Das Leistungsschutzrecht ist nötig, um sich vor der Axel Springer AG zu schützen!

Jul 09 2012 Published by under medienkritik, Rechteverwerter

Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger setzt sich bekanntermaßen für das Leistungsschutzrecht für Presseverleger ein. Daher hat man vor ein paar Tagen eine „Dokumentation des Missbrauchs“ – eine stattliche PowerPoint-Präsentation in Umfang und Gewicht – veröffentlicht.

Eingeführt wird dieses Informationshäppchen mit beschwichtigenden Worten, die sich an Blogger, die Wikipedia oder sich ihnen verbundenen Geister richten.

„Aus gegebenem Anlass zeigen wir mit einer kurzen Dokumentation, dass Blogger, Wikipedia und co nichts zu befürchten brauchen: Es geht um die, die Verlagscontent ungeniert zusammenkopieren und damit Geld verdienen.“, so der VDZ

Ja, wer verdient denn jetzt eigentlich das große Geld mit den ungeniert zusammenkopierten Verlagsinhalten?

„Vor welchem Missbrauch schützt nun also das Leistungsschutzrecht? Dies sollen die angehängten Folien kurz demonstrieren.“, schreibt der VDZ

Hier die Dokumentation des Missbrauchs

Wir blättern mal eben auf Seite 18-20: myEntdecker!

Allein der Produktname würde mich abschrecken, mich näher damit zu beschäftigen, aber für das Leistungsschutzrecht muss man auch mal durch den Sumpf.

Um es für mich kurz und schmerzlos zu machen, klicke ich auf Impressum und lese:

Impressum
Axel Springer AG

Vorstand:
Dr. Mathias Döpfner (Vorsitzender),
Jan Bayer,
Ralph Büchi,
Lothar Lanz,
Dr. Andreas Wiele
Axel-Springer-Straße 65
D – 10888 Berlin

Sitz Berlin, Amtsgericht Charlottenburg HRB 4998
USt.-ID-Nr. DE 136 627 286, Impressum von myEntdecker

Ups!

Das Leistungsschutzrecht ist also nötig, um sich vor der Axel Springer AG zu schützen!

P.S.: Der Rechtshinweis ist noch ein Schmankerl

„Der Inhalt dieser Website ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, Aufnahme in Online-Dienste, Internet und Vervielfältigung auf Datenträger wie CD-ROM, DVD-ROM usw. dürfen, auch auszugsweise, nur nach vorheriger, schriftlicher Zustimmung durch die Axel Springer AG erfolgen. Eine kommerzielle Weitervermarktung des Inhalts ist untersagt.“, so myEntdecker

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Kulturproduktion: „davon leben können“ vs. Profitorientierung

Apr 07 2012 Published by under medienkritik, meine realität, Rechteverwerter

Angeblich haben Künstler ein durchschnittliches Einkommen von 13.689 Euro pro Jahr, angeblich bekommen Musiker 5% von den Erlösen aus dem Tonträgerverkauf und angeblich verschafft eben das Urheberrecht kreativ Tätigen die Freiheit zur Gestaltung. Um ehrlich zu sein: ich halte von dem Konzept der staatlich gewährten Monopolrechte – nicht nur bei Urhebern – recht wenig. Meines Erachtens werden sie dem eigenen Anspruch nicht gerecht, nutzen sie den Rechteverwertern doch unverhältnismäßig viel mehr als den Urhebern. Daher halte ich es für nicht verwunderlich, dass bei der handelsschmierplatten Lobbykampagne, die manch einer mit Journalismus verwechseln mag, nicht wenige in den Vordergrund treten, die von der Kreativität anderer profitieren. Man mag einräumen, die zu Wort kommenden Manager ermöglichen erst Kulturproduktion. Aber muss das so?

Kunst und Kultur entsteht mit und ohne Urheberrecht. Ob sich dabei das Urheberrecht positiv auf die Vielfalt und die Verfügbarkeit des Angebots auswirkt, ist zumindest umstritten. Allerdings befinden sich heute viel mehr Menschen in der Lage an einer Kulturproduktion mitzuwirken als vor der Alphabetisierung, als vor der Einführung der Schulpflicht und als vor der Durchdringung der Gesellschaft mit dem, was man gemeinhin als Internet bezeichnet. Einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung ist es nun möglich, sich kreativ zu betätigen und andere daran teilhaben zu lassen. Und eben dieses „andere daran teilhaben lassen“ steht mit einem „davon leben können“ in Konflikt. Wenn Amateure in ihrer Freizeit das Wissen der Wikipedia zusammentragen und „andere daran teilhaben lassen“, dann wird es schwierig bis unmöglich ein etwa zweijahrhundertealtes Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten. Muss man sich dagegen wehren?

Aus Sicht eines Autors oder eines Verleger für Lexika, der zuhause Kinder zu ernähren hat – vielleicht. Doch gesellschaftlich betrachtet, ist die allgemeine Verfügbarkeit von Wissen wohl eher als Gewinn zu verbuchen. Ja, die Wikipedia hat Arbeitsplätze vernichtet – genau wie die Alphabetisierung die Arbeitsplätze der öffentlichen Schreiber vernichtet. Natürlich kann man den Gesetzgeber beknien, wenn einem das eigene Geschäftsmodell unterm Hintern weggezogen wird. Aber vielleicht sollte man sich besser auf den Hosenboden setzten, seine Innovationsfeindlichkeit ablegen und nach neuen Chancen Ausschau halten. Der Erhalt des Geschäftsmodells des Pony-Express zu Lasten neuer Kommunikationswege wäre jedenfalls gesellschaftlich kein Gewinn.

Wenn ich mir die Chancen ansehe, die sich mit dem Internet für kreativ Tätige auftun, kann ich die Angst der Rechteverwerter, die gerade zum Angriff auf das Internet blasen, durch aus nachvollziehen. Dabei frage ich mich auch, warum die Künstler das Märchen, sie wären es, die vom Urheberrecht profitieren, glauben und sich regelmäßig zum Wohle anderer vor den Karren spannen lassen?

Ein Blick in die Vergangenheit

Kultur ist identitätsstiftend. Wer früher seinen Reichtum zur Schaustellen wollte, verdingte sich gern als gönnerhafter Mäzen. Nicht ganz uneigennützig, da die Maler und Musiker zur Selbstdarstellung des Mäzen beitrugen. Bei seinem Gönner in Ungnade zufallen, bedeutete nicht selten den finanziellen Ruin und daher war der Einfluss der Mäzene auf die Werke nicht unerheblich.

Mit dem Aufkommen der Industrialisierung ging die Industrialisierung der Kulturproduktion hin zur Kulturindustrie einher. Dabei wurde Kultur zum Investitionsobjekt und das Urheberrecht aus Sicht der Verwerter unabdingbar, zumindest die verwertungsrechtlichen Aspekte dessen. Für den Mäzen war es noch unerheblich, ob die Investition sich rentieren könnte, da Kulturproduktion für ihn nicht mit einem Geschäftsmodell verbunden war. Andererseits ist für die Gewinnmaximierung eine möglichst hohe Massenkompatibilität der Kulturproduktion erstrebenswert, worunter die Vielfalt leidet. Die Individualisierung der Gesellschaft, die der Massenkompatibilität entgegensteht, stellt dabei eine Tendenz dar, der in der Herabsetzung der nötigen verkauften Exemplare für Goldene Schallplatten Rechnung getragen wurde (Ach nein, die wurden ja nur heruntergesetzt, weil jetzt alle kostenlos aus dem Netz saugen und keiner mehr Musik kauft).

Kultur ist immer noch identitätsstiftend – auch in Zeiten des Internetz. Da weder Sven Regner mit seinem Gepammpe noch Sven Prange mit seinem willfährigen Text im Handelsschmierplatt, der seine maximale Distanz zu Journalismus und Verständnis von Wirtschaft belegt, Lösungsansätze liefern, möchte ich hier ein paar Ideen zur Diskussion stellen.

1. Kulturproduktion wird über ein bedingungsloses Grundeinkommen erleichtert

Da Jörg Blumtritt diesen Punkt schon weiterausgeführt hat, möchte ich an dieser Stelle auf seinen Artikel dazu verweisen.

2. Unternehmen investieren in Kulturproduktion

Nun erinnere ich mich an eine Sonderedition des dritten VW Golf die im Rahmen der Rolling Stones Welttournee vermarktete wurde. Dabei stelle ich mir mal eben vor, wie viel die Marketingabteilung eines Unternehmens vom Urheberrecht hält, die angestellte Werkskünstler beschäftigt. Das Unternehmen dürft an der Verbreitung von Kopien sehr interessiert sein, da potentielle Konsumenten mit Werken, die mit dem Unternehmen assoziiert werden, leichter in Kontakt kommen. Was sollte ein Unternehmen davon abhalten selbst in Teilen zu einem Medienunternehmen zu werden, wie etwa Red Bull?

3. Demokratisierung des Mäzenatentums

Diese ist schon im vollen Gange und sie birgt gegenüber dem klassischen Mäzen und der Kulturindustrie Vorteile für den Urheber, die auch ohne ein so unzulängliches Konstrukt wie das Urheberrecht funktionieren. Die Investition erfolgt nicht wie bei der Kulturindustrie unter dem Gesichtspunkt eines erwarteten Profits, sondern eher wie beim klassischen Mäzen aus identitätsstiftenden Erwägungen. Die Abhängigkeit und der Einfluss von einzelnen Mäzenen wird hierbei abgeschwächt und dennoch kann sich ein Gönner, wie auch ich, damit profilieren. Da die Profitorientierung in den Hintergrund gedrängt wird, kommt ein deutlich größerer Teil des Geldes beim kreativ Tätigen an. Für den Gebenden kann dies ein zusätzlicher Anreiz sein Geld zu geben, weil er als Fan ja möchte, dass das Geld beim Künstler ankommt und nicht irgendwo anders. Medici is the Crowd ist noch ein sehr schöner Artikel zu diesem Thema.

Fazit

Unabhängig davon, wie sich das Urheberrecht weiterentwickeln wird, gibt es heute schon eine Vielzahl von Kulturproduzenten, denen das Urheberrecht das herzlich egal ist. Ja, sie sind aus selbst Urheber, sie geben und freuen sich, wenn ihr Output wieder als Input fungiert, noch bevor eine Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autors abläuft. Sie sind gar entzückt über die Rekombination und Transformation ihrer Werke. Ihnen sind die Geschäftsmodelle egal und sie liefern dennoch Grundlagen für so etwas.

Übrigens ist das knappe Gut, das Künstler tatsächlich veräußern können, ihre Lebenszeit. Wenn ein Künstler nicht in der Lage ist, diese zu monetisieren, dann empfehle ich ihm, falls er „Davon leben können“ muss, einen anderen Beruf zu ergreifen. Ob ihm ansonsten das Urheberrecht helfen würde, bezweifle ich allerding sehr. Im Gegenteil: würde das Urheberrecht halbwegs funktionieren würden nicht die Verwerter den Löwenanteil erhalten, sondern die Urheber.

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Warum nutzen Verlage nicht das Leistungsschutzrecht, das ihnen bereits zusteht?

Nov 18 2010 Published by under der presseschauer fragt nach, Rechteverwerter

Sehr geehrter Herr Fuhrmann,

vielen Dank für die Hinweise zum Leistungsschutzrecht (LSR) aus ihrem Hause. Mit dem überwiegenden Teil der Texte bzw. der Autoren habe ich mich auch persönlich auseinander gesetzt. So sezierte ich bereits die Widersprüchlichkeit von Mathias Döpfner. Mit Christoph Keese habe ich nun schon diverse Gespräche geführt, wobei die Veröffentlichung eines Interviews mit ihm noch aussteht und er mir unterstellt, ich würde in seinem Verhalten eine Verschwörung wittern. Wesentlich konstruktiver war das Gespräch bzw. der Mailverkehr mit Robert Schweizer, der in einer Form geantwortet hat, die ich mir von jedem wünsche. Zwar haben wir durchaus inhaltliche Differenzen, aber die Form stimmt einfach. Die Beiträge von Roland Pimpl sowie die Stellungnahme auf ihrer Webseite kannte ich in der Tat noch nicht.

Leider beantworten all diese Texte nicht die Fragen aus meiner offenen Mail, daher muss ich die Hoffnung ihrer Pressereferentin, die Hinweise12345 würden weiterhelfen, leider enttäuschen. In Anbetracht ihres hervorgehobenen Zeitmangels konkretisiere ich die Fragen aus meinem ersten Anschreiben.

1. Zitatrecht

„[Und News und Texte] werden schon deshalb nicht monopolisiert, weil das LSR Texte nur in Anbindung an das Presseerzeugnis erfasst.“ Christoph Keese – Horizont Nr. 42 – Okt. 2010

Zitate leben davon, dass man auf die ursprüngliche Quelle Bezug nimmt, also eine Anbindung schafft. Dabei haben ausgerechnet die Verlage jahrelang auf korrekte Quellenangaben bei Zitaten verzichtet und machen dies teilweise heute noch. Und es ging wohlgemerkt nicht um Quellenschutz, sondern um mangelnde Honorierung der Schaffenden. Die Geschichte um den tatsächlichen Namen von Karl-Theodor zu Guttenberg zeigt welch abstruses Ausmaß diese verlegerisch fragwürdige Nicht-Leistung angenommen hat. Dass bei der Gelegenheit unter Umständen erst „Wahrheiten“ geschaffen werden sei nur am Rande angemerkt.

Wenn durch ein LSR für Presseverleger Teile eines Presseerzeugnisses geschützt werden und durch eine Anbindung das LSR greifen soll, kann dann ein gewerblicher Nutzer nur in Lizenz 6 verweisend zitieren?

2. Unzureichende Schutzrechte

„Tatsächlich ist kein Grund ersichtlich, warum die Presseverleger anders, nämlich schlechter behandelt werden sollen als die übrigen Werkmittler, die bereits heute durch ein Leistungsschutzrecht geschützt sind.“ BDZV Pressemitteilung

Die Behauptung Presseverleger wären schlechter gestellt als andere Werkmittler, schließt Datenbankhersteller aus, da Verlage heute schon eben das Leistungsschutzrecht für Datenbankhersteller zusteht, wie Reto Hilty auf dem netzpolitischen Kongress ausführte. Zwar müssen Datenbankhersteller mit der Einschränkung leben, dass ihr Leistungsschutzrecht nur dann greift, wenn „wesentliche“ Teile einer Datenbank übernommen werden. Dennoch ist nicht zu beobachten, dass die Zahl der Datenbanken, trotz der Schutzlücke, abnehmen würde.

Warum schöpfen die Verlage den gegebenen Rechtsrahmen nicht aus?

3. Zwangsabgabe

„Nur wer dieses Angebot für die Zwecke eigener Gewinnerzielung annimmt, muss dafür ein vertragliches Entgelt zahlen. Deshalb ist auch falsch, den Eindruck zu erwecken, mit dem Leistungsschutzrecht würde eine staatliche Zwangsabgabe geschaffen.“ BDZV Pressemitteilung

Google hat wohl zwei Optionen mit dem Leistungsschutzrecht umzugehen:

  • Verlagsinhalte werden aus dem Index genommen
  • Man zahlt Lizenzgebühren für das Leistungsschutzrecht

Zum ersten Punkt haben die Verlage bereits angedroht kartellrechtlich gegen Google vorzugehen.

Wenn Google eben keine Entscheidungsfreiheit hat, warum soll dann das Leistungsschutzrecht keine Zwangsabgabe, wie von ihnen behauptet wird, sein?

Bitte beachten Sie, dass dieser Text in meinem Blog www.presseschauer.de veröffentlicht wurde und ich mir vorbehalte Ihre Antwort ebenfalls zu veröffentlichen. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, bitte ich Sie dem ausdrücklich zu widersprechen.

Mit freundlichen Grüßen


Daniel Schultz

by labormikro

  1. Mathias Döpfner: «Wer liberal ist, verteidigt geistiges Eigentum» []
  2. Christoph Keese: “Die Verlage waren schon im Internet, als es Google noch gar nicht gab” []
  3. Robert Schweizer: “Fair Share”: Verlage sollten angemessen an Werbeeinnahmen aus Links beteiligt werden []
  4. Burkhard
    Schaffeld: Schluss mit der Kostenloskultur im Internet – Leistungsschutzrecht für Verlag []
  5. Roland Pimpl : „Was Verlage leisten“ und „Kräftemessen mit Nebelkerzen“ beide Horizont Nr. 42 – Okt. 2010 []
  6. Die Verwertungsgesellschaft GEMA konnte sich zeitweise nicht mit Google über Lizenzen einigen, daher wurden betroffene Videos vorübergehend gesperrt. []

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Leistungsschutzrecht für Mathematiker?

Sehr geehrter Herr Döpfner,

da ihre Forderungen nach einem Leistungsschutzrecht für Presseverleger sich nach wie vor in Lobbyismus manifestieren und ihre Experimente mit Paid-Content in vollem Gange sind, kann ich wohl die fortbestehende Gültigkeit ihrer Aussage zur vermeintlichen Kostenloskultur im Internet annehmen. Damit befinden sie sich gedanklich in der Nähe der IIPA, die das Nutzen von Open-Source Software anprangert.

“Rather than fostering a system that will allow users to benefit from the best solution available in the market, irrespective of the development model, it encourages a mindset that does not give due consideration to the value to intellectual creations.” IIPA

Aus einem betriebswirtschaftlichen Standpunkt heraus verfolgt man als Verkäufer das Ziel der Gewinnmaximierung und als Käufer das Ziel der Kostenminimierung. Geregelt wird der Preis bekanntermaßen durch den Markt, so nicht der Staat Monopolrechte in Form von Patenten, Urheber- oder Leistungsschutzrechten gewährt. Die Idee darin besteht Anreize durch direkte Monetarisierungsmöglichkeiten bei Kreativen zu schaffen, um Kreativleistung zu fördern.

Dem gegenüber stehen eine Menge Menschen, die in verschiedenster Form kreativ sind und deren primäres Anliegen nicht das Geld verdienen ist. Es mag identitätsstiftend, das Streben nach Anerkennung, die Obsession für ein ausgefallenes Thema, das Gefühl an etwas richtig Großem mitzuwirken oder ein bisschen von alldem sein, aber letztlich kennt nur jeder selbst die Motivation für seine Hobbies.

Anstatt in ihrer Freizeit passiv vor dem Fernseher zu sitzen oder einfach nur Zeitung zu lesen, wird das aktuelle Tagesgeschehen dokumentiert und kommentiert. Andere machen Fotos, wieder andere arbeiten an OpenStreetMap und manch einer programmiert an einem bekannten Open-Source Projekt. Früher waren Menschen mit ausgefallenen Hobbies allein, aber heute können sie sich finden, viele sein und Berge versetzen.

Vor 10 Jahren hätte man wohl eher geglaubt, das Internet würde wieder verschwinden, als dass der altgediegene Brockhaus als Auslaufmodell eingestuft worden wäre. Doch auf einmal war der Brockhaus nicht mehr konkurrenzfähig. Die Inhaltliche Qualität der Wikipedia kann sich mit den großen Lexika vielleicht nicht immer messen, dafür ist sie aktueller, umfangreicher, detailreicher, praktischer und kostenlos. Als Konsument macht man nun eine einfache Kostennutzenrechnung und entscheidet sich, trotz der qualitativen Defizite, gegen ein gedrucktes Lexikon.

Sie können beruhigt oder unberuhigt darüber sein – diese Entwicklung macht auch nicht vor Dingen [sic!] halt. Herrscharen von Designern, Baustlern und Hackern, Profis wie Amateure, laden gerade Baupläne für Kunst- und Gebrauchsgegenstände auf thingiverse.com hoch und runter, verbessern 3D-Drucker und 3D-Scanner, und tauschen sich über ihre Fortschritte aus. Anschließend erfreuen sie sich, dem Ziel, einem Replikator wie auf der Enterprise, einen Schritt näher gekommen zu sein. Da viele sich der Urheberrechtsproblematik gewahr sind, werden bewusst Lizenzen wie Creative Commons zur Veröffentlichung der selbst kreierten Objekte genutzt. Damit können andere die Objekte nach ihren Bedürfnissen anpassen und das Derivat wieder anderen zur Verfügung stellen. Gleichzeitig entsteht ein Bedarf an Werkzeug, Raum, Rohstoff und Knowhow, der vom findigen Dienstleister in sogenannten Fab Labs befriedigt wird. Diese schießen derzeit global wie Pilze aus dem Boden.

Gleichwohl muss man sich die Frage stellen, welcher ernsthaft denkende Mensch bereit ist, Geld für ein Produkt auszugeben, für das es ein kostenloses Äquivalent gibt, das den individuellen Ansprüchen genügt? Dennoch – selbst wenn die Baupläne für Maschinen kostenfrei genutzt werden können, sind die wenigsten imstande alle nötigen Produktionsschritte selbst durchführen zu können. Hier entsteht ein Bedarf für spezialisierte Dienstleister wie etwa LasernLasern. Ebenso halte ich den Wunsch nach individuellen Produkten als auch den Wunsch nach Komfort für Faktoren, die über die Zahlungsbereitschaft der Menschen entscheiden. Somit werden nicht mehr funktionsfähige Geschäftsmodelle durch neue ersetzt. Zweifelsohne sind große Unternehmen, die den Großteil ihres Geldes mit nur einem Geschäftsmodell erwirtschaften, auf dieses fixiert und optimiert. Daraus folgt zwangsläufig eine Forderung nach der Erhaltung des Status Quo, um nicht durch die Veränderung zu Grunde zu gehen.

Leider entsteht bei den Verlagen der Eindruck, sie wären nicht bereit für eine Veränderung und damit bewogen mit allen erdenklichen Mitteln den eigenen Stand zu sichern. In der Debatte wird immer wieder die Wichtigkeit journalistischer Leistung für die Demokratie hervorgehoben, quasi als systemrelevant erachtet.

Nun muss man bei genauer Betrachtung scharf zwischen Journalismus und Verlagen trennen. Verlage sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen und dadurch den Eigentümern verpflichtet. Demzufolge ist die Boulevardisierung der Medienlandschaft betriebswirtschaftlich nur konsequent. Auch der Umgang der Verlage mit freien Journalisten zeigt, wie wertvoll den Verlagen journalistische Inhalte sind. Offensichtlich hätten sie diese am liebsten kostenlos. Bei Journalisten mit Festanstellung steigt der Druck und die Wahrscheinlichkeit den Arbeitsplatz zu verlieren.

Da Menschen mit den Fähigkeiten von Journalisten gesucht sind, landen viele, nach dem Verlust des Arbeitsplatzes, in der PR-Branche. Die dünner besetzen Redaktionen sind dann natürlich dankbar für die kostenlose Unterstützung, die dann dem Leser als Qualitätsjournalismus verkauft wird. Witziger weise tauschen PR-Unternehmen die kostenlose Platzierung und Verbreitung ihrer Inhalte gegen einen Anspruch auf Autorschaft bzw. urheberrechtliche Ansprüche. Ihnen ist sogar möglichst daran gelegen, nicht damit in Zusammenhang gebracht zu werden, da man das Vertrauen in das jeweilige Medium auch für künftige Aktionen nutzen möchte.

Ob man sich von der Idee eines durch Unternehmer gelenkten Journalismus verabschieden und andere Wege beschreiten muss?

Mir scheint, unter Bemühung der Pressefreiheit, gar ein Existenzrecht für Verlage hergeleitet zu werden. Doch empfinde ich dies ähnlich absurd, als würden Hersteller von Sicherheitsschlössern aus der Unverletzlichkeit der Wohnung eine Existenzberechtigung ableiten. Bloß hat sich im Bereich Sicherheit, die Transparenz der Abläufe als Wettbewerbsvorteil erwiesen. Im Übrigen sind die mathematischen Verfahren hinter Kryptographie auch kostenlos.

Vielleicht sollte man mal über die Berufsgruppe der Mathematiker nachdenken, die praktisch schon immer von ihrer Dienstleistung gelebt haben, da Werke in Form von Beweisen und Formeln nach dem Gesetz nicht schützbar bzw. lizensierbar sind. Da sie allerdings über Fähigkeiten verfügen, die rar und begehrt sind, sind sie finanziell gut gestellt und gesellschaftlich anerkannt.

Es sollte ihnen zu denken geben, dass ausgerechnet die von ihnen als „spätideologisch verwirrten Web-Kommunisten“ ihnen das Nichtverstehen von Marktwirtschaft vorhalten.

Bitte beachten Sie, dass dieser Text in meinem Blog www.presseschauer.de veröffentlicht wurde und ich mir vorbehalte Ihre Antwort ebenfalls zu veröffentlichen. Sollten Sie damit nicht einverstanden sein, bitte ich Sie dem ausdrücklich zu widersprechen.

P.S.: Wenn Springer „Zensur“ schreit…

Mit freundlichen Grüßen


Daniel Schultz

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Löschhölle ist Hölle

Jan 12 2010 Published by under medienkritik, meine realität

Nun ist seit letzter Woche eine Löschdiskussion innerhalb der Wikipedia entfacht, bei der mit harten Bandagen für den Erhalt bzw. für die Löschung des Artikels Bratwurstjournalimus gekämpft wird. Dabei fiel dann auch der Begriff Löschhölle:

„Scheint irgendwie schon relevant zu sein – selbst Christian Lindner (Chefredakteur der Rhein-Zeitung) twitter darüber http://twitter.com/RZChefredakteur/status/7518669012 –87.162.51.36 15:27, 8. Jan. 2010 (CET)

Wenn selbst die Behaltenwoller wie Slartibartfass schreiben dass der Begriff nicht etabliert ist, dann ist das Begriffsfindung und nach Wikipedia:Was Wikipedia nicht ist Pkt. 2 schlicht hier nicht gewollt. Löschen, aber sowas von Und @–Drölftausend: Ist halt manchmal so in der Löschhölle, dass die Diskussionen frustrierend sein können. Bitte nicht abschrecken lassen, sondern zur Entspannung Artikel schreiben;-) Alles Gute wünscht Kriddl 15:34, 8. Jan. 2010 (CET)“ Wikipedialöschdiskussion

Da ich mir mit dem Begriff in seiner gänzlichen Bedeutung unsicher war, begann ich also eine Recherche. Die Wikipedia selbst konnte mir dabei nicht weiterhelfen, da sich heute die letzte Löschung des Artikels Löschhölle jährte und somit kein passender Artikel vorhanden war. Nun habe ich mir den Vorschlag von Kriddl zu Herzen genommen und zur Entspannung einen neuen Artikel geschrieben. Und zwar über die Löschhölle.

Scheinbar hat der Begriff schon eine deutlich höhere Relevanz, da er von Radio, Tageszeitung und Fachmagazinen aufgenommen wurde (T3N, Tagesspiegel, c’t, Deutschlandradio, TAZ und Netzpolitik.org).

Wikipedianer sehen das anders und haben sofort eine Löschdiskussion dazu eröffnet.

Das Credo lautet: „Bloß schnell weg damit – Löschen!“ – Also willkommen in der Löschhölle

by bastique

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