Google und das Taxi

Feb 19 2013 Published by under medienkritik, meine realität

Philipp Klöckner hat offenbar ein Problem damit, meinen Kommentar freizuschalten (inzwischen hatte er bereits Kommentare mit höher ID freigeschaltet – ist wohl im Spam-Ordner gelandet). Er hat einen Text geschrieben, in dem er sich an dem Vergleich abarbeitet, Google würde wie ein Taxi einem Restaurant den Verlagen Besucher zuführen.

Auch wenn mich der Pressesprecher des österreichischen Verlegerverbands VÖZ fälschlicherweise als Google Fanboy bezeichnet, muss ich ihm in Teilen Recht geben.

Der Vergleich hinkt, wie das Vergleiche so tun. Das war es aber auch schon fast. Christoph Keese meint Klöckner würde den Vergleich konsequent bis zum Ende durchspielen. Ich meine, er irrt rum und verbreitet dabei noch Unwahrheiten.

„Was der Taxifahrer nicht machen wird sind Umwege über den Potsdamer Platz, damit ich noch die neue Sony-Reklame sehe oder eine Rundfahrt um das Motel One, weil mir das ja besser gefallen könnte und er dafür auch Geld bekommt. […] Er bringt mich von A nach B und bekommt dafür Geld. That’s it.“ Philipp Klöckner

Es ist schlicht falsch, zu behaupten, Google würde nicht direkt von A nach B fahren! Wenn man genau angeben kann, wo man hin möchte. Dazu muss man nur in den Einstellungen Google Instant ausschalten und nach Eingabe des Reiseziels „auf gut Glück!“ fahren – ganz ohne Werbung. Nur kann der Benutzer eben in der Regel nicht sein genaues Ziel angeben und benötigt gerade dann Informationshäppchen um sich in der Trefferliste zu orientieren.

„Das schlimme aber ist, und darüber sollten sich alle “Restaurantbetreiber” Gedanken machen, dass der Google Taxifahrer immer häufiger einfach nur bis vor die Tür des Restaurants fahren würde, um das Essen aus der Küche zu klauen und den Fahrgast bereits im Taxi abzuspeisen.“ Philipp Klöckner

Dass versucht Google die Leistung anderer zu substituieren und Google ein massives Interesse daran hat sein eigenes Angebot auszuweiten, trifft durchaus zu. Die Leistung kann vor allem dann gut substituiert werden, wenn nur ein kleines Informationshäppchen vom Nutzer benötigt wird. Etwa wenn man schnell wissen möchte wie das Wetter wird, das Ergebnis einer mathematischen Gleichung oder vielleicht das Geburtsdatum eines Schauspielers.

Nur was die Verleger angeht, ist die Geschichte mit dem Servieren des Informationshäppchens im Taxi ja genau von diesen gewollt. Im Übrigen substituieren sie selbst die Leistung anderer, wenn sie etwa nacherzählen was im Fernsehen zu sehen war, wenn sie zusammenfassen was in Büchern steht und wenn sie einfach aus der Wikipedia oder aus anderen Zeitungen abschreiben. Damit schöpfen die Verleger genauso Aufmerksamkeiten von anderen ab.

Dennoch darf man nicht vergessen, dass mehrseitige Märkte die Möglichkeit bieten, die Finanzierung durch die unterschiedlichen Gruppen jederzeit neu zu justieren. Momentan ist die Google-Suche für Nutzer und Anbietern von Inhalten Entgelt frei, zahlen müssen lediglich Werbetreibende. Nun gibt es einerseits Signale von Inhalteanbietern für eine bessere Positionierung bezahlen zu wollen – anders lässt sich der ganze SEO-Quatsch nicht erklären. Und andererseits hat Google selbst schon eine Verschiebung seines Geschäftsmodells angedeutet, indem sie Paid Inclusion für das Shopping Modul eingeführt haben.

Wenn die Verleger jetzt par force auf die Einführung eines Leistungsschutzrechtes drängen, unterstützen sie damit Google, sein Geschäftsmodell dahingehend umzubauen. Im Übrigen würde es sich dann dem Geschäftsmodell der Gelben Seiten annähern. Hier besteht gleichfalls auch kein Rechtsanspruch auf einen kostenfreien Standardeintrag. Mit dem Leistungsschutzrecht wird zudem die Vormachtstellung die Google hat zementiert.

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Externe Effekte – Der Widerspruch mit dem Marktversagen

Feb 15 2013 Published by under der presseschauer fragt nach, meine realität

Sehr Herr Professor Thomas Dreiskämper,

Da der Jurist und Professor Dr. Thomas Elbel mich gebeten hatte, Ihre wissenschaftliche Publikation zu Externen Effekten zu lesen, folgte ich seiner Aufforderung. Hierbei stieß ich auf einen Widerspruch in dieser Arbeit, der mich irritiert und zu dem ich mir eine Stellungnahme von Ihnen wünsche. Ebenso möchte ich Sie noch darauf hinweisen, dass bei Werbung negative Externe Effekte beim Konsumenten entstehen, die eine ökonomische Relevanz haben.

Ab Seite 8 zählen Sie verschieden Bedingungen für ein Marktversagen auf.

„Der Markt erreicht dieses effiziente (bestmögliche) Ergebnis aber nur, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: […]“

unter anderem:

„Keine Informationsungleichgewichte:
Jeder Marktteilnehmer ist vollständig informiert. Niemand verfügt über einen Informationsvorsprung, der zum eigenen Vorteil ausgenutzt werden könnte.“

Sie stellen dann fest:

„Ist mindestens eine der oben genannten Bedingungen nicht erfüllt oder erheblich verletzt, wird der Markt versagen und kein effizientes Ergebnis produzieren.“

Das ist nichts anderes als die Forderung der Ubiquität von Information zu den Kosten von exakt null. Wäre dem nicht so, könnte ein Marktteilnehmer den Informationsvorsprung zum eigenen Vorteil ausnutzen, was Ihrer Meinung nach zum Marktversagen führt.

Unter 8.2.2 gehen Sie dann auf die „bedingte Marktfähigkeit von redaktionellem Content“ ein.

„Ist eine Information erst einmal veröffentlicht, verliert sie nicht nur ihren ökonomischen Wert, sondern darüber hinaus auch ihre Steuerbarkeit. Jeder Rezipient kann die Information problemlos und ohne daran gehindert werden zu können, weiterverbreiten. Das Ausschlussprinzip kann nicht oder nur sehr begrenzt durchgesetzt werden.“

Damit entsteht ein Widerspruch, weil das Ausschlussprinzip und der ökonomische Wert, den Sie hier der Information beimessen, Ihren Bedingungen für ein Marktversagen genügt.

Können Sie diesen Widerspruch auflösen?

Negative Externe Effekte bei Werbung:

Unter 8.2.1. ist die „vollständige Marktfähigkeit von Werbebotschaften“ Gegenstand Ihrer Ausführung.

„Dennoch können Externe Effekte ausgemacht werden, wenn der Betrachtungshorizont auf die Konsumenten erweitert wird. Die Transaktion selbst involviert den Intermediär (Mediendienstleister) und den Auftraggeber (Werbetreibenden), die Wirkung der Rezeption betrifft allerdings den Konsumenten. Da die Untersuchung der Wirkung von Inhalten auf Rezipienten etc. aber das Interessensgebiet der Ökonomie verlassen, soll dieses Themenfeld hier auch nicht weiter bearbeitet werden. Aus Sicht der Kommunikationswissenschaften oder der Soziologie ist der Externe Effekt immer eine medienimmanente Eigenschaft.“

Sie ignorieren damit sämtliche Kosten, die beim Konsumenten entstehen. Dabei verteuert Werbung die Produkte, steigert die Kosten bei Datenorientierten Internettarifen und steigert den Energieverbrauch beim Konsumenten – um nur mal ein paar zu nennen (hier ausführlicher).

Ebenso widerspricht Prof. Justus Haucap in seinem Gutachten zum Leistungsschutzrecht für Presseverleger Ihrer Position und belegt damit eine Relevanz dieser negativen Externen Effekte für das Interessensgebiet der Ökonomie:

„Ein Anstieg der Werbevolumen auf einer Webseite ist wie eine implizite Preiserhöhung zu verstehen, da sich der Nutzen der Rezipienten entsprechend verringert.“, Seite 14

Es wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie meiner Bitte um eine Stellungnahme nachkommen könnten.

Bitte beachten Sie, dass dieser Text in meinem Blog www.presseschauer.de veröffentlicht wurde und ich mir vorbehalte Ihre Antwort ebenfalls zu veröffentlichen. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, bitte ich Sie dem ausdrücklich zu widersprechen.

Mit freundlichen Grüßen

Daniel Schultz

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Wie hältst du’s mit dem „Zeitungssterben“?

Nov 23 2012 Published by under meine realität

Es wird behauptet, die publizistische Vielfalt schwände mit dem Ende der „Frankfurter Rundschau“ und „Financial Time Deutschland“. Martin Eiermann stellvertretender Chefredakteur von The European, einer neuen publizistischen Kraft, für die ich eine Zeit lang eine Kolumne schreiben durfte, hatte mich nach meinen Gedanken zum Zeitungssterben gefragt.

Zwischenzeitig konnte der Eindruck entstehen, die Bundesregierung schäme sich mittlerweile für das Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Schließlich soll nächsten Donnerstag die erste Lesung nicht nur mitten in der Nacht stattfinden, sondern ursprünglich war angedacht, die Reden einfach zu Protokoll zu geben, anstatt tatsächlich darüber zu debattieren. Jedoch bewegte der Druck der Öffentlichkeit beinahe alle parlamentarischen Geschäftsführer über Twitter zu verkünden, man wolle sich nun doch einer Debatte stellen.

Glaubt man Verlagsvertretern, so soll mit diesem Gesetz eine Verhandlungsposition gegenüber Google und anderen geschaffen werden, die momentan die Verlage schamlos ausbeuten. Also ein rettender Strohhalm im Strudel des Verderbens, der eine Publikation nach der anderen in den Abgrund reißt. Zuletzt hatte es eben die „Financial Time Deutschland“ und die „Frankfurter Rundschau“ erwischt. Fraglich bleibt, ob das Leistungsschutzrecht geeignet gewesen wäre, das Fortbestehen der Blätter zu sichern.

Nur woraus besteht dieser Strudel, der den Verlagen dermaßen zusetzt?

  • aus dem Konstrukt Tageszeitung an sich, die eigentlich Vortageszeitung heißen müsste?
  • aus dem geänderten Mediennutzungsverhalten der Jugend, die sich schon lange nicht mehr vorstellen kann, eine Tageszeitung zu abonnieren – noch nicht mal online?
  • aus einer vermeintlich kostenlosen Konkurrenz, die sich erdeistet presseähnliche Apps auf Kosten der Allgemeinheit und zum Schaden der Verlage zu produzieren?
  • aus Unternehmen, die sich nicht länger über sudokueske Klickstreckenreichweiten und Streuverluste hinwegtäuschen lassen und daher Werbemillionen effektiver investieren wollen?
  • aus einem generellen publizistischen Überangebot, das zu neuen Konkurrenzsituationen zwischen lokalen, nationalen und internationalen Medien führt, die Technologie übergreifend ihren fairen Anteil an der Aufmerksamkeit nach dem Rieplschen Gesetz einfordern?
  • aus der Erkenntnis der Werbetreibenden, dass Nachrichten selten ein passendes Werbeumfeld darstellen?
  • oder schlicht aus dem Zweifel an einem Aufmerksamkeitsmonopol der Medien™, das diese jetzt witziger Weise beim regelmäßigen Lamentieren Google zu schreiben?

Die Gründe sind deutlich vielschichtiger, aber ich will es mal dabei belassen den Umriss zu skizieren. In jedem Fall halte ich es für unredlich, den Niedergang traditioneller Medienhäuser mit einem Niedergang des Journalismus gleichzusetzen. Im Gegenteil – die klassischen Medienhäuser haben eben aus Profitgier den Niedergang des Journalismus geradezu befeuert. Früher war nicht nur alles besser, früher waren gerade die Profite höher. Und mit Einsparungen an Redaktionen konnte man ja versuchen, das wieder wettzumachen, was man in Zeiten der New Economy verballert hat.

Da kann man einfach behaupten, das Internet habe einen Geburtsfehler, weil bei der Konstruktion vergessen wurde eine Kasse aufzustellen, wie Kai Diekmann das wohl sieht. Ungeachtet dessen hatten es die Verlage ja selbst in der Hand und sie haben sich aus freien Stücken für eine Kostenloskultur entschieden. Über diese beklagen sie sich jetzt bitterlich. Der Seitenwechsler und noch Chefredakteur Gabor Steingart sieht darin gar einen „Jahrhundertfehler“, obgleich er wenige Zeilen später die Kommerzialisierung der Kommunikation anprangert und einen neuen Gesellschaftsvertrag der Wirtschaft fordert, der bitte schön die Verlage mit einbezieht.

„Wenn dir die Nachrichten nicht gefallen, dann mach sie eben selbst“

So doppeldeutig dieser Spruch daherkommt, so doppeldeutig wird er jetzt schon gelebt. Ausschließlich als Rezipienten gesehene Konsumenten haben sich längst erhoben und vor allem haben sie sich längst vernetzt. Journalisten haben in den letzten Jahren die – für sie leidvolle – Erfahrung machen müssen, dass Leserbriefe falls sie nicht in den Rundablagen der Redaktionen landen, sondern im Internet publiziert werden, andere bewegen und sich leicht viral verbreiten können. Diese Erkenntnis ist auch langsam in der politischen Führungsebene angekommen und vielleicht wird deshalb manchem Unionspolitiker Peter Altmaier unheimlich.

Wer sich vernetzt ist weniger auf das Wohlwollen der Medien™ angewiesen, er bekommt mit relevanten Inhalten trotzdem Aufmerksamkeit. Dabei fällt es zunehmend schwer, jemanden aus einer publizistischen Perspektive mit Aufmerksamkeitsentzug abzustrafen, ohne an journalistischer Glaubwürdigkeit einzubüßen.

Wie man in eindrucksvoller Weise Nachrichten macht und weltweit Medien dazu bewegt über einen zu berichten, haben allen voran Apple und Red Bull demonstriert. Gerade zu grotesk wirkten die stundenlangen Produktpräsentationen, bei denen tausende Journalisten aus aller Welt beiwohnen, um anschließend hinauszuziehen und das Wort des Konzerns zu verbreiten.

Wie sich Aufmerksamkeit generieren lässt ist keine Geheimwissenschaft. Schon gar nicht für Medienimperium wie Red Bull, das nicht nur Heerscharen von Journalisten beschäftigt (im doppelten Wortsinn), sondern gleichfalls zahlreiche Gladiatoren unter Vertrag hat, die bereit sind für die Sensation ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Natürlich gibt es im Bereich der Corporate Media Interessenskonflikte, die sich nicht auflösen lassen und die Glaubwürdigkeit massiv in Frage stellen.

„Nachrichten einer Google-Hauspostille zur Netzpolitik oder von Eon gesponserte Recherchen zur Energiewende haben mehr als nur einen faden Beigeschmack.“, meint Martin Eiermann

Die Diskussion um das Leistungsschutzrecht hat gezeigt, Verlage können ebenso wenig mit Interessenskonflikten umgehen, selbst wenn sie ein Mantra der Selbstregulierung vor sich hertragen, das angeblich geeignet wäre, ein derartiges Verhalten zu unterbinden. Bullshit!

Nach Christoph Keese, dem geistigen Vater des Leistungsschutzrechts, sollen angeblich chinesische Mauern zum Management verhindern, dass auf der anderen Seite darüber nachgedacht wird, aus welchem Fleischtopf man gefüttert wird. Bullshit!

Objektivität und Neutralität sind unmenschliche Ziele und es ist eine Anmaßung anderen diese Einsicht abzustreiten. Nicht jedem ist es sofort ersichtlich aus welchen Beweggründen sich jemand äußert, doch im Zweifel äußert er sich für sich selbst, was sich selbst vor Idioten kaum verbergen lässt. Geld, Macht und Anerkennung treibt die Menschen an und ja, selbst ich schreibe hier allein aus purem Geltungsdrang. Bingo!

„Journalism is printing what someone else does not want printed: everything else is public relations.“ George Orwell

Von der Beschaffenheit des Informationsträgers hatten wir uns ja bereits gedanklich verabschiedet. Insofern messe ich dem Gedruckten nicht dadurch mehr Bedeutung bei, obwohl sich das Zitat darauf bezieht.

Nach dieser Logik ist nicht nur von öffentlich-rechtlichen Anstalten Veröffentlichtes Journalismus, sondern auch ein um den dpa-Newsticker angereichertes und kostenfrei verbreitetes „Aldi Aktuell“. Welcher Verlag duldet denn schon eine solche Konkurrenz ohne zu jammern? Natürlich mache ich es mir mit dieser Argumentation äußerst einfach, derartiges als Journalismus darzustellen, geht es dabei gerade doch nur um den monetären Aspekt. Inwiefern würde für Aldi ein Interessenskonflikt entstehen, wenn sie lediglich als ein Mittler einen Kanal bereit stellen würden?

Wäre ein Scoop von der Dimension der Pentagon-Papiere weniger glaubwürdig, würde er bei redbull.com veröffentlicht? Der Brausehersteller hätte sich doch wie jedes anderen Medienunternehmen nach der Aufmerksamkeit verzehrt, die einmal Wikileaks galt.

Sicher meint das Orwellsche Zitat eine andere Dimension des „nicht-gedruckt-haben-Wollens“, die mehr mit telefonierenden CSU Pressesprechern zu tun hat. Aber würde man allein dies als Maßstab anlegen, so wäre Journalismus generell eine Ausnahmeerscheinung, die äußerst selten in den Medien stattfinden würde. Da braucht man noch nicht mal die schmierige Pomadenhaftigkeit eines „Journalismus“ bemühen, die zum Gebaren von Leute sich wie Gabor Steingart oder Günther Jauch führt, sich in geradezu ekelhafterweise als billige Stichwortgebern für Matthias Döpfner oder Peer Steinbrück anzudienen.

Für den einen oder anderen mag das Ende der „Frankfurter Rundschau“ und der „Financial Times Deutschland“ bedauerlich sein – sei es als Leser, als Arbeitgeber oder als ehemaliger Chefredakteur -, dennoch ist fragwürdig, ob von einem Schwinden der publizistischen Vielfalt die Rede sein kann. Mit dem Sterben dieser Blätter sterben ja nicht gleich die dort angestellten Journalisten mit. Da frage ich mich, wie viele, künftig ehemalige, Redakteure sich nicht mehr mit dem Umschreiben von Ticker-Meldungen der Nachrichtenagenturen beschäftigen müssen und jetzt Zeit für tatsächlichen Journalismus haben?

Das Internet hat in jedem Fall die Kosten für einen Markteintritt für jeden einzelnen deutlich nach unten verschoben, auch wenn sich die Verdienstmöglichkeiten dort erst langsam abzeichnen. Das ist unter anderem dem Umstand geschuldet, dass sich Verlage über Jahre das Heil im Leistungsschutzrecht erhofft haben, anstatt ein einfach zu bedienendes Micro-Payment zu entwickeln. Flattr geht vom Ansatz zwar in diese Richtung, aber hier wurde von den wenigsten Verlagen etwas ausprobiert. So bleibt Flattr eine winzige nerdige Geldumverteilung hin zu Tim, Frank und Fefe. Das Pflänzchen Crowdfoundig ist über ein paar Leuchtturmprojekte wie Matter nicht hinausgekommen.

Für mich hat sich in den letzten Jahren gezeigt, wer den Journalismus bewahren möchte, muss sich um das Wohl der Journalisten kümmern und nicht um das Wohl der Verlage. Denn vom Wohl der Verlage, haben Journalisten eher in Ausnahmefällen etwas.

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Die Verlage wollen für das von ihnen angebotene Freibier Geld

Jul 16 2012 Published by under medienkritik, meine realität, Rechteverwerter

Die Verlegerverbände VDZ und BDZV haben nun ein neues Thesenpapier veröffentlicht, um ihren Wunsch nach einem Leistungsschutzrecht für Presseverleger zu bestärken. Anstatt sich mit Fragen, die an den VDZ und an den BVZD direkt herangetragen wurden, auseinander zusetzen, ergießt sich das Papier im Wiederkäuen bereits bekannter Argumentationslinien. Man beschäftigt sich lieber mit Kinkerlitzchen und ignoriert die fehlende Legitimation durch das nicht belegte Marktversagen.

Konkret soll sich das Leistungsschutzrecht gegen Aggregatoren, Downloadplattformen, normale Gewerbeunternehmen und sogenannte Verticals richten.

„Das Leistungsschutzrecht ermöglicht es den Verlagen, diese Formen kommerzieller Nutzung zu lizensieren. Es geht den Verlagen nicht darum, die häufig durchaus guten und interessanten Dienste aus dem Markt zu drängen oder abzuschalten, sondern nur darum, Lizenzvereinbarungen mit ihnen abzuschließen.“, so das Thesenpapier

Zunächst muss man sich vor Augen halten, dass Verlage auf einem zweiseitigen Markt agieren. Somit durchaus ein Interessen an der kostenfreien Verbreitung von Inhalten haben. Die interessanten Dienste, sind vor allem solche, die den Verlagen unentgeltlich Aufmerksamkeit bescheren und damit die Werbeeinnahmen der Verlage steigern. Diese Leistung wollen Verlage in Anspruch nehmen und unterstellen gleichsam, nur die andere Seite würde davon profitieren. Dennoch können Verlage gegen eine ungewünschte automatisierte Verbreitung ihrer Inhalte Maßnahmen ergreifen. Sie können sich schon heute mit der Errichtung von Bezahlschranken dagegen wehren.

„Unternehmen, die Texte heute kopieren und deswegen in einer rechtlichen Grauzone arbeiten, können ihre Tätigkeit mit Hilfe des Leistungsschutzrechts schnell und einfach legalisieren. Das senkt ihre rechtlichen Risiken.“, meinen VDZ und BDZV

Interessanterweise wirft man in der Argumentation rechtlich Einwandfreies und Jenes in einen Topf, gegen das Verlage bereits rechtlich vorgehen können. Wer ganze Texte kopiert, so diese überhaupt die Schöpfungshöhe erreichen und damit unter das Urheberrecht fallen, kann von Verlagen schon jetzt juristisch belangt werden. Dies betrifft die sogenannten Verticals, gewerbliche Unternehmen und auch Downloadplattformen. An dieser Stelle verweisen Verlage gern auf die Unübersichtlichkeit bei den mit tatsächlichen Urhebern ausgehandelten Verträgen, an der sie im Übrigen selbst schuld sind. Mit anderen Worten begründen die Verlage in diesem Zusammenhang die Schaffung des neuen Leistungsschutzrechts mit dem eigenen Unvermögen, eine Datenbank über die erworbenen Rechte zu erstellen und den geforderten Beleg der Rechtekette selbst zu automatisieren.

Ebenso haben die Verlage heute schon die Möglichkeit, für Verticals, gewerbliche Unternehmen und Downloadplattformen, komplette Texte in automatisierter Form zu lizenzieren. Sie müssten hierfür lediglich zahlungspflichtige Schnittstellen anbieten. Nur ist zweifelhaft, ob das Leistungsschutzrecht den Verlagen bei einem generellen Problem mit der Automatisierung helfen kann.

Dagegen fallen die Snippets in Suchmaschinen und Aggregatoren nach derzeitiger Rechtslage in keine Grauzone, so sie die Schöpfungshöhe nicht erreichen. Andernfalls würden sie, wie die Texte oben, unter die den Verlagen bereits vom Urheber eingeräumten Rechte fallen.

„Niemand will die Uhr zurückdrehen. Das Internet hat faszinierende neue Verbreitungswege für Journalismus entwickelt. Diese sollten entschlossen genutzt werden. Allerdings müssen Verlage darauf achten, dass dies nicht zum Preis Null geschieht.“, so das Thesenpapier

Die Verlage haben die Entscheidung selbst in der Hand, einen anderen Preis als Null festzulegen. Sie müssen nur eine Bezahlschranke errichten und eine Preis ungleich Null festlegen. Wer sich allerdings für eine kostenfreie Abgabe der Artikel entscheidet kann nicht, nachträglich die Hand aufhalten.

„Verlässliche Informationen sind eine wichtige Voraussetzung der Wissensgesellschaft. Mit dem Leistungsschutzrecht werden neue Anreize geschaffen, in Wissensvermittlung zu investieren und die Wissensgesellschaft so zu befördern.“, so das Thesenpapier

Dass Verlage hier nicht vor Scham versinken, ist mehr als verwunderlich. Als Abgeordneter ist man gleichsam aufgeschmissen und gerade nicht in der Lage, die Diskussion um das Leistungsschutzrecht auch nur annähernd zu erfassen. Es scheint, als hätten Verlage eher ein Interesse daran, Abgeordneten das Wissen über den Stand der Diskussion vorzuenthalten. Es ist schon bezeichnend, dass der größte Teil der Diskussion um das Leistungsschutzrecht in Deutschland innerhalb von etablierten Medien nicht in Deutschland, sondern in der Schweiz stattfand. Natürlich gibt es mit beim Leistungsschutzrecht keinen Anreiz politische Entscheider ausgewogen zu informieren.

Ebenso besteht vom Anreiz her ein Unterschied, in der Etablierung eines Leistungsschutzrechts zum Vorhandensein eines solchen Rechts. Doch selbst die EU-Kommission beäugt die Anreiztheorie mittlerweile mit Skepsis.

“The assumption that more and more layers of IP-protection means more innovation and growth appears not to hold up”, so die EU-Kommission

In der ökonomischen Diskussion wird gleichfalls bezweifelt, dass die Schaffung eines Leistungsschutzrecht zu umfänglicheren und differenzierteren journalistischen Beiträgen führen kann. Dort wird mehr die Ansicht vertreten, mit dem Leistungsschutzrecht entstehe ein Anreiz möglichst Massenkompatibles zu verbreiten, da genau dies höhere Lizenzerlöse verspricht.

„Gegner des Leistungsschutzrechtes behaupten, das Leistungsschutzrecht sei so, als müsse ein Taxifahrer künftig dafür zahlen, dass er Gäste zum Wirtshaus führt. Der Vergleich hinkt jedoch: Taxifahrer kopieren die Leistungen des Wirthauses nicht. Deswegen kommt der Kunde auch nicht gesättigt vor dem Restaurant an. Suchmaschinen hingegen haben sich immer mehr zu direkten Wettbewerbern von Verlagsleistungen entwickelt. Sie bieten komplette Nachrichtenangebote an, die sie aus Leistungen der Verlage speisen.“, so die Verlegerverbände

Die Verlage haben insofern Recht, als dass Suchmaschinen Konkurrenten im Werbemarkt also im Markt um Aufmerksamkeit sind. Sie bieten den Verlagen kostenfrei die Dienstleistung an, themenspezifische Aufmerksamkeit an Verlage weiter zureichen. Gleichfalls behaupten sie, das Lesen weniger Zeichen würde das Lesen eines ganzen Artikels ersetzen.

Wenn man den Taxifahrer durch ein Branchenverzeichnis ersetzt, ändert das an der grundliegenden Argumentation der Verlage nichts. Sie behaupten, ohne sie, würde der Vermittler kein Geschäft machen. Also ohne das Restaurant würde der Taxifahrer kein Geschäft machen. Dies trifft ohne Zweifel auch auf ein Branchenverzeichnis zu, nur bezahlt das Restaurant für die dortige Indizierung, die ihm monetarisierbare Aufmerksamkeit verschafft, und nicht das Branchenverzeichnis für die Erlaubnis der Indizierung.

„Niemand muss eine Zwangsabgabe zahlen. Es gibt mit dem Leistungsschutzrecht keine GEZ wie bei ARD und ZDF. Wer die Leistungen der Verlage nutzen möchte, schließt einen Lizenzvertrag ab. Wer sie nicht nützen möchte, lässt es bleiben. Es gibt keinen Zwang. Das ist Marktwirtschaft pur.“, meinen die Verlegervertreter

„Die Wettbewerbsfreiheit soll dabei nur so weit wie notwendig eingeschränkt werden, wobei Monopole als die wohl gravierendste Form der Einschränkung gelten.“, so Prof. Dr. Reto Hilty

Das Leistungsschutzrecht ist ein Monopolrecht. Es schränkt die Marktwirtschaft ein, auch wenn von Verlagsseite etwas anderes behauptet wird. Und solange die Verlage Google unverhohlen mit dem Kartellrecht drohen, sollte Google sich statt der Lizenzierung für eine Deindizierung entscheiden, besteht ein Zwang zur Abgabe.

„Die Verlage planen, eine schnelle, moderne und unbürokratische Lizenzvergabe zu organisieren.“, so VDZ und BDZV weiter

Gleichfalls haben die Verleger schon erkannt, dass eine marktwirtschaftliche Preisentwicklung einer schnellen und unkomplizierten Lizenzvergabe widerspricht. Die kollektive Rechtewahrnehmung ist somit in ihrem Sinn, aber nicht im Sinne einer freien Marktwirtschaft, da mit einem den Verlagen vorschwebenden One-Stop-Shop die Monopolisierung der Preisbildung vorprogrammiert ist.

„Das Leistungsschutzrecht bittet Privatleute nicht zur Kasse“, so VDZ und BDZV

Nur wird mit dem Leistungsschutzrecht bisher privates Handeln gewerblich. Eine Gewinnerzielungsabsicht ist nach dem Referentenentwurf nicht nötig, um als gewerblich eingestuft zu werden, sondern lediglich die Möglichkeit selbst das neue Leistungsschutzrecht geltend machen zu können.

„Das Leistungsschutzrecht bedroht Suchmaschinen nicht
Indexieren und Verlinken werden vom Leistungsschutzrecht nicht erfasst. Suchmaschinen können Webseiten weiter problemlos indexieren und darauf verlinken.“, behaupten die Verlegervertreter

Obwohl man sich in der öffentlichen Diskussion nicht mit dem BGH Urteil zum Thumbnails geäußert hat, haben VDZ und BDZV hier widererwarten recht. Nur ist es fraglich, ob sie die Implikationen des Urteils nachvollzogen haben und deshalb zu diesem Schluss kommen. Dem Urteil nach führt ein nicht widerspruchsfreies Handeln bei einem Ausschließlichkeitsrecht zu einer Nutzungserlaubnis durch einen Suchmaschinenhersteller. Der Wunsch der Verlage indiziert zu werden, der sich durch die vom Gericht als Allgemeinwissen vorausgesetzte Funktionsweise von Suchmaschinen und die fehlenden Bezahlschranken ergibt, ist als Nutzungserlaubnis zu werten. Spätesten hier sollte man sich fragen, ob der Unterschied von der Suche zu Google News nicht im Wesentlichen in der zusätzlichen Möglichkeit zur zeitlichen Aggregation besteht. Zu behaupten, Suchmaschinen wären keine Aggregatoren greift in jedem Fall zu kurz.

Wer Freibier verteilt, kann nicht ernsthaft eine Beteiligung an den unter dem Einfluss des Freibiers entstandenen Geschäftsabschlüssen fordern. Verlage glauben wohl, sie könnten dies, ohne dass man ihnen den Vogel zeigt.

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Ein Geschäftsmodell – Dank dem Leistungsschutzrecht!

Jan 31 2011 Published by under medienkritik, meine realität, Rechteverwerter

Von Verlegerseite war in der Diskussion um das Leistungsschutzrecht für Presseverleger ein Argument zu hören, das ich zugegebenermaßen nicht ernst genommen hatte. Ein Leistungsschutzrecht würde neue Geschäftsmodelle erst ermöglichen. Nun skizziert der Bundesverband deutscher Pressesprecher in seinem Brief an Sabine Leutheusser-Schnarrenberger den Bedarf einer Dienstleistung, die sich aus der Rechtsunsicherheit für Unternehmen ergibt.

Da Verlage sich die Lizensierung der gewerblichen Nutzung journalistischer Inhalte wünschen, dies aber aus betriebswirtschaftlicher Sicht nur in begrenztem Maße für Unternehmen, für die Gesamtheit der Beschäftigten mit Internetzugang, dienlich ist, sieht der BdP eine Einschränkung der freien Internetnutzung am Arbeitsplatz kommen.

„Den Mehrbelastungen durch eine zusätzliche Leistungsschutzabgabe werden jedoch absehbar keine auch nur annähernden Erhöhungen der Budgets in den Pressestellen gegenüberstehen. Damit aber sind die Folgen vorhersehbar: Die BdP-Mitglieder werden Abonnements gedruckter Presseprodukte und weitere Ausgaben für die Pressearbeit reduzieren und zugleich empfehlen müssen, die Nutzung des WWW in Behörden und Unternehmen weitgehend zu untersagen. BDZV und VDZ haben wir daher bereits erläutern müssen, dass u.E. im Ergebnis nicht mit signifikanten Mehreinnahmen durch ein Leistungsschutzrecht zu rechnen ist. Gleichzeitig aber erweist dieses sich als schädlich, da es eine freie Internetnutzung am Arbeitsplatz beschränken wird.“ Bundesverband deutscher Pressesprecher

Nun ist die Internetnutzung am Arbeitsplatz in vielen Fällen nur geduldet. Zwar ist eine gute Informiertheit, über aktuelles Tagesgeschehen, für ein Unternehmen wünschenswert, doch nur ein Bruchteil der Beschäftigten ist zur Erfüllung der täglichen beruflichen Aufgaben tatsächlich auf journalistisch aufbereitete Informationen angewiesen. Ein Leistungsschutzrecht würde einer Einschränkung der Internetnutzung durch die zusätzlichen Kosten Vorschub leisten.

Daraus ergibt sich der Bedarf einer Dienstleistung, an deren Geschäftsmodell die Verlage aller Voraussicht nach nicht finanziell partizipieren werden – im Gegenteil.

Um sich vor der durch das Leistungsschutzrecht aufgeworfenen Rechtsunsicherheit zu schützen, könnte ein Verlagsleistungsblocker zum Einsatz kommen. Die Funktionsweise wäre ähnlich wie bei einem Adblocker, der bei beim Öffnen einer Webseite automatisch alle Werbung herausgeschneidet. Über Blacklists, die regelmäßig mit einem Server synchronisiert werden, bestimmt ein im Browser installiertes Plugin welche Inhalte nicht angezeigt werden und verhindert damit schon das Herunterladen der Werbung. Beim Verlagsleistungsblocker würde dann entsprechend das Herunterladen von Verlagsinhalten unterbunden und alle Links auf Verlagswebseiten prophylaktisch entfernt.

Nichtsdestotrotz können viele Unternehmen nicht auf das Internet verzichten, sei es zum Planen und Buchen von Reisetätigkeiten der Mitarbeiter, zur Nutzung von SocialMedia oder einfach für den schnellen Blick in die Wikipedia. Wenn es ein Dienstleister den Unternehmen mit einem Verlagsleistungsblocker ermöglicht Lizenzgebühren für das Leistungsschutzrecht zu sparen und gleichzeitig dafür Rechtssicherheit bietet, so kann dies ein Anreiz sein in derartige Technologie zu investieren.

Gleichfalls wären aufgrund der nationalen Beschränkung des Leistungsschutzrechts nur deutsche Verlage betroffen. Die Mitarbeiter könnten sich also weiterhin aus ausländischen Publikationen informieren ohne gegen Lizenzen zu verstoßen.

Doch was folgt daraus? Ein Verlagsleistungsblocker wird für einen massiven Rückgang der Reichweite sorgen. Damit einhergehend werden die Werbeeinnahmen bei deutschen Verlagen sinken und die Werbebudgets weiter zu Google, Facebook & Co. abwandern.

Das Ganze zeigt wieder einmal, dass die Befürworter eines Leistungsschutzrechts für Presseverleger die Idee nicht zu Ende gedacht haben. Von einem „Schuss ins Knie“ kann man schon gar nicht mehr sprechen, viel mehr sprengen sich die Verlage mit ihrem Vorhaben die Beine weg.

Aber solange die Verlegerlobby unsere Kinder indoktrinieren darf, ist ja alles Bestes!

by Alex E. Proimos

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