen „Jahrhundertfehler“, obgleich er wenige Zeilen später die Kommerzialisierung der Kommunikation anprangert und einen neuen Gesellschaftsvertrag der Wirtschaft fordert, der bitte schön die Verlage mit einbezieht.

„Wenn dir die Nachrichten nicht gefallen, dann mach sie eben selbst“

So doppeldeutig dieser Spruch daherkommt, so doppeldeutig wird er jetzt schon gelebt. Ausschließlich als Rezipienten gesehene Konsumenten haben sich längst erhoben und vor allem haben sie sich längst vernetzt. Journalisten haben in den letzten Jahren die – für sie leidvolle – Erfahrung machen müssen, dass Leserbriefe falls sie nicht in den Rundablagen der Redaktionen landen, sondern im Internet publiziert werden, andere bewegen und sich leicht viral verbreiten können. Diese Erkenntnis ist auch langsam in der politischen Führungsebene angekommen und vielleicht wird deshalb manchem Unionspolitiker Peter Altmaier unheimlich.

Wer sich vernetzt ist weniger auf das Wohlwollen der Medien™ angewiesen, er bekommt mit relevanten Inhalten trotzdem Aufmerksamkeit. Dabei fällt es zunehmend schwer, jemanden aus einer publizistischen Perspektive mit Aufmerksamkeitsentzug abzustrafen, ohne an journalistischer Glaubwürdigkeit einzubüßen.

Wie man in eindrucksvoller Weise Nachrichten macht und weltweit Medien dazu bewegt über einen zu berichten, haben allen voran Apple und Red Bull demonstriert. Gerade zu grotesk wirkten die stundenlangen Produktpräsentationen, bei denen tausende Journalisten aus aller Welt beiwohnen, um anschließend hinauszuziehen und das Wort des Konzerns zu verbreiten.

Wie sich Aufmerksamkeit generieren lässt ist keine Geheimwissenschaft. Schon gar nicht für Medienimperium wie Red Bull, das nicht nur Heerscharen von Journalisten beschäftigt (im doppelten Wortsinn), sondern gleichfalls zahlreiche Gladiatoren unter Vertrag hat, die bereit sind für die Sensation ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Natürlich gibt es im Bereich der Corporate Media Interessenskonflikte, die sich nicht auflösen lassen und die Glaubwürdigkeit massiv in Frage stellen.

„Nachrichten einer Google-Hauspostille zur Netzpolitik oder von Eon gesponserte Recherchen zur Energiewende haben mehr als nur einen faden Beigeschmack.“, meint Martin Eiermann

Die Diskussion um das Leistungsschutzrecht hat gezeigt, Verlage können ebenso wenig mit Interessenskonflikten umgehen, selbst wenn sie ein Mantra der Selbstregulierung vor sich hertragen, das angeblich geeignet wäre, ein derartiges Verhalten zu unterbinden. Bullshit!

Nach Christoph Keese, dem geistigen Vater des Leistungsschutzrechts, sollen angeblich chinesische Mauern zum Management verhindern, dass auf der anderen Seite darüber nachgedacht wird, aus welchem Fleischtopf man gefüttert wird. Bullshit!

Objektivität und Neutralität sind unmenschliche Ziele und es ist eine Anmaßung anderen diese Einsicht abzustreiten. Nicht jedem ist es sofort ersichtlich aus welchen Beweggründen sich jemand äußert, doch im Zweifel äußert er sich für sich selbst, was sich selbst vor Idioten kaum verbergen lässt. Geld, Macht und Anerkennung treibt die Menschen an und ja, selbst ich schreibe hier allein aus purem Geltungsdrang. Bingo!

„Journalism is printing what someone else does not want printed: everything else is public relations.“ George Orwell

Von der Beschaffenheit des Informationsträgers hatten wir uns ja bereits gedanklich verabschiedet. Insofern messe ich dem Gedruckten nicht dadurch mehr Bedeutung bei, obwohl sich das Zitat darauf bezieht.

Nach dieser Logik ist nicht nur von öffentlich-rechtlichen Anstalten Veröffentlichtes Journalismus, sondern auch ein um den dpa-Newsticker angereichertes und kostenfrei verbreitetes „Aldi Aktuell“. Welcher Verlag duldet denn schon eine solche Konkurrenz ohne zu jammern? Natürlich mache ich es mir mit dieser Argumentation äußerst einfach, derartiges als Journalismus darzustellen, geht es dabei gerade doch nur um den monetären Aspekt. Inwiefern würde für Aldi ein Interessenskonflikt entstehen, wenn sie lediglich als ein Mittler einen Kanal bereit stellen würden?

Wäre ein Scoop von der Dimension der Pentagon-Papiere weniger glaubwürdig, würde er bei redbull.com veröffentlicht? Der Brausehersteller hätte sich doch wie jedes anderen Medienunternehmen nach der Aufmerksamkeit verzehrt, die einmal Wikileaks galt.

Sicher meint das Orwellsche Zitat eine andere Dimension des „nicht-gedruckt-haben-Wollens“, die mehr mit telefonierenden CSU Pressesprechern zu tun hat. Aber würde man allein dies als Maßstab anlegen, so wäre Journalismus generell eine Ausnahmeerscheinung, die äußerst selten in den Medien stattfinden würde. Da braucht man noch nicht mal die schmierige Pomadenhaftigkeit eines „Journalismus“ bemühen, die zum Gebaren von Leute sich wie Gabor Steingart oder Günther Jauch führt, sich in geradezu ekelhafterweise als billige Stichwortgebern für Matthias Döpfner oder Peer Steinbrück anzudienen.

Für den einen oder anderen mag das Ende der „Frankfurter Rundschau“ und der „Financial Times Deutschland“ bedauerlich sein – sei es als Leser, als Arbeitgeber oder als ehemaliger Chefredakteur -, dennoch ist fragwürdig, ob von einem Schwinden der publizistischen Vielfalt die Rede sein kann. Mit dem Sterben dieser Blätter sterben ja nicht gleich die dort angestellten Journalisten mit. Da frage ich mich, wie viele, künftig ehemalige, Redakteure sich nicht mehr mit dem Umschreiben von Ticker-Meldungen der Nachrichtenagenturen beschäftigen müssen und jetzt Zeit für tatsächlichen Journalismus haben?

Das Internet hat in jedem Fall die Kosten für einen Markteintritt für jeden einzelnen deutlich nach unten verschoben, auch wenn sich die Verdienstmöglichkeiten dort erst langsam abzeichnen. Das ist unter anderem dem Umstand geschuldet, dass sich Verlage über Jahre das Heil im Leistungsschutzrecht erhofft haben, anstatt ein einfach zu bedienendes Micro-Payment zu entwickeln. Flattr geht vom Ansatz zwar in diese Richtung, aber hier wurde von den wenigsten Verlagen etwas ausprobiert. So bleibt Flattr eine winzige nerdige Geldumverteilung hin zu Tim, Frank und Fefe. Das Pflänzchen Crowdfoundig ist über ein paar Leuchtturmprojekte wie Matter nicht hinausgekommen.

Für mich hat sich in den letzten Jahren gezeigt, wer den Journalismus bewahren möchte, muss sich um das Wohl der Journalisten kümmern und nicht um das Wohl der Verlage. Denn vom Wohl der Verlage, haben Journalisten eher in Ausnahmefällen etwas.

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Doch kein „spätideologisch verirrter Web-Kommunismus“ bei WELT KOMPAKT?

Jun 23 2010 Published by under medienkritik, Rechteverwerter

Prinzipiell habe ich ja nicht dagegen einzuwenden, wenn Verlage auf Idee kommen talentierte Blogger für sich zugewinnen. Auch wenn sich Sascha Lobo für einen Tag als Chefredakteur der Rheinzeitung verdient macht, freue ich mich für ihn. Als nun eine Pressemitteilung der Axel Springer AG, mit der Ankündigung – Blogger würden jetzt einen Tag die WELT KOMPAKT mit Inhalten bestücken, durch meine Timeline huschte, schenkte ich dem keine weiter Beachtung. Dort heißt es unter dem Motto „Online goes print“:

„WELT KOMPAKT erscheint am 1. Juli 2010 mit einer vollständig von Bloggern erstellten Ausgabe. WELT KOMPAKT hat Social Media schon früh in ihre Berichterstattung integriert und ist seit Herbst 2009 die erste deutsche Tageszeitung mit zwei täglich erscheinenden Seiten zum Thema Internet.“ Pressemittelung der Axel Springer AG

WELT ONLINE feierte bereits gestern die große Resonanz auf diese Idee, dabei sollen die Aktion angeblich auf Facebook, Twitter und Co. hohe Wellen geschlagen haben – heute schlagen sie irgendwie höher. Das liegt sicher an meiner subjektiven Wahrnehmung.

Scheinbar vertrat man ursprünglich die Idee, die Blogger würden ohne Bezahlung schon das Blatt füllen. Hätten ja alle was davon – die Blogger würden endlich von einer breiten Öffentlichkeit gelesen – bekämen quasi Ruhm und Ehre, WELT KOMPAKT hätte sicherlich eine Kostenersparnis und vielleicht etwas positiv besetzte Aufmerksamkeit in der Blogossphäre, im Twitterversum und „mags“ auf der Fratzenfibel.

„Leider können wir Ihnen kein Honorar anbieten.“

Doch Deef Pirmasens, einer der auserkorenen Blogger, war gerade von der Idee, keine Vergütung zahlen zu wollen, alles andere als begeistert. Er machte seinem Unmut Luft, was dann schnell die Runde machte. Dabei wurde offensichtlich soviel Staub aufgewirbelt, dass man sich nun entschied doch ein Honorar zahlen zu wollen. Ob man nun für Springer schreiben möchte oder nicht, ob man dafür ein Honorar haben möchte oder nicht, sei jedem selbst überlassen. Nur die ursprüngliche Einstellung, kein Honorar bezahlen zu wollen, ist in sofern bezeichnend, da gerade von der Axel Springer AG ein vermeintliche Gratismetalität immer wieder scharf angegriffen wurde.

Gleichfalls läuft seit über einem Jahr eine Lobbymaschinerie, die es immerhin geschafft hat, der Koalition eine Zusage zu einem Leistungsschutzrecht für Presseverleger abzuringen.

„Verlage sollen im Online-Bereich nicht schlechter gestellt sein als andere Werkvermittler. Wir streben deshalb die Schaffung eines Leistungsschutzrechts für Presseverlage zur Verbesserung des Schutzes von Presseerzeugnissen im Internet an.“ so der Koalitionsvertrag

Von allem was bisher zum Leistungsschutzrecht zum Vorschein kam, erweckt den Eindruck, dass in erster Linie Bestandssicherung betrieben werden soll. Ebenfalls wurden die Forderungen medial begleitet und die Großen der Branche äußerten sich dazu auf ihre Weise und über ihre Kanäle:

„Wir werden schleichend enteignet“ Hubert Burda, Eigentümer der Hubert Burda Media und Präsident des Verbandes der deutschen Zeitschriftenverleger

„In einem Wirtschaftsystem ist es üblich, dass Dienstleistungen einen Wert haben. Es kann nicht sein, dass diese Logik für Presseartikel nicht gelten soll.“ Dietmar Wolff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Zeitungsleger

Gratisinhalte seien “abstruse Fantasien von spätideologisch verirrten Web-Kommunisten” Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG

Aber wenn WELT KOMPAKT nun nicht bereit wäre (hat sich ja scheinbar geändert) für die Artikel der Blogger zu bezahlen, so würde man sich selbst als bigott entlarven. Wenn Matthias Döpfner konsequent ist, muss er seine Aussage auch auf das Handeln der WELT KOMPAKT übertagen und in gleicher Form verurteilen. Sonst wird nicht nur er, sondern auch die Forderung nach einem Leistungsschutzrecht unglaubwürdig.

Gerade bei der Berichterstattung zum Leistungsschutzrecht entsteht der Eindruck, dass diese hauptsächlich von Blogs abgedeckt wird. Warum spielen Verlagsmedien in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle, obwohl sie selbst den Anspruch erheben systemrelevant für die Meinungsbildung in der Demokratie zu sein?

Disclaimer: Meiner Meinung nach muss eine Leistung NICHT direkt entlohnt werden! Doch empfinde ich dieses Verhalten schlicht als heuchlerisch. Ich möchte bei dieser Aktion auch nicht von versuchter Leistungserschleichung sprechen, da jeder selbst entscheiden kann, ob er sich dafür hergeben möchte. Deef hat daher aus einem nachvollziehbaren Grund abgelehnt. Mir ist im Übrigen auch bekannt wie zweiseitige Märkte funktionieren und das gerade bei Urheber immer eine Abwägung zwischen Steigerung der eigenen Bekanntheit (im Zweifel Honorarfrei oder gar defizitär), zur Stärkung des eigenen Marktwerts, und der Wunsch nach einer direkter Entlohnung stattfinden muss.

by Frau Mutant

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Leistungsschutzrecht für Mathematiker?

Sehr geehrter Herr Döpfner,

da ihre Forderungen nach einem Leistungsschutzrecht für Presseverleger sich nach wie vor in Lobbyismus manifestieren und ihre Experimente mit Paid-Content in vollem Gange sind, kann ich wohl die fortbestehende Gültigkeit ihrer Aussage zur vermeintlichen Kostenloskultur im Internet annehmen. Damit befinden sie sich gedanklich in der Nähe der IIPA, die das Nutzen von Open-Source Software anprangert.

“Rather than fostering a system that will allow users to benefit from the best solution available in the market, irrespective of the development model, it encourages a mindset that does not give due consideration to the value to intellectual creations.” IIPA

Aus einem betriebswirtschaftlichen Standpunkt heraus verfolgt man als Verkäufer das Ziel der Gewinnmaximierung und als Käufer das Ziel der Kostenminimierung. Geregelt wird der Preis bekanntermaßen durch den Markt, so nicht der Staat Monopolrechte in Form von Patenten, Urheber- oder Leistungsschutzrechten gewährt. Die Idee darin besteht Anreize durch direkte Monetarisierungsmöglichkeiten bei Kreativen zu schaffen, um Kreativleistung zu fördern.

Dem gegenüber stehen eine Menge Menschen, die in verschiedenster Form kreativ sind und deren primäres Anliegen nicht das Geld verdienen ist. Es mag identitätsstiftend, das Streben nach Anerkennung, die Obsession für ein ausgefallenes Thema, das Gefühl an etwas richtig Großem mitzuwirken oder ein bisschen von alldem sein, aber letztlich kennt nur jeder selbst die Motivation für seine Hobbies.

Anstatt in ihrer Freizeit passiv vor dem Fernseher zu sitzen oder einfach nur Zeitung zu lesen, wird das aktuelle Tagesgeschehen dokumentiert und kommentiert. Andere machen Fotos, wieder andere arbeiten an OpenStreetMap und manch einer programmiert an einem bekannten Open-Source Projekt. Früher waren Menschen mit ausgefallenen Hobbies allein, aber heute können sie sich finden, viele sein und Berge versetzen.

Vor 10 Jahren hätte man wohl eher geglaubt, das Internet würde wieder verschwinden, als dass der altgediegene Brockhaus als Auslaufmodell eingestuft worden wäre. Doch auf einmal war der Brockhaus nicht mehr konkurrenzfähig. Die Inhaltliche Qualität der Wikipedia kann sich mit den großen Lexika vielleicht nicht immer messen, dafür ist sie aktueller, umfangreicher, detailreicher, praktischer und kostenlos. Als Konsument macht man nun eine einfache Kostennutzenrechnung und entscheidet sich, trotz der qualitativen Defizite, gegen ein gedrucktes Lexikon.

Sie können beruhigt oder unberuhigt darüber sein – diese Entwicklung macht auch nicht vor Dingen [sic!] halt. Herrscharen von Designern, Baustlern und Hackern, Profis wie Amateure, laden gerade Baupläne für Kunst- und Gebrauchsgegenstände auf thingiverse.com hoch und runter, verbessern 3D-Drucker und 3D-Scanner, und tauschen sich über ihre Fortschritte aus. Anschließend erfreuen sie sich, dem Ziel, einem Replikator wie auf der Enterprise, einen Schritt näher gekommen zu sein. Da viele sich der Urheberrechtsproblematik gewahr sind, werden bewusst Lizenzen wie Creative Commons zur Veröffentlichung der selbst kreierten Objekte genutzt. Damit können andere die Objekte nach ihren Bedürfnissen anpassen und das Derivat wieder anderen zur Verfügung stellen. Gleichzeitig entsteht ein Bedarf an Werkzeug, Raum, Rohstoff und Knowhow, der vom findigen Dienstleister in sogenannten Fab Labs befriedigt wird. Diese schießen derzeit global wie Pilze aus dem Boden.

Gleichwohl muss man sich die Frage stellen, welcher ernsthaft denkende Mensch bereit ist, Geld für ein Produkt auszugeben, für das es ein kostenloses Äquivalent gibt, das den individuellen Ansprüchen genügt? Dennoch – selbst wenn die Baupläne für Maschinen kostenfrei genutzt werden können, sind die wenigsten imstande alle nötigen Produktionsschritte selbst durchführen zu können. Hier entsteht ein Bedarf für spezialisierte Dienstleister wie etwa LasernLasern. Ebenso halte ich den Wunsch nach individuellen Produkten als auch den Wunsch nach Komfort für Faktoren, die über die Zahlungsbereitschaft der Menschen entscheiden. Somit werden nicht mehr funktionsfähige Geschäftsmodelle durch neue ersetzt. Zweifelsohne sind große Unternehmen, die den Großteil ihres Geldes mit nur einem Geschäftsmodell erwirtschaften, auf dieses fixiert und optimiert. Daraus folgt zwangsläufig eine Forderung nach der Erhaltung des Status Quo, um nicht durch die Veränderung zu Grunde zu gehen.

Leider entsteht bei den Verlagen der Eindruck, sie wären nicht bereit für eine Veränderung und damit bewogen mit allen erdenklichen Mitteln den eigenen Stand zu sichern. In der Debatte wird immer wieder die Wichtigkeit journalistischer Leistung für die Demokratie hervorgehoben, quasi als systemrelevant erachtet.

Nun muss man bei genauer Betrachtung scharf zwischen Journalismus und Verlagen trennen. Verlage sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen und dadurch den Eigentümern verpflichtet. Demzufolge ist die Boulevardisierung der Medienlandschaft betriebswirtschaftlich nur konsequent. Auch der Umgang der Verlage mit freien Journalisten zeigt, wie wertvoll den Verlagen journalistische Inhalte sind. Offensichtlich hätten sie diese am liebsten kostenlos. Bei Journalisten mit Festanstellung steigt der Druck und die Wahrscheinlichkeit den Arbeitsplatz zu verlieren.

Da Menschen mit den Fähigkeiten von Journalisten gesucht sind, landen viele, nach dem Verlust des Arbeitsplatzes, in der PR-Branche. Die dünner besetzen Redaktionen sind dann natürlich dankbar für die kostenlose Unterstützung, die dann dem Leser als Qualitätsjournalismus verkauft wird. Witziger weise tauschen PR-Unternehmen die kostenlose Platzierung und Verbreitung ihrer Inhalte gegen einen Anspruch auf Autorschaft bzw. urheberrechtliche Ansprüche. Ihnen ist sogar möglichst daran gelegen, nicht damit in Zusammenhang gebracht zu werden, da man das Vertrauen in das jeweilige Medium auch für künftige Aktionen nutzen möchte.

Ob man sich von der Idee eines durch Unternehmer gelenkten Journalismus verabschieden und andere Wege beschreiten muss?

Mir scheint, unter Bemühung der Pressefreiheit, gar ein Existenzrecht für Verlage hergeleitet zu werden. Doch empfinde ich dies ähnlich absurd, als würden Hersteller von Sicherheitsschlössern aus der Unverletzlichkeit der Wohnung eine Existenzberechtigung ableiten. Bloß hat sich im Bereich Sicherheit, die Transparenz der Abläufe als Wettbewerbsvorteil erwiesen. Im Übrigen sind die mathematischen Verfahren hinter Kryptographie auch kostenlos.

Vielleicht sollte man mal über die Berufsgruppe der Mathematiker nachdenken, die praktisch schon immer von ihrer Dienstleistung gelebt haben, da Werke in Form von Beweisen und Formeln nach dem Gesetz nicht schützbar bzw. lizensierbar sind. Da sie allerdings über Fähigkeiten verfügen, die rar und begehrt sind, sind sie finanziell gut gestellt und gesellschaftlich anerkannt.

Es sollte ihnen zu denken geben, dass ausgerechnet die von ihnen als „spätideologisch verwirrten Web-Kommunisten“ ihnen das Nichtverstehen von Marktwirtschaft vorhalten.

Bitte beachten Sie, dass dieser Text in meinem Blog www.presseschauer.de veröffentlicht wurde und ich mir vorbehalte Ihre Antwort ebenfalls zu veröffentlichen. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, bitte ich Sie dem ausdrücklich zu widersprechen.

P.S.: Wenn Springer “Zensur” schreit…

Mit freundlichen Grüßen


Daniel Schultz

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Wird Wikileaks den Journalismus dauerhaft verändern?

Jan 04 2010 Published by under konferenz, medienkritik, zensur

Nun wurde Ende 2009 eine Debatte um Leistungsschutzrechte für Verlage losgetreten, Paid-Content beim Hamburger Abendblatt sowie Berliner Morgenpost partiell eingeführt und Publikumsbeschimpfungen a la “Webkommunisten” getätigt.

Zum Leistungsschutzrecht wollte man eigentlich schon einen Gesetzesentwurf vorlegen. Schließlich hatte die neue Regierung dies in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt und Angela Merkel hatte extra die Verleger zu einer Beteiligung daran aufgerufen. Die Verlage hatten im Laufe des letzten Jahres oft genug dafür Werbung in eigener Sache gemacht. Man berief sich auf die Notwendigkeit einer freien Presse für die Demokratie und unterstrich damit die eigene Systemrelevanz. Inwiefern gerade die großen Volksparteien selbst auf eine geneigte Berichterstattung auf Grund der Mediennutzung ihrer eigenen Wählerschaft angewiesen sind, sei einfach mal dahin gestellt.

Dass Paid-Content funktioniert, hat sich seit dem durchschlagenden von World of Warcraft gezeigt. Ob im Bereich Journalismus hinreichend einzigartige Inhalte bereitgestellt werden können, für die Nutzer zahlungswillig sind, wird sich künftig zeigen.

Auch wenn Matthias Döpfner, Hubert Burda & Co. in gewisser Form auf das Internet schimpfen, so könnte gerade von dort Hilfe nahen. So kündigte Wikileaks auf dem 26c3 (mp4 706 mb) an, selbst das eigene Publikationsverfahren etwas zu verändern und künftig mehr Medien in den Publikationsprozess einzubinden.

Bei Wikileaks handelt es sich um die Plattform für Whistleblower, die nach eigenem Bekunden unzensierbar ist und schon für einigen Wirbel sorgten. The National formuliert es so:

“Wikileaks has probably produced more scoops in its short life than the Washington Post has in the past 30 years” The National

Auf der seit 2006 existierenden Plattform wurden breits über 1,2 Millionen Dokumente veröffentlicht, unter denen sich etwa folgende fanden:

by andygee1

Da sich Wikileaks hauptsächlich auf das Prüfen der Echtheit der zugespielten Dokumente, das Schützen der Quellen und die unzensierbare Publikation konzentriert, wurde die Vermarktung der eigentlichen Inhalte vernachlässigt. Somit sind viele bisher veröffentlichte Dokumente zwar öffentlich zugängig, aber noch nicht öffentlich diskutiert worden. Auf dem 26c3 kündigten Daniel Schmitt und Julian Assange an, man wolle künftig Medien mehr mit einbeziehen. Konkret steht die Idee im Raum, einzelnen Medien exklusiv Zugang zu den Dokumenten zu gewähren und nach einer bestimmten Frist die Dokumente wie zuvor zu veröffentlichen.

Dadurch hätte das jeweilige Medium einen zeitlichen Vorsprung und wäre mitunter in der Lage mehrfach darüber zu berichten. Nicht selten handelt es sich um Dokumente mit dem Umfang von mehreren Hundertseite, die journalistisch Aufbereitet und mit weiteren Informationen angereichert werden wollen. Je nach Brisanz des Themas wäre das Verkaufen von Online-Dossiers zusätzlich zu einem Erscheinen in Print vorstellbar. Allerdings müsste man dann evaluieren, ob die Werbeeinnahmen nicht unterm Strich größer sind. Schließlich hat man damit ja die Möglichkeit auf seiner Onlineplattform eine Diskussion zum Thema loszutreten und somit die Verweildauer der Leser zu erhöhen.

Den Verlagen kommt diese Entscheidung insofern zugute, da investigativer Journalismus verhältnismäßig teuer ist. Einerseits benötigt man viel Zeit für Recherche und das Pflegen eines Informantennetzwerks. Andererseits ist die Publikation der Story unter Umständen mit einem Prozessrisiko behaftet, welches der Verleger mit Unterstützung seiner Rechtsabteilung abschätzen muss. Wikileaks nimmt dem jeweiligen Medium ein Teil der Kosten und das Risiko der Publikation ab.

Auch ist es in Zeiten der Vorratsdatenspeicherung und ausufernder Überwachung für Verlage schwieriger geworden, ihren Quellen Anonymität zu gewährleisten. Von einzelnen freien Journalisten ganz zu schweigen. So setzt nur noch der Feuilletonchef, Jens Jessen, eins drauf, indem er gar eine Auflösung der Anonymität zur Wiederherstellung der Waffengleichheit fordert.

Selbst wenn Wikileaks sich entscheiden sollte einen Unkostenbeitrag für die bereitgestellten Dokumente zu verlangen, so dürfte sich das neue Publikationsverfahren für alle drei Parteien lohnen. Denn das Medium kann exklusiv berichten, Wikileaks wird finanziell unterstützt und die Öffentlichkeit bekommt die Informationen aufbereitet.

Zum Thema: Interview mit Julian Assange

by BYTE RIDER

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